Ungewöhnliche Begleiter
Roman
von Wastl
Schon als ich ein kleines Mädchen war, konnte ich es nicht ausstehen, wenn man mich wegen meiner Schwächlichkeit und Zierlichkeit bemitleidete oder, noch schlimmer, sich über mein Äußeres lustig machte. Das Einzige, das mich in diesem öden Alltag als Kind tröstete, waren zwei Stofftiere, die mir mein Vater schenkte: Toni, der Tiger, und Amboss, der Silberrücken.
Diese beiden Stofftiere, die nicht größer als der halbe Unterarm eines Erwachsenen waren, begleiteten mich durch meine Kindheit. Es war keine schöne Kindheit, denn mein Vater hatte eine andere Familie und meine Mutter war nur ein Ausrutscher für ihn. Die beiden Stofftiere waren das Einzige, was ich von ihm bekam, während seine anderen Kinder, meine Halbgeschwister, mit Geschenken, Aufmerksamkeit und der Gegenwart ihres Vaters verwöhnt wurden.
Dagegen musste ich ständig die Launen meiner alkoholkranken Mutter ertragen. Da es mir in der Schule besser ging – ich liebte es, Neues zu lernen –, verbrachte ich auch viel Zeit in der Schulbibliothek, nachdem der Unterricht beendet war.
Eine nette Lehrerin bemerkte meinen ausgeprägten Lerneifer und sorgte dafür, dass ich eine Klasse überspringen durfte. Ich lernte alles sehr schnell und wurde die beste Schachspielerin der Schule. Auch im Sport setzte ich mit meinen jungen Jahren Maßstäbe – angeblich hat in meinem Alter noch kein Kind solche Leistungen vollbracht.
Da ich gut aussah, interessierten sich schon früh einige Jungs für mich. Ich verliebte mich zwar nicht direkt in einen von ihnen, aber irgendwie gefiel er mir. Wir knutschten ein wenig, ohne aber zu sehr intim zu werden. Dann wollte er mehr von mir, als ich bereit war zu geben. Darauf wurde er gewalttätig, woraufhin ich ihm eine verpasste. Seine Eltern schwärzten mich wegen Körperverletzung beim Schuldirektor an und ich wurde daraufhin von der Schule verwiesen.
Ich war verbittert und trat in eine Kampfschule ein. Dort wurde ich schnell eine gute Kämpferin. Danach ging ich zum Militär, absolvierte die Grundausbildung als Beste und spezialisierte mich auf den Kampfsport. Ich gewann Turniere und widmete mich gleichzeitig dem Kraftsport mit Hanteln und schweren Gewichten. Dann kam der Inlandsgeheimdienst auf mich zu und bot mir ein sehr hohes Gehalt, wenn ich der Behörde beitreten würde. Schon der erste Job war völlig ungewöhnlich: Ich sollte auf einen gefangenen Außerirdischen aufpassen. Das klang für mich anfangs völlig verrückt, aber ich wollte mitmachen und willigte ein.
Eine Zeit lang dachte ich, man wolle mich hinters Licht führen, doch als ich den angeblichen Außerirdischen in einem unterirdischen Gefängnis sah, merkte ich: Es ist also wahr. Also passte ich auf diesen ungewöhnlich aussehenden Zeitgenossen auf und freundete mich allmählich mit ihm an. Das Schöne an unserer Beziehung war, dass wir kein Wort wechseln mussten, denn wir kommunizierten per Gedankenübertragung, ohne dass einer von uns den Mund aufmachen musste.
Allmählich gewann ich ihn lieb und fragte ihn durch Gedankenübertragung, ob ich dafür sorgen sollte, dass er zu seinem Heimatplaneten zurückkehrt. Er schüttelte den Kopf von einer Seite zur anderen. Dieses Nein bedeutete mehr als tausend Worte. Da verstand ich, ohne dass er es mir ausführlich erklären musste, warum er hier war.
Er fürchtete die Menschen nicht, denn sie konnten ihm nichts anhaben. Per Gedankenkraft konnte er im Nu überall auf der Welt oder sogar im Universum sein. Eine Macht, die jenseits jeder menschlichen Vorstellung liegt. Einerseits fühlte ich mich ihm völlig ausgeliefert, weil seine Macht grenzenlos schien. Andererseits fühlte ich mich bei ihm aber auch geborgen wie ein Kind bei der Mutter – im Gegensatz zu meiner leiblichen.
Eines Tages schenkte er mir drei unsichtbare Halsbänder, die ich nicht sehen, aber in meinen Händen spüren konnte. Per Gedankenübertragung teilte er mir mit, dass ich unsichtbar werde, sobald ich eines dieser Halsbänder umhabe. Zwei der Halsbänder waren jedoch viel zu groß für meinen Hals. Als ich ihn fragte, wozu sie gut seien, meinte er nur: „Du wirst schon sehen und dich sehr darüber freuen.”
Nach ein paar Tagen war er plötzlich weg – zum Glück nicht in meiner Schicht. Später wurde ich in ein unterirdisches Speziallabor des Militärs abkommandiert. Dort sollte ich wieder vor zwei Käfigen Wache stehen. Als ich den Raum zum ersten Mal betrat, erlebte ich eine Art Déjà-vu und wusste zugleich, dass die drei unsichtbaren Halsbänder, die ich aus einem mir unbekannten Grund mitgenommen hatte, damit zu tun hatten.
Ausgerechnet jene Kreaturen, die mich als Stofftiere in der Kindheit begleitet hatten, saßen in den beiden Käfigen. In dem einen Käfig ging ein riesiger Tiger auf und ab, im anderen saß ein prachtvoller Silberrücken, beide deutlich größer als die, die ich früher im Zoo gesehen hatte. Als der abzulösende Wachtposten dann verschwunden war, durchzog mich der Drang, diese Tiere aus den Käfigen zu holen – und ich tat es einfach.
Das war schon sehr seltsam, denn wenn diese riesigen und nicht gerade ungefährlichen Tiere mit mir allein im Raum waren, hätte mein letztes Stündlein schlagen können. Und doch schienen mir die beiden Giganten dankbar zu sein. Der Tiger schmuste mit meinem Bein, der Gorilla streichelte mir sanft das Gesicht und blickte mich dabei freundlich an. Da ich wusste, dass man einem Gorilla nicht zu lange in die Augen sehen durfte, warf ich nur einen flüchtigen Blick in seine.
Und dann tat ich es. Ich löste die beiden größeren Halsbänder von meinem Gürtel und legte sie den Tieren um ihre Hälse. Es war, als hätten sie darauf gewartet – vielleicht war es ihr tierischer Instinkt, der ihnen Sicherheit versprach. Kaum hatten sie die Bänder um, wurden sie unsichtbar. Mehr noch: Als ich auf einen bestimmten Knopf der unsichtbaren Bänder drückte, wurden die Tiere nicht nur unsichtbar, sondern auch fast völlig durchlässig.
Ich betätigte den gleichen Knopf an meinem Halsband, das ich mir gleich nachdem ich den Tieren ihre Halsbänder angelegt hatte, ebenfalls angelegt hatte. Somit konnten wir dem unterirdischen Labor entfliehen – und das mit einer ungewöhnlich hohen Geschwindigkeit. Ich glaube, wir waren sogar schneller als der Schall. Blitzschnell waren wir an der Oberfläche, schossen in irgendeine Richtung und kamen schließlich in der nächsten Stadt an.
Seit jenem Ereignis hat sich in meinem Leben – und in dem von Toni, dem Tiger, sowie Amboss, dem Gorilla – vieles gewendet. Von nun an waren wir unzertrennlich und ich ließ mich weiterhin vom Geist des Außerirdischen leiten, dessen Gesinnung mir nicht besonders edel erschien. Wir drei bekamen Aufgaben, die alles andere als moralisch oder ethisch einwandfrei waren. Der Geist des Fremden hegte den Plan, böse Menschen zu jagen, sie ins Zuchthaus zu bringen oder gar zu töten. Innerlich widersprach ich den Aufträgen des Außerirdischen, der sich als Staatsanwalt, Richter und Henker in einer Person sah und seine Pläne durch unsere Hand und Pfoten vollstrecken ließ.
Nachdem wir mehrere zwielichtige Gestalten, die Zwangsprostitution betrieben und Terroranschläge auf Kitas geplant hatten, auf direktem Weg ins Elysium geschickt hatten, erkannte ich, dass diese Aktionen zwar auf der einen Seite unmoralisch und unethisch waren, auf der anderen Seite aber einen nicht zu verachtenden praktischen Nutzen hatten und die Welt zumindest ein kleines Stückchen besser zu machen schien.
Unser Alltag sieht dagegen alles andere als gewöhnlich aus. Als ich das letzte mal mit meinen pelzigen Freunden in einem Café saß, kam ein Wichtigtuer mit Blockwartmentalität zu uns, schaute mich streng an und sagte: „Sagen Sie mal, geht's noch? Sie können doch nicht auf diese ungeheuerliche und schamlose Weise das Artenschutzgesetz umgehen! Nehmen Sie Ihre Tiere sofort mit und bringen Sie sie zu den zuständigen Behörden, sonst melde ich Sie der Polizei!“.
Ich antworte darauf: „Ja, holen Sie die Polizei, aber beschweren Sie sich nicht, wenn Sie dadurch erhebliche Schwierigkeiten bekommen!”, woraufhin dieser dann sagte: „Ich bin ein pflichtbewusster Bürger dieser Stadt und dulde es nicht, dass Sie, arrogantes Miststück, ungestraft die Gesetze umgehen.” Und das ist dann immer der Moment, auf den ich mich am meisten freue. Als dann die Polizei da war, rief sie wie immer nach Verstärkung.
Daraufhin machte ich uns mit unseren Halsbändern unsichtbar, blickte in den Personalausweis des Blockwarts, ohne dabei erwischt zu werden, und fand so seine Adresse heraus. Wie „ordentlich” und „hübsch” seine Wohnung nach unserem Besuch aussah (der Blockwart war währenddessen natürlich außer Haus), kann sich der Leser selbst ausmalen. Ich meine, man gönnt sich ja sonst nichts.
Anmerkung von Wastl:
Eine nette Kindergeschichte über eine wunderbare Welt, in der es den guten Menschen gut geht und die bösen Menschen von den guten Menschen bestraft werden.