unbekannt verzogen

Prosagedicht zum Thema Erinnerung

von  Perry

Wenn Du angemeldet wärst, könntest Du Dir diesen Text jetzt auch anhören...

zum jahrestag schicke ich dir einen brief
gebe als adresse hinterm horizont an
denn die urnenplatte hat keinen schlitz

vielleicht falte ich aus dem umschlag auch
ein segelschiff und ziehe die geschriebenen
seiten als fock schrat und rahsegel auf

oder lasse die botschaft als rauchzeichen
vom lagerfeuer am strand aufsteigen
der seewind wird ihr den weg zeigen




Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 AnneSeltmann (08.07.26, 10:14)
Moin Perry!

Dein Gedicht hat mich sehr berührt.
Schon die ersten Zeilen haben mich innehalten lassen. Der Gedanke, einen Brief „hinterm Horizont“ zu schicken, weil die Urnenplatte keinen Schlitz hat, ist so schlicht und gleichzeitig so schmerzhaft. Er sagt mit wenigen Worten alles über das, was bleibt, wenn man niemandem mehr schreiben kann – und es trotzdem tut.
Ich mag besonders, dass du dem Brief verschiedene Wege gibst. Erst wird er zu einem Segelschiff, dann zu Rauchzeichen. Als würde die Liebe nicht aufgeben, nach einer Möglichkeit zu suchen, den anderen doch noch zu erreichen. Das hat für mich etwas ungemein Tröstliches.
Und dann dieser letzte Gedanke, dass der Seewind die Botschaft schon finden wird. Er lässt Raum für Hoffnung, ohne den Schmerz kleiner zu machen.
Danke, dass du diese Zeilen geteilt hast. Sie zeigen, dass manche Worte vielleicht nie ankommen – und trotzdem geschrieben werden müssen.


Liebe Grüße

Anne
Zur Zeit online: