Ein mutmaßlicher Vorfall

Satire zum Thema Allzu Menschliches

von  Citronella

Meine Güte, was war da nur wieder los in Niederdeichhausen! Es wurde geprügelt, gerauft, mit Flaschen geworfen und gepöbelt, dass einem angst und bange werden konnte.


Zunächst berichtete nur die Kreiszeitung darüber. „Zahlreiche Mitglieder des Gemeinderates in Schlägerei verwickelt“ hieß es auf der Titelseite. Schon am nächsten Tag revidierte das Blatt seine Aussage. Die Polizei prüfe noch, wer wirklich an dem Geschehen beteiligt war. Ob es Gemeinderatsmitglieder waren, sei gar nicht klar. Aus ermittlungstaktischen Gründen wolle man zur Zeit aber keine weiteren Angaben machen.


Dabei war im Ort längst bekannt, wer an jenem Abend alles beteiligt gewesen war: Vertreter zweier Parteien waren nach einer Sitzung mit heftigen Debatten und dem anschließenden Konsumieren mehrerer alkoholischer Getränke so aneinander geraten, dass auf eine Ohrfeige des einen ein Faustschlag des anderen folgte – man kannte dies von den jährlichen Schützenfesten. Aber davon brauchte die Öffentlichkeit nichts zu erfahren.


Anfragen von Journalisten aus der Landeshauptstadt, die von den Vorkommnissen Wind bekommen hatten, wurden kurz und bündig mit dem Hinweis auf„laufende Ermittlungen“ abgewehrt. Auch die Kreiszeitung sprach jetzt ganz bescheiden von „mutmaßlichen Auseinandersetzungen, an denen eventuell auch Gemeinderatsmitglieder aus Niederdeichhausen beteiligt gewesen sein könnten“.


Inzwischen war Bürgermeister Jochen Pickenpack, der nicht nur mutmaßlich, sondern dank Handyvideo eines anderen Beteiligten gesichert als Auslöser der Prügelei feststand, nach drei Tagen Krankenhausaufenthalt wieder zu Hause. Eine große Platzwunde am Kopf hatte genäht werden müssen, und da er sehr unglücklich gestürzt war, hatte ein Schädel-Hirn-Trauma erst einmal ausgeschlossen werden müssen.


Agathe, seine Frau, hatte die Zeitungen der letzten Tage aufbewahrt. Jochen gefiel gar nicht, was er da las. „So'n Blödsinn!“ krakelte er, „Was heißt hier mutmaßlich? Warum können die denn nicht klar sagen, was passiert ist? Ich ruf gleich mal Holger an.“


Mit Holger, dem Chefredakteur der Kreiszeitung, war Jochen schon zur Schule gegangen. Man duzte sich also. Und Jochen machte Holger klar, dass es seine Pflicht sei, über Vorgänge im Dorf wahrheitsgemäß zu berichten, auch wenn es für manche Beteiligte nicht immer schmeichelhaft sein würde.


Holger kam seiner Bitte nach. In der Wochenendausgabe der Kreiszeitung widmete er den Geschehnissen noch einmal eine halbe Seite.


Bürgermeister im Gemeindehaus schwer verletzt – Was wirklich in Niederdeichhausen geschah


Nach einer Sitzung des Gemeinderates Niederdeichhausen kam es zu einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen Mitgliedern der hier vertretenen beiden Parteien. Beim Versuch, aufzustehen und den Streit zu schlichten, verletzte sich der Bürgermeister an der defekten Lehne seines Bürostuhls, stolperte und fiel unglücklich mit dem Kopf auf ein dahinter stehendes Sideboard Dabei zog er sich eine größere Platzwunde zu. Er wurde zur Behandlung ins Klinikum Hinterdeichhausen gebracht. Nach umfänglichen Untersuchungen konnten weitere Verletzungen ausgeschlossen werden. Die leichten Blessuren anderer Gemeinderatsmitglieder, über die fälschlicherweise berichtet wurde, entstanden wahrscheinlich bei einem turbulenten Fußballspiel der beiden Parteien am selben Abend. Das Spiel ging unentschieden aus. Auf eine Verlängerung wurde nach einem langen Sitzungstag verzichtet.


Wir bitten um Entschuldigung, dass wir über das Geschehen aufgrund einer Fehlinformation zunächst falsch berichteten.


Jochen war zufrieden. Als die Hauptstadtjournalisten am nächsten Tag anriefen, um eventuell noch nähere Informationen zu erhalten, war er schon zur Reha in sein Ferienhaus nach Sylt aufgebrochen. Und alle anderen Beteiligten wussten nichts Weiteres zu berichten.





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