Die Stimme, die mich rief

Text

von  Verlo

Nach einem Referat in Sozial-Psychologie konnte ich für Jahre nicht mehr an die Universität denken, ohne daß mich eine Stimme anforderte, so schnell zu ihr zu kommen, damit sie mir etwas Wichtiges sagen kann.

Die Stimme war nicht im Raum, sondern im mit steinen ausgelegten Hinterhof drei hohe Stockwerke tiefer.

Ich hätte das Küchenfenster öffnen können, um der Stimme zuzuhören. Aber ich traute mich nicht. Die Stimme würde darauf bestehen, daß ich ganz schnell zu ihr kommen, damit sie mir ins Ohr flüstern kann.

Ganz schnell bedeutete: ich sollte aus dem Fenster springen. Die Treppe hinunter zu rennen, war zu langsam.

Wenn nur das Küchenfenster gewesen wäre ... Die Treppe hinunter hatte große Fenster, die geöffnet werden konnten. 

Jedesmal. 

Jedesmal.

Jedesmal, wenn ich die Treppe runter oder hoch ging, rief mich die Stimme. Um so lauter, je höher ich war.

War ich unten und stand im Hinterhof, schwieg die Stimme.

Normalerweise würde man einfach oben in der Wohnung bleiben und warten, bis die Stimme einen vergessen hat. Aber ich mußte zur Arbeit und Besorgungen erledigen.

Also fast jeden Tag konzentriert und entschlossen, besonders am oberen Fenster.

Ich dreht ihm den Rücken zu und hielt mich mit beiden Händen am Treppengeländer fest, so als würde ich klettern: eine Hand immer fest am Geländer.

Langsam, damit ich immer einen festen Stand hatte und jeder Zeit bereit war, mich ans Geländer zu klammern, wenn die Stimme sehr stark nach mir rief.

Gefährlich war nicht nur die Treppe, auch im Bett erreichte mich die Stimme. Dachte ich, vielleicht kannst du ja mal mit dem Fahrrand an der Uni vorbeifahren und fühle, ob du bereit bist, wieder zur Uni zu gehen, rief mich die Stimme und forderte mich entschieden auf, schnell, schnell zu ihr zu kommen.

Ich blieb liegen und dachte nicht mehr an die Universität.

Die Stimme schwieg.

Blieb nur die Treppe. Aber wirklich schlimm war nur das obere Fenster. Was es eigentlich nicht gab, da ich es nicht sah.

Die Vorstellung, ganz normal am oberen Fenster vorbeizugehen, vielleicht hinauszusehen, vielleicht das Fenster zu öffnen, damit die stickige Luft abziehen kann – auch noch jetzt, rund 30 Jahre später und über 1000 Kilometer Luftlinie entfernt: unvorstellbar.

Die Stimme wurde mit der Zeit nicht leiser. Ich wollte im Sommer die Vordiplom-Prüfungen machen. Also ging ich zu einer Verhaltens-Psychologin am anderen Ende der Straße.

Sie war schockiert, vor allen Dingen von meiner Vorstellung, mich erfolgreich innerhalb einer Frist zu therapieren. Sowas geht gar nicht.

Danach suchte ich einen Psychologen auf, bei dem ich vor Jahren in Behandlung war. Nach einem halben Jahr bracht er die Therapie ab. 

Nein, er brauch die Therapie nicht einfach ab, sondern er fügte mit großen Schmerz zu, um ... Keine Ahnung, was er davon hatte, daß ich in der Sitzung plötzlich so starke Magenschmerzen hatte, daß ich glaubte, wieder ein Magengeschwür zu haben.

Ich flehte ihn an. Wenigsten noch eine Sitzung, damit wir klären könne, was hier eben passiert ist.

Nein, er hat demnächst keine Termine frei, müssen außerdem zu Weiterbildung.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich war zu jeder Sitzung pünktlich erschienen, hatte mich vorbereitet, bin seiner Aufforderung gefolgt, zu erzählen, was mir einfällt. Meist konnte ich berichten, daß ich mich besser fühle, daß etwas in mir sagt, ich löse das Problem. Ich danke ihm, daß er mir dabei hilft.

Aber für mich völlig überraschend sagte er in einer Sitzung: Mehr als große Worte haben Sie nicht zu bieten. Damit können Sie sich etwas vormachen, aber nicht mir. Sie verschwenden nur meine Zeit, die andere Klienten besser nutzen würden. Ich weiß nicht, warum ich mir das antue. Ich bin hier überflüssig.

Als einzige Erklärung sagte er, er hätte auch ein Recht auf seine Gefühle. Ansonsten hatten wir noch einige Sitzungen, bis ich zur Gruppentherapie wechselte, aber ich haben ihm nicht mehr vertraut.

Vom Erstgespräch der Gruppentherapie habe ich schon erzählt ("Der Mensch hinter Verlo"). 

Die Gruppentherapie selbst dauerte zwei Jahre, wobei der Psychiater mehrmals Urlaub hatte. Gern ist er zum Tauch-Urlaub nach Thailand oder den Malediven oder so. Der Doktor war lebenslustig.

Aber auch eiskalt. Er fragt in die Runde, wer etwas erzählen möchte. Schaute umher. Die meisten schauten nach unten oder zum Nachbarn. Ich sagte, ich möchte erzählen ... Nein, du bist noch nicht so weit.

Tja, er ist der Psychiater mit Jahrzehnten Erfahrung. Außerdem leitet er Supervisionen andere Psychiater und Psychologen.

An seiner Expertise kommt niemand vorbei.

Ich glaube, die anderen waren noch nicht bereit, und der Psychiater wollte sich nicht den Zeitplan verstören lassen. Auch Psychologen und Psychiater gehen es auf Arbeit lieber ruhiger an. Gern weiß man, was am Tag zu tun ist. Überraschungen bedeutet Streß und mehr Arbeitszeit.

Mit aber ging es darum, das Problem zu erkennen und zu lösen. Ich war nur in Therapie, weil keine Ahnung hatte, woher die Stimmen kamen und was genau sie wollten, wer sie geschickt hat, warum nach diesem super Referat.

Eigentlich hatte ich erwarte, daß ich mich nach meinem wohl bisher besten Referat ausgezeichnet fühle und die letzten nötigen Leistungsscheine für Vordiplom wie im Flug erlange.

Aber es ging nichts mehr.

Fünf Jahre lang konnte ich nicht zur Universität gehen.

Zweieinhalb Jahre verbrachte ich mit den beiden Therapien. Verbesserung meiner Situation: Null. 

Nein, ich fühle mich nach den Therapien schlechter als vorher.

Ich schreibe das schnell in einem kurzen Satz. Ich sollte es deutlicher machen: Zweieinhalb Jahre meiner Zeit haben ich ordentlich an Psychotherapie teilgenommen, war diszipliniert, haben keinen Radau gemacht, habe mich zurückgenommen, obwohl ich sehr viel zu erzählen hatte. 

Und bin keinen Schritt, keinen Zentimeter, nicht einmal einen Millimeter an eine Lösung meines Problems und meiner Gesundung gelangt. 

Schlimmer.

Ich war sicher: wenn zwei Spezialisten mir nicht helfen können, werde ich das Problem auch nicht lösen.

Ich war überzeugt: mein Problem wir nie gelöst werden.

Dabei war es ganz einfach.




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