TOPOLOGIE DES VERLUSTS

Gedicht

von  Drita


I –

Ich lese einen Roman,
eine Sommerliebe, die nicht hält.

Drei Frauen
nahe meinem Zelt,
drei Geschichten im Staub des Tages.

Die Jungen sind verschwunden
wie Wörter aus einem Satz,
den niemand zu Ende spricht.


II – 

Ein Stück weiter:
vier Tote im Gras.

Schreie,
die nicht aufhören,
auch wenn niemand mehr da ist, der sie ruft.

Die Mutter
weint bis zum Morgen,
bis selbst die Zeit müde wird.


III – 

Und ich wundere mich,
wie die Sonne wieder aufgeht,
als wäre nichts geschehen.

Als hätte der Tag
keine Erinnerung.


IV – 

Ich weiß nicht,
ob ich mich selbst verlieren soll
oder ans Meer gehen.

Der Strand wartet,
gleichgültig, hell,
als wäre Verlust nur eine andere Form von Licht.



Hinweis: Der Verfasser wünscht generell keine Kommentare von downunder.

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (29.06.26, 09:23)
Hallo Drita,

es ist schrecklich, wie einsam Tragik ist.

Liebe Grüße
Ekki

 Drita meinte dazu am 29.06.26 um 09:34:
Danke Ekki. 

Liebe Grüsse
Drita

 Vaga (29.06.26, 18:00)
Liebe Drita, bereits der Titel Topologie des Verlusts faszinierte mich auf Anhieb und ich war demzufolge gespannt darauf, wie du verschiedene Verlust- und Schmerzsituationen in deinem Gedicht 'verorten' würdest. 
Wie du das geschafft hast, finde ich genial, m. a. W. unfassbar dicht und mit hoher Emotionalintelligenz geschrieben. In diesen vier Gedichtfolgen kartografierst du keinen starren Schmerz, sondern zeichnest die Bewegung nach, wie und auf welche Weise wir Menschen Verlust erleben (können): 

In Teil I verortest du den Verlust zunächst als schmerzhafte Lücke im Alltag
Die Jungen sind verschwunden
wie Wörter aus einem Satz,
den niemand zu Ende spricht. 
Verlust als (be-)greifbares Fehlen im vertrauten Raum.

II: Das pure Trauma wird in diesen Zeilen spürbar:
...im Gras.

Schreie,
die nicht aufhören,
auch wenn niemand mehr da ist, der sie ruft.
Und das unaufhörliche Weinen der Mutter
bis selbst die Zeit müde wird.
Diese Zeilen lassen den Gedanken an das Phänomen des Phantomschmerzempfindens nach Verlust eines Körperteils aufkommen.  

III. Ein schmerzhafter schockartig aufkommender Gedanke, dass der Verlust keinen 'festen' Platz (mehr) haben könnte - ist so, so, so berührend in Worte gefasst:
Und ich wundere mich,
wie die Sonne wieder aufgeht,
als wäre nichts geschehen.
Und dann dieser Moment des potenziell spürbar werdenden Selbstverzweifelns bzw. der Angst vor dem 'Selbstverlust', bedingt durch den unendlichen Schmerz (das Meer versinnbildlicht für mich die 'Unendlichkeit') in IV. 
Ich weiß nicht,
ob ich mich selbst verlieren soll
oder ans Meer gehen.
Und dann, als ob das unfassbare Verlustempfinden sich plötzlich von der Wahrnehmung ins Atmosphärische hineinbegibt oder sogar auflöst darin und/oder vielleicht auch nur auf diese Weise ertragbar wird, 'gipfelt' in der letzten Zeile:
als wäre Verlust nur eine andere Form von Licht.

Ich bleibe voller Nachgedanken noch eine Weile an diesen tiefsinnigen, aber auch zutiefst sinnlichen 'Verlustverortungen' hängen, die du auf so wunderbare Art in Worte gefasst hast. 

Herzlich - Vaga

 Moppel antwortete darauf am 30.06.26 um 19:56:
ich schließe mich Vaga an. Sie hat es fein analysiert. lG von M.

 downunder (30.06.26, 19:50)
Dieses Gedicht finde ich im Gegensatz zu "verwischte Zeilen" sehr gelungen, weil du hier auf pompöse Metaphern verzichtest, die Sprache daher klar und einfach, der Inhalt aber komprimiert und geballt ist. LG

Kommentar geändert am 30.06.2026 um 19:52 Uhr
Zur Zeit online: