Der Professor und ich (und die Reise zum Quell ewiger Jugend) - Anfang

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von  autoralexanderschwarz

Der Professor und ich (und die Reise zum Quell ewiger Jugend)


Hast du auch wirklich alles mitgebracht, worum ich dich gebeten habe?“, fragt der Professor anstelle einer Begrüßung und beäugt misstrauisch meinen schweren Rucksack.

Ich hatte dir ja geschrieben, dass gerade die kleinen Dinge sehr wichtig seien.“

Das stimmt“, sage ich und lasse meinen Blick durch das kleine Appartement streifen.

Alles ist sehr funktional eingerichtet: Ein kleiner Tisch, eine kleine Couch.

Die Vorhänge sind halb zugezogen.

Wohnst du hier?“, frage ich den Professor.

Die Dame unten am Empfang meinte, dass dies hier eine Seniorenresidenz sei.“

Manchmal wohne ich hier“, antwortet der Professor. „Das Anwesen ist aus dem 17. Jahrhundert, es gibt leichte traditionelle deutsche Küche und ein kleines Schwimmbad auf dem Dach, von dem aus man über die Wälder blicken kann. Abends ist es zumeist sehr ruhig.“

Du wohnst in einem Altenheim?“, frage ich noch einmal, weil mich der Gedanke irgendwie bestürzt. Schließlich sind wir ungefähr gleich alt.

Manchmal“, sagt der Professor, „nur manchmal.“

In diesem Moment klopft es an die Tür.

Herein“, ruft der Professor.

Die Tür öffnet sich und eine alte Frau tritt ein.

Sie hat wirres weißes Haar und ist nur mit einem Nachthemd bekleidet.

Ich will zurück zu meiner Mama“, sagt die alte Frau und blickt dabei ganz flehentlich.

Ich hab' doch nichts verbrochen.“

Alles ist gut, Frau Ringerbrock“, sagt der Professor mit einer sehr sanften Stimme.

Ihre Mutter ist da draußen, sie sammelt Blumen auf dem Deich, um sie auf den Mittagstisch zu stellen. Schauen Sie, wenn Sie sich strecken, können Sie sie sogar durch das Fenster sehen“, sagt der Professor und zeigt in eine unbestimmte Richtung, wo nur eine Wand und kein Fenster ist.

Ich kann gerade nicht so gut sehen“, sagt die alte Frau, „bestimmt habe ich etwas ins Auge bekommen.“

Das war wohl nur eine kleine Fliege“, sagt der Professor tröstend und drückt einen Knopf an der Wand, über dem in kleinen Buchstaben „Hilfe“ steht. Da es in dem Gebäude vollkommen still ist, hört man erst ein leises Klingeln, weit entfernt in einem anderen Raum, dann das Geräusch von schlurfenden Schritten, die sich aus dieser Richtung nähern.

Schließlich betritt eine Schwester den Raum.

Das ist Schwester Nora“, sagt der Professor und weist auf die Schwester.

Sie arbeitet hier bei uns.“

Wären Sie so nett Frau Ringerbrock den Weg zu ihrem Zimmer zu zeigen?“, sagt der Professor zu Schwester Nora.

Natürlich, Herr Professor“, sagt die Schwester, will sich schon abwenden und zögert dann doch noch einmal.

Der Bewilligungszuschuss hat übrigens eben geschrieben.“

Und?“, fragt der Professor.

Sie werden sich wohl nicht beteiligen.“

Und warum?“, fragt der Professor.

Sie schreiben, dass eine sachgemäße Nutzung in dem spezifischen Anwendungskontext fraglich wäre und dass zudem die Kosten für die Hüpfburg deutlich zu hoch angesetzt seien.“

Das“, sagt der Professor zu mir, „das ist unverschämt“ und dann zu Nora:

Ich werde mich in der nächsten Woche darum kümmern.“

Dann ist es ja gut“, antwortet Nora und legt Frau Ringerbrock ihren Arm sanft um die Schulter.

Dann suchen wir mal Ihre Mutter“, sagt sie sanft, „und Ihnen, Herr Professor, wünsche ich viel Erfolg bei Ihrem Experiment.“

Wow“, sage ich, als die Schwester den Raum verlassen hat, „dir gehört das alles. Du hast dir ein ganzes Altenheim gekauft.“

Eine Seniorenresidenz“, sagt der Professor, „mir bot sich da eine Gelegenheit und letztendlich war es dann gar nicht so teuer, aber das ist alles auch gar nicht wichtig und du hast auch noch immer nicht meine Frage beantwortet: „Hast du auch wirklich alles mitgebracht, worum ich dich gebeten habe?“

Ich denke schon“, sage ich, „manches war ja ein wenig zweideutig.“

Gut“, sagt der Professor. „Dann macht dir wohl ein kleiner Test nichts aus.

Gib mir doch mal die drei gelben Johannisbeeren.“

Ich krame eine Weile im Rucksack und reiche ihm die Johannisbeeren.

Damit sie nicht kaputtgehen, habe ich sie in ein kleines Döschen gelegt.

Misstrauisch hält der Professor eine Beere gegen das Licht.

Ich wusste nicht, wofür du sie brauchst“, sage ich, „zuerst wollte ich sie mit Acryl bemalen, aber dann habe ich sie mit Kurkuma gefärbt. Man kann sie also noch immer essen.“

Das ist gut“, sagt der Professor.

Und hast du auch an das LSD gedacht?“

Ich habe alles besorgt, was auf deiner Liste stand“, sage ich und kann nicht verhindern, dass meine Stimme dabei ein wenig beleidigt klingt.

Du hast ja mehrmals geschrieben, wie wichtig dies für dich sei.

Ich wollte das nicht anzweifeln“, sagt der Professor sanft und in eben dem Tonfall, mit dem er zuvor mit Frau Ringerbrock gesprochen hat.

Ich wollte ja nur...“

Mach' das nicht“, unterbreche ich den Professor.

Was denn...?“, fragt der Professor.

Sprich nicht so mit mir, als wäre ich ein Bewohner deines Altenheims.“

Es ist eine Seniorenresidenz“, sagt der Professor und klingt dabei entrüstet,

Altenheim, das klingt nach Schläuchen und künstlicher Ernährung.“

Du weißt schon, was ich meine“, sage ich zum Professor und blicke ihm direkt in die Augen, obwohl ich weiß, dass er es nicht mag, wenn man ihm direkt in die Augen blickt.

Für einen kurzen Moment ist es vollkommen still, wieder kann man ein Klingeln in einem weit entfernten Raum hören.

Du hast ja recht“, sagt der Professor schließlich und es klingt sehr versöhnlich, „vielleicht bin ich ein wenig nervös. Du ahnst ja gar nicht, wie komplex die Vorbereitungen für diesen Abend waren.“

Was meinte die Schwester eigentlich eben, als sie von einem Experiment gesprochen hat?“, frage ich den Professor, „davon hast du mir bislang gar nichts gesagt.“

Das ist auch etwas komplizierter“, sagt der Professor, „sodass ich hier die Learning-by-doing-Methode empfehlen würde. Ich habe alles sehr genau geplant, sodass du nichts tun musst, als dich zurückzulehnen und dich meiner Führung anzuvertrauen.“

Ich weiß nicht“, sage ich, weil das irgendwie bedrohlich klingt, „ein wenig könntest du mir ja schon verraten.“

Alles zu seiner Zeit“, sagt der Professor und legt zwei kleine blaue Tabletten auf den Tisch, in die jeweils eine kleine lächelnde Sonne hineingepresst wurde.

Hübsch“, sage ich und betrachte die kleine blaue Tablette.

Sowas kriegt man wohl nicht auf der Straße.“

Wir haben hier unsere eigene kleine Pillenpressanlage“, sagt der Professor,

wobei bei diesem Exemplar wohl eher die inneren Werte relevant sind.“

Was ist das denn?“

Da du kein Chemiker bist, würdest du die Antwort nicht verstehen“, sagt der Professor,

aber ich habe es vorher an Mäusen getestet.“

Du bist auch kein Chemiker“, sage ich, „und an wievielen Mäusen hast du es getestet?“

An zweien“, antwortet der Professor, „wobei eine von beiden die Referenzgruppe war.“

Ich weiß nicht“, sage ich, „das erscheint mir nicht besonders seriös.“

Hauptsächlich besteht sie auf Bufotenin“, sagt der Professor, „Harmalin, damit es wirkt, und ich habe – für den Fall, dass wir Wadenkrämpfe bekommen – noch ein wenig Magnesium hinzugefügt.“

Bufotenin“, sage ich, „das habe ich noch nie gehört.“

Da hat wohl jemand seine Lateinvokabeln nicht gelernt“, sagt der Professor und lacht:

Nehmen wir sie jetzt endlich?“

Zögernd betrachte ich die kleine blaue Tablette.

Na gut“, sage ich schließlich, weil der Professor so aufgeregt scheint.

Hier“, sagt er und stellt zwei Flaschen auf den kleinen Tisch.

Ich habe uns frisches Mineralwasser besorgt.“

Noch ein letztes Mal zögere ich, blicke mich in dem Appartement um, betrachte die kleine Couch, den kleinen Tisch, dann lege ich die blaue Tablette mit der lächelnden Sonne auf meine Zunge.

Und so beginnt unser großes Abenteuer.


*


Ich glaube, ich kann meine Unterlippe nicht mehr fühlen“, sage ich zum Professor und streiche mit dem Finger über meinen Mund. „Ich glaube, sie ist auch angeschwollen. Gibt es hier irgendwo einen Spiegel?“

Nein“, antwortet der Professor, „ein Spiegel wäre hier durchaus kontraproduktiv, wenn nicht gar gefährlich. Als dein Traumführer rate ich dir, in den nächsten Stunden nicht nur Spiegel sondern ebenso auch spiegelnde Flächen zu vermeiden.“

Kannst du dir nicht einen anderen Namen dafür ausdenken? Der Begriff „Führer“ ist mir im Deutschen zu negativ besetzt.“

Der Professor denkt einen Moment nach.

Das stimmt, das habe ich nicht bedacht. Wäre Traumdirektor passender?“

Ich weiß nicht“, sage ich, „das klingt mir zu sehr nach Kino und es ist auch zu lang. Gerade auch mit der tauben Oberlippe würde es mir schwer fallen, immer wieder diese vier Silben auszusprechen.“

Eben meintest du noch, dass deine Unterlippe taub wäre“, sagt der Professor.

Dasschimmt“, antworte ich, weil ich nicht verhindern kann, dass das „das“ und das „stimmt“ miteinander verschmelzen.

Ichannaggggarichtehichtigechen“, sage ich.

Dann benötigen wir jetzt“, sagt der Professor: „Das Zitronensorbet.“

Ich weiß erst gar nicht, was er meint, dann begreife ich, krame eine Weile im Rucksack und finde dann das Sorbet, das ich zwischen uns auf den kleinen Tisch stelle.

Hier“, sage ich und bin ein wenig stolz, weil ich einsilbige Wörter noch problemlos aussprechen kann. Dann beobachte ich, wie der Professor das Sorbet in die Hand nimmt, eine Weile das Etikett studiert, die Packung öffnet und wieder auf den Tisch stellt. Etwa die Hälfte ist bereits geschmolzen.

Das ist ganz normal“, sagt der Professor und verwendet wieder die Stimme, die er für Frau Ringerbrock genutzt hat, „du darfst dich nicht dagegen wehren.“

Und mit diesen Worten taucht er seinen Zeigefinger in das Sorbet.

Du musst einen solchen Rausch wie einen guten Freund willkommen heißen.“

Dann hebt er den Finger und bewegt ihn auf mein Gesicht zu.

Instinktiv weiche ich zurück.

Es ist alles gut“, sagt der Professor beruhigend und berührt mit dem Zeigefinger meine Lippe.

Wieder will ich zurückweichen, weil ich nicht mag, dass er mir so nahe kommt, will protestieren, weil mir in diesem Moment der Verletzlichkeit diese Berührung einfach zu viel ist, überlege aufzuspringen und ihn zurückzustoßen und dann fühle ich auf einmal meine Lippe wieder, fühle die Kälte des Fingers und erst dann, mit einer unbegreiflichen Verzögerung, all die Geschmäcker, die im Sorbet verborgen sind, schmecke die Zitrone, die über Wochen für diesen Moment wuchs und reifte, die Süße, die mich an meine Kindheit erinnert, an Apfelkompott und kristallisierten Honig, Zuckerwatte und ein Hauch von Anis und ich bin mir sofort sicher, dass ich noch nie etwas so Gutes geschmeckt habe.

Die Zitrone alleine hat ja schon so viele verschiedene Geschmäcker“, denke ich und tauche nun auch meinen Finger in das Sorbet, spüre die Kälte in der Fingerspitze, die sich im Fingernagel ganz anders anfühlt als auf der Haut, nähere ihn meinem Mund und dann explodieren erneut die Geschmäcker, so dass ich alles andere sofort vergesse. Erst streiche ich das Sorbet nur auf meine Lippe, dann auch auf die Zähne, schließlich verteile ich es in der ganzen Mundhöhle, alles füllt sich mit Zitrone, mit Frische und Leben.

Du darfst dich nicht so sehr auf deinen Körper konzentrieren“, sagt der Professor, „das sind ja alles nur Begleiterscheinungen, die dich von der eigentlichen Veränderung ablenken. Als dein Traumführer rate ich dir, den Blick von innen nach außen zu wenden.

Meine Lippe ist gar nicht mehr betäubt“, sage ich zum Professor,

ich kann wieder völlig normal sprechen“, sage ich und dann:

Fischers Fritz fischt frische Fische.“

Ich verstehe nur nicht“, sage ich schließlich zum Professor, „wie diese Lähmungserscheinungen so schnell verschwinden konnten. Hat das was mit dem Vitamin C zu tun?“

Es ist mehr eine Fokussierung der Sinne“, sagt der Professor, „und zugleich auch eine Verlagerung der Perspektive.“

Das verstehe ich nicht“, sage ich, „meine Perspektive ist doch immer noch die gleiche.“

Das wiederum ließe sich durchaus bestreiten“, sagt der Professor und zeigt mit der Hand nach rechts. „Schau doch mal dorthin.“

Ich wende den Kopf zur Seite und erschrecke.

Der Tisch hat sich unbemerkt von einer rechteckigen in eine quadratische Form verschoben und es sind auch nicht mehr zwei sondern vier Stühle, die um ihn herum stehen. Dann erst begreife ich:

Ich sitze neben mir selbst und mir gegenüber sitzt der Professor, der auch neben sich selbst sitzt.

Wir haben uns verdoppelt“, sage ich zum Professor und betrachte mich genauer.

Regungslos verharre ich auf meinen Ellenbogen gestützt und meine Unterlippe ist so stark angeschwollen, dass sie die Oberlippe zu einem grotesken Lächeln nach oben schiebt.

Es ist seltsam sich so zu sehen, so von außen.

Ich bin dünn geworden“, denke ich, „und dabei irgendwie alt.“

Dann wollen wir mal“, sagt der Professor und erhebt sich.

Was wollen wir?“, frage ich und erhebe mich auch, während unsere Körper weiter am Tisch sitzen.

Aufbrechen“, sagt der Professor, „das ist ja schließlich erst der Beginn unserer Reise.“

Können wir unsere Körper denn einfach so zurücklassen?“, frage ich den Professor.

Ist das nicht gefährlich? Was, wenn wir den Weg hierhin nicht mehr zurückfinden?“

Darum“, sagt der Professor, „ist der Traumführer ja so wichtig. Und ich denke, dass wir ohne jegliche Übertreibung sagen können, dass du einen ziemlich guten Traumführer hast.“

Ich mag das Wort noch immer nicht“, sage ich, „kannst du dich nicht einfach Yogi nennen?

Das hat nur zwei Silben und erinnert mich an diesen lustigen Bär“,

sage ich und muss lachen, weil der Name irgendwie passt.

Wir müssen hier entlang“, sagt der Professor und zeigt auf ein leuchtendes Portal, das sich hinter uns in der Wand geöffnet hat. Ich bin wie geblendet von all den blauen Farbtönen, die da ineinander wirbeln.

Als dein Yogi rate ich dir, den Rucksack nicht zu vergessen“, sagt der Professor.

Ja“, sage ich, „das klingt viel schöner“, und werfe mir den Rucksack über die Schulter.

Noch einmal blicke ich zurück zu unseren Körpern, die am Tisch sitzen und auf das Zitronensorbet starren. Es ist schade, dass es wahrscheinlich vollständig geschmolzen sein wird, bis wir wieder da sind und ich spüre, dass dieser Gedanke das Potential hat, mich traurig zu machen, weil das Schmelzen ja auch eine Metapher für den Tod und die menschliche Vergänglichkeit ist.

Komm schon“, ruft der Professor, „wir müssen hindurch, bevor sich das Portal wieder schließt.“

Er hat Recht, denke ich, weil alle Portale die Gemeinsamkeit haben, dass sie sich irgendwann einmal öffnen und dann auch irgendwann einmal wieder schließen.

Alles, denke ich, trägt seinen Verfall und sein Ende ja bereits in sich.

Die Zeit ist niemals eine Linie.

Ich habe so komische Assoziationen“, sage ich zum Professor.

Da verknüpfen sich Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, so wie in diesem furchtbaren Buch von James Joyce.“

Es ist alles gut“, sagt der Professor sehr sanft und dann legt er mir den Arm beruhigend um die Schulter, so wie Schwester Nora Frau Ringerbrock den Arm beruhigend um die Schultern legte.

Dann schweben wir gemeinsam durch das Portal.


*


Das ist echt schön hier“, sage ich, weil ich tiefe Wälder schon immer gemocht habe und weil dieser Wald vielleicht der tiefste ist, durch den ich jemals spaziert bin.

Das ist einer meiner Kraftorte“, sagt der Professor, „und ich habe diese Route gewählt, damit wir unseren Geist auf die Große Prüfung vorbereiten können.“

Du hast das alles echt wirklich gut vorbereitet“, sage ich zum Professor: „Das Zitronensorbet, das Portal und ich weiß nicht, ob es wirklich an dem Magnesium liegt, aber ich habe keinerlei Wadenkrämpfe. Ich bin ganz verblüfft, dass du das alles so gut hinbekommen hast und auch deinen Kraftort finde ich wirklich schön.“

Bei jedem Schritt spüre ich das Leben, das um mich herum pulsiert, die vielen kleinen Tiere, die unter uns durch den Boden pflügen, die Äste um uns herum, durch deren Kapillare pures leuchtendes Leben strömt, die dichten Baumkronen über uns, in denen die Eichhörnchen träumen und die Vögel nisten.

Wir sind ja vom Leben umschlungen“, sage ich zum Professor.

Als dein Yogi empfehle ich dir einen Wanderstock“, sagt der Professor und verbirgt seine Rührung über das unerwartete Kompliment.

Ich schaue mich um und entdecke links und rechts des Weges die schönsten Wanderstöcke, einer besser gewachsen als der andere, so dass die Auswahl mir sehr schwerfällt. Schließlich entscheide ich mich für einen Haselnusszweig, weil er biegsam und noch nicht vollständig vertrocknet ist.

Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinander her und lassen den Wald auf uns wirken, atmen die frische Luft, lauschen auf die unzähligen kleinen Geräusche, die gemeinsam ein großes, geradezu symphonisches Geräusch bilden, spüren den Wind, riechen das Moos, werden, so scheint es mir, für einige Momente nichts als Rezeption, Wahrnehmung, wie ein Filter oder Trichter, der all diese Eindrücke in uns hineinsaugt.

Was meintest du eigentlich, als du von der Großen Prüfung gesprochen hast?“, frage ich nach einer Weile, „das klingt irgendwie bedrohlich.“

Du wirst es schon verstehen“, antwortet der Professor, „die Dinge werden sich von selbst enthüllen.“

Ich meine, ich bin gerade nicht in allzu guter Verfassung und der Name sagt ja schon, dass es wohl eine große Prüfung ist. Vielleicht heben wir uns diese einfach für ein anderes Mal auf. Wir könnten uns ja auch einfach ins Moos legen und schauen, wie der Wind mit den Baumkronen spielt.“

Das ist an dieser Stelle leider keine Option“, sagt der Professor.

Ein anderes Mal können wir uns gerne ins Moos legen.“

Warum ist das keine Option?“, frage ich.

Du bist zwar unser Traumführer, aber ein wenig Mitspracherecht habe ich bei diesem Trip ja wohl auch.“

Wir haben einen gewissen Zeitplan“, sagt der Professor. „Wir müssen in unseren Körper zurück, bevor die Lähmung unsere Lunge erreicht. Dann müssen wir uns freiatmen und dass mindestens eine halbe Stunde bevor wir das LSD nehmen. Du willst ja schließlich nicht an deinem eigenen Erbrochenen ersticken.“

Das leuchtet mir ein.

Wie sind wir denn im Zeitplan?“, frage ich den Professor.

Alles ist gut“, antwortet er, „ich habe uns einen Puffer eingeplant.“

In diesem Moment biegen wir um eine Kurve, sodass nach und nach auf der linken Seite eine Hütte sichtbar wird.

Sieh mal, eine Waldhütte“, sage ich zum Professor und dann erst entdecke ich Atreju, der in der Hütte auf einer Bank sitzt und uns entgegenblickt.

Atreju“, rufe ich und schaue mich um, ob nicht auch der Glücksdrache irgendwo zu sehen ist.

Wie geht es dir und was ist aus Kaperia geworden?“

Das ist eine lange Geschichte“, sagt Atreju, als wir neben ihm auf der Bank sitzen, „und ihr habt nur wenig Zeit, weil ihr ja im Zeitplan deutlich zurückliegt.“

Atreju ist aus einem besonderen Grund hier“, sagt der Professor, „der etwas mit seinem Alter zu tun hat: Wie alt würdest du ihn schätzen?“

Weiß nicht“, sage ich und betrachte Atreju genauer, „so 13 oder 14. Vielleicht ist er aber auch erst 11 oder 12.“

Atreju“, sagt der Professor und lächelt, „ist mehr als 3000 Jahre alt.“

Erstaunlich“, sage ich, „das sieht man ihm gar nicht an. Erinnert er sich an alles, was er erlebt hat? Und ist die Zuckerwatte, die auf deiner Liste stand, für ihn?“

Nein“, sagt der Professor, „die Zuckerwatte wird später noch von besonderer Bedeutung sein, aber das Wichtige, und das sage ich dir als dein Yogi, übersiehst du.“

Was übersehe ich?“, frage ich und sehe mich in der Waldhütte um. Es gibt eine zweite Bank und in der Mitte eine Feuerstelle.

Das Warum!“, sagt der Professor, „du übersiehst das Warum: Warum ist Atreju schon so alt und dabei doch so jung geblieben?“

Da gibt es eine Menge möglicher Antworten: Vielleicht weil er nichts als eine Projektion ist und damit über keine eigene Zeitlinie verfügt, weil er in einer anderen Welt lebt, in der Zeit unendlich viel langsamer als bei uns verläuft, vielleicht hat es auch mit der Weltenschildkröte zu tun.“

Nein“, sagt der Professor, „auch wenn letztendlich alles immer auch etwas mit der Weltenschildkröte zu tun hat. Atreju hat...“, sagt der Professor und macht eine kleine bedeutungsvolle Pause: „als er noch ein Kind war, vom Quell der ewigen Jugend getrunken.“

Und was“, frage ich, „hat das mit uns zu tun?“

Wir werden“, sagt der Professor, „ebenfalls von diesem Quell trinken. Das ist das eigentliche Ziel unserer Reise. Darum müssen wir jetzt weiter und das ist auch der Grund, weshalb wir nicht im Moos liegen und in die Baumkronen starren können.“

Das leuchtet mir ein.

Und warum“, frage ich den Professor, „reisen wir nicht einfach wieder mit dem Glücksdrachen? So ließe sich doch bestimmt eine ganze Menge Zeit sparen.“

Der Glücksdrache ist tot“, sagt Atreju. „Er ist eines natürlichen Todes gestorben.“

Was ist denn ein natürlicher Tod für einen Glücksdrachen?“, frage ich Atreju,

der nur traurig den Kopf schüttelt: „Bitte hör auf, über den Glücksdrachen zu sprechen.“

Ich begreife: Atreju hat den Tod des Glücksdrachen noch nicht überwunden.

Auf einmal tut er mir sehr leid.

Tut mir leid“, sage ich, „dass der Glücksdrache gestorben ist. Er hatte ein so schönes weiches Fell.“

Hör doch bitte auf, über den Glücksdrachen zu reden“, sagt Atreju und es tut mir leid, dass ich – ohne es zu wollen – noch einmal über den Glücksdrachen gesprochen habe. Auf einmal erscheint mir nun auch meine Bemerkung unglücklich, da ich den Glücksdrachen mit dem weichen Fell ausschließlich auf seine Physis reduziert und dabei seinen gutmütigen Charakter vollkommen unerwähnt gelassen habe.

Er hatte nicht nur ein weiches Fell“, sage ich tröstend zu Atreju, „er hatte auch ein großes Herz.“

Und dann passiert etwas für mich vollkommen Überraschendes. Atreju tritt mir mit aller Kraft gegen das Bein, wendet sich um und verschwindet im Wald.

Der Kleine hat mich getreten“, sage ich zum Professor und bin wirklich bestürzt, wie falsch meine Anteilnahme verstanden wurde. Während ich Atreju nie wirklich leiden konnte, mochte ich den Glücksdrachen eigentlich sehr gerne.

Gut, dass er keine Schuhe angehabt hat, sonst hätte das vielleicht wirklich wehtun können.“

Das ist nicht gut“, sagt der Professor und auf einmal hat seine Stirn eine Sorgenfalte, die ich noch nie zuvor gesehen habe. „Das bringt unseren Zeitplan erheblich durcheinander.“

Gut, dass du einen Puffer eingebaut hast“, sage ich zum Professor.

Wie groß ist der denn?“

Das lässt sich nur schwer in Zahlen ausdrücken“, antwortet der Professor, „aber wir müssen Atreju wiederfinden, bevor es dunkel wird. Nur er verfügt über die Fähigkeit des unabhängigen Leuchtens und kann uns auch im Dunkeln zur Großen Prüfung führen. Ohne ihn sind wir im Wald verloren.“

Warum hast du nicht einfach eine Fackel auf die Liste geschrieben? Die wäre jetzt sehr hilfreich gewesen.“

Ich konnte ja nicht ahnen, dass du Atreju so verärgerst, dass er von uns davonrennt. Das war nicht nett, dass du immer wieder auf den Glücksdrachen zurückgekommen bist. Er hatte dich ja gebeten, nicht mehr vom Glücksdrachen zu sprechen.“

Mir tut das wirklich sehr leid“, sage ich, „ich habe da nicht nachgedacht.“

Ist gut“, sagt der Professor und nach einer Weile:

Und das mit der Fackel wäre eine gute Idee gewesen.“

Dann suchen wir ihn eben“, sage ich.

Und so verlassen wir den Pfad und folgen Atreju in den dichten Wald, während die Sonne langsam und unbemerkt beginnt zu sinken.


*


Ich glaube, es wird langsam dunkel“, sage ich zum Professor, während wir durch den Wald irren. Während es am Anfang durchaus noch Spaß machte, die Zweige beiseite zu schieben und über die umgefallenen Baumstämme hinüberzusteigen, fordern die immer gleichen Bewegungen letztlich ihren Tribut. Ich bin erschöpft und weit und breit ist nichts von Atreju zu sehen.

Das macht keinen Spaß“, sage ich zum Professor,

lass uns wieder zurück auf den Weg gehen.“

Ich dachte, dass wir genau das die ganze Zeit versuchen“, sagt der Professor und bleibt stehen.

Wir haben ja schon bestimmt seit einer halben Stunde nicht mehr nach Atreju gerufen.“

Atreju“, rufe ich in den Wald, „es tut mir leid, dass ich das mit dem Glücksdrachen gesagt habe.“

Ich weiß nicht, ob das noch hilfreich ist“, sagt der Professor und setzt sich auf einen Baumstamm.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass unsere Zeit gerade abläuft.“

Das ist doch nicht schlimm“, sage ich, weil er wirklich zerknirscht aussieht.

Das ist schon schlimm“, sagt der Professor.

Kann man nicht irgendwie am Moos erkennen, in welche Richtung wir müssen?“, frage ich und der Professor schüttelt den Kopf.

Nein“, sagt er, „solche Pfadfindertricks helfen uns hier nicht weiter.“

Und kannst du nicht noch einmal so ein Portal öffnen?“

Nein“, sagt der Professor, „das geht nicht, solange das andere noch geöffnet ist.“

Dann“, sage ich, „lass uns doch einfach hierbleiben. Es ist eh schon viel zu dunkel, um noch irgendetwas zu sehen. Wir könnten die Zigaretten rauchen, die auf der Liste standen und ich glaube, ich habe auch noch eine Dose Frühstücksfleisch dabei. Die war im Angebot, da habe ich sie einfach noch dazu gekauft.“

Frühstücksfleisch?“, fragt der Professor.

Warte“, sage ich und suche nach der Dose.

Ich habe sogar noch zwei kleine Löffel.“

Vorsichtig öffne ich die Dose, weil man immer aufpassen muss, dass der kleine Metallschlüssel nicht abbricht.

Riechst du das?“, frage ich, „ich habe schon so lange kein Frühstücksfleisch mehr gegessen. Es hat diesen typischen Geruch.“

Gemeinsam essen wir von dem Frühstücksfleisch, das so nahrhaft ist, dass ich seine Energie als warmes Gefühl spüren kann, das sich vom Magen aus im ganzen Körper ausbreitet.

Sag mal“, sage ich zwischen zwei Löffeln, „diese ganze Idee mit dem Quell ewiger Jugend. Warum ist dir das so wichtig?“

Ach“, sagt der Professor, den ich inzwischen in der sich ausbreitenden Dunkelheit kaum mehr erkennen kann, „so wichtig ist mir das gar nicht.“

Naja“, sage ich, „immerhin hast du diesen ganzen Trip organisiert und dabei sogar wissentlich unser Leben aufs Spiel gesetzt. Du bist doch immer derjenige, der sagt, dass aus der Menschheit nichts mehr wird, weil die Dummen aus purer Dummheit zu Bösen werden und dass das Böse so, über die Dummheit, die Geschicke der Welt bestimmen muss. Warum möchtest du denn dann noch 3000 Jahre in so einer Welt leben?“

Ich weiß auch nicht“, sagt der Professor nach einer Weile, „vielleicht habe ich das große Ganze nicht gesehen“ und weil ein solcher Satz so untypisch für den Professor ist, mache ich mir auf einmal ernsthafte Sorgen.

Sag mal“, sage ich, „ist alles in Ordnung bei dir?“

Nein“, sagt der Professor und schweigt.

Und“, frage ich nach einer Weile,

was ist denn nicht in Ordnung?“

Ach“, sagt der Professor und zögert,

ich...“, sagt der Professor

und in diesem Moment knackt es im Unterholz.

Erschrocken fahren wir beide zusammen.

Das war aber ein lautes Knacken“, sage ich, weil mir erst jetzt auffällt, wie still es ansonsten ist.

Gibt es hier Raubtiere?“

Ich weiß nicht“, sagt der Professor, „nachts war ich noch nie hier.“

Das ist doch dein Kraftort, hast du gesagt, was machst du denn hier sonst so?“

Häufig liege ich im Moos“, sagt der Professor, „und manchmal singe ich mit den kleinen Feen.“

Ist das eine Metapher?“, frage ich den Professor,

nein“, antwortet dieser.

Und wie findest du diese kleinen Feen?“

Die kommen ganz von selbst“, sagt der Professor, „sie trösten mich, wenn ich traurig bin, Meistens singen wir dann danach zusammen.“

Das ist vielleicht die Lösung“, sage ich: „Wir müssen einfach möglichst traurig werden, damit die kleinen Feen angelockt werden, um uns zu trösten. Sobald sich die Feen zeigen, können wir sie um Hilfe bitten und dann werden sie uns bestimmt einen Weg hier raus zeigen. Feen leuchten doch, glaube ich, sogar im Dunkeln“, sage ich und bin ganz begeistert von meiner Idee.

Was macht dich denn meistens traurig, wenn du hierhin kommst, um mit den kleinen Feen zu singen?“

Ich komme nicht hierhin, um mit den kleinen Feen zu singen“, sagt der Professor und es klingt entrüstet, „sie sind einfach Teil meines Kraftortes und so kommt es manchmal, bei besonderen Gelegenheiten, dazu, dass wir gemeinsam singen. So wie du es sagst, klingt es irgendwie infantil.“

Was macht dich denn traurig?“, frage ich den Professor.

Das ist schon eine ziemlich private Frage“, antwortet dieser, „ich...“

Wieder knackt es im Unterholz, diesmal ein gutes Stück näher. Es muss ein gewaltiges Tier sein, denke ich: Ein ausgewachsener Alligator oder ein Königstiger.

Sag schon“, sage ich, „vielleicht ist das unsere einzige Chance.“

Das habe ich aber noch niemandem erzählt“, sagt der Professor und senkt die Stimme zu einem Flüstern.

Ich hatte einmal, als ich noch klein war, ein Haustier“, sagt der Professor,

eine Schildkröte, die ich, das erschien mir damals naheliegend, Schildi genannt habe. Ich habe sie bekommen, als sie noch sehr klein war. Wir sind gewissermaßen zusammen groß geworden und eine Weile lang habe ich sie immer überall mit hingenommen. Man konnte sie bequem unter dem Arm tragen und da sie recht langsam war, konnte man sie auch immer überall absetzen und frei herumlaufen lassen.“

Oh nein“, sage ich, „sie wird bestimmt von einem Auto überfahren werden.“

Nein“, sagt der Professor, „und ich mag das überhaupt nicht, wie du mir in meine Geschichte hineinpfuschst.“

Wurde Schildi vielleicht von einem Wildvogel weggetragen, während du sie irgendwo hast rumlaufen lassen?“

Nein“, sagt der Professor, „und jetzt möchte ich es auch nicht mehr erzählen.“

Für einen Moment ist es still und diese Stille nagt an meinem Gewissen. Ich verstehe mich selbst nicht, dass ich den Professor nicht einfach habe seine Geschichte erzählen lassen, ebenso wie ich zuvor nicht respektiert habe, dass Atreju nicht über den toten Glücksdrachen reden möchte. Nur wegen mir irren wir hier durch den Wald. Ich erschrecke: Ich habe wohl meine Empathie verloren. Ich habe kein Gefühl mehr für die Ängste und Nöte meiner Mitmenschen: Ich bin ein schlechter Mensch. Wie konnte das nur passieren?“

Ich...“, sage ich zum Professor,

ist schon gut“, unterbricht mich der Professor und dass er mir in diesem Moment den Raum nimmt, mich zu entschuldigen, macht mich furchtbar traurig und wie immer, wenn ich traurig bin, muss ich an die Szene denken, in der Bambis Mutter stirbt, und werde sofort noch trauriger.

Ich war einfach so aufgeregt“, sage ich sehr weinerlich, „weil ich unbedingt wissen wollte, was mit Schildi passiert ist. Ich wollte dir die Geschichte nicht kaputtmachen. Es tut mir so leid“, rufe ich in den Wald und in diesem Moment erklingt ein leises Summen und eine kleine Fee erscheint direkt vor uns.

Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein kleines Lichtlein her“, singt die kleine Fee und leuchtet.

Schau mal“, rufe ich dem Professor zu, „da ist so eine kleine Fee und sie leuchtet wirklich im Dunkeln. Mit ihr werden wir hier bestimmt rausfinden.“

Stimmt doch“, sage ich zur kleinen Fee, „wärest du so nett, uns aus dem Wald herauszubringen? Wir sind auf einer psychedelischen Reise und auf der Suche nach dem Quell ewiger Jugend.“

Jetzt, da ich auf einmal wieder voller Hoffnung bin, sprudeln die Worte nur so aus mir heraus.

Ich kann euch aber nur einen Wunsch erfüllen“, sagt die kleine Fee, „und ihr müsst euch gut überlegen, was ihr wirklich wollt. Wenn ich euch aus dem Wald führen soll, dann können wir nicht miteinander singen und tanzen.“

Für mich ist die Sache klar“, sage ich zum Professor. „Das mit dem Singen und Tanzen können wir ja ein anderes Mal mit einer anderen kleinen Fee machen.“

Und was ist mit Atreju?“, fragt der Professor. „Wir können ihn ja nicht alleine hier im dunklen Wald lassen.“

Das stimmt“, sage ich, „daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Dann soll sie uns sagen, wo Atreju ist, und der kann uns dann zur Großen Prüfung bringen. Ich hoffe nur, dass dein eingeplanter Puffer ausreichend ist. Können wir wissen, wo Atreju ist und den eingeplanten Puffer vergrößern“, frage ich die Fee, „oder würde das als zwei Wünsche zählen?“

Ich bin vielleicht klein“, sagt die kleine Fee, „aber ich bin nicht dumm. Das sind eindeutig zwei Wünsche.“

Was machen wir nur?“, frage ich den Professor.

Das mit dem Puffer ist gar keine so schlechte Idee“, sagt der Professor,

geht das?“, fragt er die kleine Fee.

Das ist schon ein etwas seltsamer Wunsch“, sagt die kleine Fee, „aber grundsätzlich spricht eigentlich nichts dagegen.“

Dann würden wir gerne den eingeplanten Puffer um einen Tag erhöhen“, sagt der Professor, „dann warten wir bis es hell ist und finden dann Atreju und den Weg...“,

nein“, unterbreche ich den Professor,

lass uns den eingeplanten Puffer doch um ein ganzes Jahr erhöhen, dann haben wir so viel Zeit wie wir wollen.“

Ich kann eure Körper höchstens noch drei Stunden am Leben halten“, sagt die kleine Fee,

dann nehmen wir die drei Stunden“, sage ich.

Ich erfülle euren Wunsch“, sagt die kleine leuchtende Fee und verschwindet.

das war vielleicht etwas unüberlegt“, sagt der Professor, nachdem die kleine Fee verschwunden ist. Wir hätten uns auch ein Feuer und eine Gitarre wünschen können.“

Das wären ja schon wieder zwei Wünsche gewesen“, sage ich, als es erneut im Unterholz knackt.

Diesmal direkt hinter uns.

Gleich, denke ich, gleich wird der Königstiger aus dem Dunkel hervorbrechen.

Was riecht denn hier so?“, fragt eine bekannte Stimme und Atreju setzt sich zu uns auf den Baumstamm.

Das ist Frühstücksfleisch“, sage ich, „zerkleinertes Schwein, das erst zu einer Paste und dann in eine Dose gepresst wird. Darum ist so ein fettiger Schleim, damit es länger haltbar bleibt. Es ist so weich, dass man es mit dem Finger schneiden kann“, sage ich und versuche mit dem Finger eine Scheibe von dem Frühstücksfleisch abzuschneiden.

Mir tut das leid, was ich über den Glücksdrachen gesagt habe“, sage ich zu Atreju und reiche ihm ein Stück Frühstücksfleisch. „Kannst du mir verzeihen? Ich werde von nun an nie wieder über den Glücksdrachen sprechen.“

Ist schon gut“, sagt Atreju und aktiviert sein unabhängiges Leuchten. Von einem Moment auf den anderen können wir wieder sehen und entdecken den Weg, der gar nicht so weit entfernt war.

Da wir durch die kleine Fee drei Stunden gewonnen haben, können wir es noch rechtzeitig schaffen“, sagt der Professor und erhebt sich.

Dennoch sollten wir jetzt möglichst schnell aufbrechen.


*


Was hat es denn jetzt mit dieser Großen Prüfung auf sich?“, frage ich Atreju, während wir durch die Dunkelheit hasten. „Gibt es irgendetwas, was wir dabei beachten müssen?“

Es ist für jeden unterschiedlich“, sagt Atreju: „Ich selbst habe schon immer furchtbare Angst vor Spinnen gehabt. Daher bestand meine Prüfung darin, nackt durch einen See voller giftiger Spinnen zu waten, die mir in die Augen, die Ohren und den Mund krochen, dann musste ich mit bloßen Händen eine Riesenspinne besiegen und dann in sie hineinkriechen, um in vollständiger Dunkelheit einen kleinen Schlüssel zu finden.“

Das ist wohl schon eine ziemliche Herausforderung gewesen“, sage ich anerkennend, „grade auch, wenn du solche Angst vor Spinnen hast.“

Ich hatte wohl auch Glück“, sagt Atreju, „die Riesenspinne hat mich unterschätzt und ich habe eine Stelle an ihrem Panzer gefunden, den ich mit den Zähnen aufbeißen konnte. Unter ihrem Panzer sind Spinnen sehr weiche Wesen“, sagt Atreju, „das ist ihre Schwäche.“

Ich versuche mir diese Information zu merken, da sie irgendwie bedeutungsvoll klingt. Manchmal haben solche Informationen dann später noch eine besondere Bedeutung.

Hier ist das Portal“, sagt Atreju, „das euch direkt in die Vorkammer der Großen Prüfung bringt. Von da aus findet ihr den Weg alleine.“

Danke“, sage ich zu Atreju, weil er uns wieder auf den rechten Weg zurückgebracht hat.

Das war echt nett von dir.“

Zum Abschied schenke ich ihm den Rest vom Frühstücksfleisch. Da es so etwas in Kaperia nicht gibt, ist es dort bestimmt eine Delikatesse.

Das ist nun etwas anders gelaufen, als ich es gedacht habe.“, sagt der Professor, als Atreju verschwunden ist. „Als Traumführer entschuldige ich mich für die Verspätung und gebe zu, dass du uns mit der Idee der Vergrößerung des eingeplanten Puffers wirklich aus der Bredouille geholfen hast.“

Das ist kein Problem“, sage ich, „wobei du das Wort 'Bredouille' falsch verwendet hast. Eigentlich bedeutet es sowas wie 'mit leeren Händen'.“

Das glaube ich nicht“, sagt der Professor.

Ist auch egal“, sage ich sehr versöhnlich.

Lass uns durch das Portal gehen, die Große Prüfung absolvieren und erst mal zu unseren Körpern zurückkehren, dann schauen wir weiter.“

Na gut“, sagt der Professor, „obwohl ich das Wort bisher immer so verwendet habe. Ich dachte, es heißt sowas wie unangenehme Situation, sowas wie Schlamassel.“

Nein“, sage ich, „ich glaube, es heißt sowas wie 'mit leeren Händen'.“

Ist auch egal“, sagt der Professor, „du hast recht. Lass uns die Große Prüfung machen und zu unseren Körpern zurückkehren. Langsam bekomme ich nämlich auch Hunger.“

Gut“, sage ich, weil auch ich hungrig bin, dann gehen wir durch das Portal.


*

Das ist ja kafkaesk“, sage ich, als ich mich in dem großen Bürogebäude umschaue.

Vorkammer der Großen Prüfung steht in großen Buchstaben über der Rezeption, darunter viel Glas und eine große Theke. Überall sitzen wartende Menschen, die im Stil der 20er Jahre gekleidet sind. Außerdem, erst jetzt fällt es mir auf, ist alles schwarz-weiß.

Das ist seltsam“, sage ich zum Professor, „dass hier alles so schwarz-weiß ist. Es gibt ja nicht einmal wirkliche Grautöne.“

Hier müssen wir uns registrieren“, sagt der Professor und geht zielstrebig auf einen Glaskasten zu, über dem Registrierung steht.

Eigentlich“, sagt er, „müsste es ja Registratur heißen.“

Wir näher uns einem Schalter, hinter dem ein bleicher Anzugträger steht, der uns misstrauisch beäugt. Er trägt einen kleinen Button mit einer Flagge, die ich aufgrund der fehlenden Farben nicht erkennen kann.

Wir würden uns gerne zur Großen Prüfung anmelden“, sagt der Professor sehr freundlich zu dem Mann am Schalter.

Das ist sehr einfach“, sagt der Mann am Schalter.

Sie brauchen nichts zu tun, als das entsprechende Formular auszufüllen.“

Und das“, sage ich, „müssen wir uns bestimmt an einem anderen Schalter holen. Ich kenne das doch, diese Bürokratie.“

Nein“, sagt der Mann am Schalter, „ich habe es direkt hier.“

Er reicht uns zwei Formulare über den Schalter.

Sogar ein Kugelschreiber ist vorhanden.

Ich lese mir mein Formular durch und bin ganz verwundert, wie kurz und einfach es gestaltet ist.

Man braucht nicht mal einen Namen.

Was sind denn die außergewöhnlichen Rechtsvorschriften, auf die hier verwiesen wird?“, frage ich den Mann am Schalter.

Die sind hier“, sagt der Mann am Schalter und zeigt auf einen großen Folianten, der auf dem Schalter liegt. „Nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen.“

Sollen wir zumindest einmal reinschauen?“, frage ich den Professor, der nervös von einem Fuß auf den anderen tritt. Irgendetwas scheint ihm Sorgen zu bereiten.

Hastig blättere ich ein wenig in den außergewöhnlichen Rechtsvorschriften, „das ist interessant“, sage ich, „wenn wir bei der Großen Prüfung sterben, darf man uns die Organe entnehmen und sie – ich zitiere – 'wie Nutzfleisch' verwenden. Vielleicht landet so einmal ein Teil von uns in einer Frühstücksfleischdose.“

Sind Sie fertig?“, fragt ein Mann im Anzug hinter uns, den ich bislang gar nicht bemerkt habe.

Es gibt hier noch andere, die sich für die Große Prüfung anmelden wollen.“

Können Sie einen Vermerk machen, dass wir nicht wollen, dass unsere inneren Organe zu Nutzfleisch werden?“, frage ich den Mann am Schalter.

Nein“, antwortet dieser, „das wäre zu aufwendig.“

Gut“, sage ich und unterschreibe das Formular, weil auch der Professor das Formular unterschreibt.

Dann wenden wir uns vom Schalter ab und haben auf einmal Zeit, so wie nach dem Check-In am Flughafen. Die nächste Große Prüfung beginnt erst in einer halben Stunde. Gemütlich spazieren wir hinüber zur Sammelstelle, wo sich bereits eine große Menschengruppe versammelt hat.

Wer sind denn eigentlich all die Menschen? Sind das eher Statisten oder selbst Traumreisende wie wir, Führer und Geführte? Haben die wirklich alle die gleiche Droge genommen wie wir?“, frage ich den Professor und betrachte eine Frau, die sehr zielstrebig einen Kinderwagen vor sich herschiebt.

Das macht doch alles keinen Sinn“, sage ich zum Professor,

Babys nehmen ja gar keine Drogen.“

Ich begreife: All das um uns herum existiert nur für uns, ist nichts als Kulisse für die Große Prüfung, die von uns gänzlich unbemerkt bereits begonnen hat.

Ich glaube, das ist gar keine Sammelstelle“, flüstere ich dem Professor zu, „ich glaube die Große Prüfung hat schon begonnen.“

Dann bin ich kurz abgelenkt, weil eine hübsche Frau an mir vorbeistreicht und genau in dem Moment, in dem sich unsere Blicke treffen, lässt sie etwas fallen, das zu Boden gleitet.

Hörst du“, sage ich zum Professor und weil er nicht antwortet, blicke ich mich um und bin alleine.

Nicht nur der Professor, sondern auch alle anderen Menschen sind verschwunden. Das Bürogebäude umfängt mich wie eine verlassene Film-Noir-Kulisse. Überall sind Schatten, die durch die fehlenden Farben umso dunkler und bedrohlicher wirken.

Ein paar einfache Instruktionen hätten sie ja schon zurücklassen können“,

sage ich zu mir selbst und es tut gut, eine vertraute Stimme zu hören.

Ich gehe in die Hocke und betrachte die kleine Handtasche, welche die Frau fallengelassen hat, öffne sie nach kurzem Zögern und finde: Slimzigaretten, ein Feuerzeug und einen kleinen Damenrevolver.

Das fängt gut an, denke ich, und zünde mir eine Slimzigarette an und betrachte den Qualm der nach oben zieht. Es gibt hier doch Grautöne, denke ich, man muss sich nur an die Farblosigkeit gewöhnen. Dann entdecke ich eine Tür, über der ein großer Pfeil blinkt.

Hier wird es wohl weitergehen, denke ich und betrachte ein kleines Schild auf dem „Kuriositätenkabinett“ steht. Ich zögere und ziehe an der Slimzigarette, die viel zu schnell abbrennt.

Sinnvoller wäre es, denke ich, wenn man zwei auf einmal rauchen würde. Kurzentschlossen entzünde ich eine zweite und es funktioniert: Gemeinsam schmecken sie wie eine normale Zigarette.

Herzlichen Glückwunsch“, sagt da eine Stimme aus dem Nichts: „Sie haben die Große Prüfung bestanden.“

Das ist erstaunlich“, sage ich zu dem Mann, der zuvor noch hinter dem Schalter saß und sich hinter einer Säule versteckt hatte.

Ich habe doch noch gar nichts gemacht“, sage ich und ziehe an meinen zwei Slim-Zigaretten.

Was ist mit dem Kuriositätenkabinett?“, frage ich. „Schon seit meiner Kindheit habe ich ja eine unerklärliche Angst vor kleinwüchsigen Menschen. Wofür ist der Revolver? Es ist ja nicht nur eine große Prüfung“, sage ich, „es ist die Große Prüfung. Da hätte ich wohl schon etwas mehr erwartet.“

Noch traue ich der Situation nicht.

In besonderen Fällen“, sagt der Mann vom Schalter, „kann die Große Prüfung aufgrund personeller Engpässe abgekürzt werden. Das kommt nur sehr selten vor, aber heute ist es der Fall. Hier ist Ihr Zertifikat“, sagt der Mann vom Schalter und reicht mir eine Urkunde, die sehr stilvoll mit einem schlichten Passepartout gerahmt ist.

Danke“, sage ich und weil die Prüfung vorbei ist und wir gewissermaßen nun beide Privatpersonen sind, reiche ich ihm die Hand.

Wie kommt es denn zu diesem Personalengpass?“, frage ich und ziehe an meinen zwei Slim-Zigaretten.

Das ist ein besonderer Tag“, sagt der Mann vom Schalter, „wir machen das hier ja schon eine ganze Weile und heute hat tatsächlich zum ersten Mal seit Beginn der Menschheitsgeschichte ein Prüfling sämtliche Ressourcen ausgeschöpft, die uns hier zur Verfügung stehen und ich rede von ganz außerordentlichen Ressourcen, mit denen man selbst Götter ängstigen könnte. Normalerweise konzentrieren wir uns ja auf die eine größte Angst, aber manchmal – und das ist selten – kommt es eben vor, dass sich die tiefste Angst eines Prüflings nicht ermitteln lässt. Vieles ist bei uns hier ja automatisiert und wenn ein solcher Fall eintritt, potenziert sich natürlich das Ausmaß des Schreckens und...“

das Ausmaß der personellen Ressourcen“, sage ich, weil das irgendwie Sinn macht.

Eigentlich ist das ja nur ein theoretisches Problem“, sagt der Mann vom Schalter,

einmal in all den Jahrhunderten kam es bisher vor, dass ein Prüfling zwei wirklich gleich große Ängste hatte und das brachte uns hier schon an die Grenzen des Leistbaren. Der Prüfling heute“, sagt der Mann vom Schalter, „verfügt über erstaunliche sieben gleich große tiefe Ängste. Das muss man sich mal vorstellen.“

Erstaunlich“, sage ich und frage mich, ob wohl auch der Professor so wie ich von dem Personalengpass profitiert. Es scheint so, als hätten wir dieses Mal wirklich Glück gehabt.

Wie komme ich denn hier raus?“, frage ich den Mann vom Schalter,

ich muss zurück zu meinem Körper, um mich freizuatmen.“

Hier“, sagt der Mann vom Schalter, „einfach die Gewinnerstraße entlang. Der Jubel ist vielleicht heute ein wenig kleiner, weil wir selbst große Teile der Komparsen einsetzen müssen, um den anderen Prüfling zu quälen.“

Das ist schon in Ordnung“, sage ich und zünde mir zwei neue Slim-Zigaretten an.

Ihr macht hier schon einen guten Job.“

Dann biege ich in die Gewinnerstraße ab und bin angenehm überrascht, wieviel Mühe sie sich hier für die Gewinner geben. Auch wenn die Tribünen nicht vollständig besetzt sind, sind doch einige zusammengekommen, um mich zu feiern und man merkt ihnen an, dass sie sich die größte Mühe geben, die fehlenden Komparsen zu ersetzen, alle jubeln mir zu, es gibt einen Konfettiregen und dann fallen bunte Ballons vom Himmel.

Auch wenn ich gerührt über all die Vorbereitung bin, ist das Ganze auch irgendwie anstrengend. Die vielen Eindrücke erschöpfen mich, so dass ich mich mehr und mehr darauf konzentrieren muss, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Noch schreite ich wie ein Sieger, nicke den vielen Gratulanten zu, nehme kleine Blumensträuße entgegen und bin doch froh, dass da ein Licht ist, dem ich langsam näher komme und je näher ich ihm komme, desto leiser wird all der Jubel, angenehm still ist es in dem Licht, so dass ich mein Herz schlagen hören kann, ganz langsam, ruhig, wie ein Sieger

und dann erreiche ich das Licht, schreite hinein und erschrecke, wie kalt es dort ist, will zurück, aber der Eingang hat sich hinter mir geschlossen und erst jetzt begreife ich, dass ich in einem Eisblock gefangen bin: Von allen Seiten kriecht jetzt die Kälte in meinen Körper und ich kann nicht zittern, weil das Eis mit solcher Kraft von allen Seiten auf mich drückt, ich friere und schrumpfe und erstarre, freiatmen, denke ich, ich muss mich freiatmen und versuche einen ersten Atemzug gegen die Kälte, gegen das Gewicht, das da auf meiner Brust liegt und es bleibt ein lächerlicher Versuch, freiatmen, ich versuche es erneut, mit aller Kraft, sauge das Eis in meine Lunge und höre irgendwo tief in mir ein Knacken, einen ersten Riss, freiatmen, ich versuche es erneut, mutiger, stärker und wieder knackt es, ich finde Wärme in meiner Mitte, Wärme, die ich konzentrieren und dann gegen das Eis richten kann, freiatmen, und dann bricht das Eis, hustend ringe ich nach Luft und greife als Erstes nach einer der Mineralwasserflaschen, die zwischen mir und dem Professor auf dem Tisch stehen.


*


Zwischen zwei gierigen Schlücken bemerke ich, dass es dem Professor nicht gut geht. Noch immer starrt er auf das Zitronensorbet, das inzwischen vollständig geschmolzen zwischen uns auf dem Tisch steht, doch er betrachtet es voller Schrecken, so als würde sich hinter der lachenden Zitrone auf der Packung das pure Grauen verbergen, Schweiß läuft in dicken Tropfen über sein bleiches Gesicht und obwohl es mir eigentlich gänzlich unmöglich erscheint, sind ihm in der Zwischenzeit tiefe Augenringe gewachsen, sein ganzer Körper wirkt wie eingefroren und mit seinen Fingern hält er die Tischplatte so fest umklammert, dass die Fingerkuppen schon ganz geschwollen und rot angelaufen sind. Ich muss ihm helfen.

Ich will aufspringen und falle umgehend auf den Boden, weil meine Beine sich nicht bewegen lassen. Sie müssen eingeschlafen sein.

Für einen Moment überkommt mich die Versuchung einfach liegen zu bleiben, weil der harte Boden erstaunlich gemütlich ist, ich bin so erschöpft und möchte einfach schlafen, doch ich darf den Professor nicht im Stich lassen. Wieder versuche ich aufzustehen und wieder falle ich auf den Boden, doch ich finde eine Technik, mit der ich mich mit den Armen abstützen und so über den Boden kriechen kann. Doch wohin soll ich kriechen?

Und dann fällt es mir wieder ein, der Knopf, über dem in kleinen Buchstaben „Hilfe“ steht und den der Professor genutzt hatte, um die Schwester zu rufen.

Schwester Nora, denke ich, sie wird dem Professor helfen können.

Also krieche ich hinüber zur Wand, um mich erst einmal zu orientieren und glücklicherweise ist es die richtige Richtung. Unter Aufwendung aller Kräfte erreiche ich den Schalter und drücke ihn, kann das Klingeln in dem weit entfernten Raum hören, dann die schlurfenden Schritte, die sich viel zu langsam nähern, ich habe es geschafft, denke ich, „Hilfe ist unterwegs“ und kann endlich loslassen und es mir auf dem Boden gemütlich machen. Wie von selbst gleitet mein Ellenbogen zur Seite und meine Hand schiebt sich wie ein kleines Kopfkissen unter die Wange.

Niemals hätte ich gedacht, dass dieser Boden so gemütlich sein kann. Es ist so einfach, sich mit dem Körper an die vielen kleinen Unebenheiten anzupassen. So wie Wasser, so wie Bruce Lee.

Das hast du gut gemacht“, sagt Bruce,

selbst ich habe mich bisher nicht getraut, die Große Prüfung zu absolvieren.“

Danke, Bruce“, sage ich, „das ist ein großes Kompliment, so etwas von jemandem wie dir zu hören. Du hast ja alles erreicht, was man als Kampfsportler nur erreichen kann.“

Danke“, sagt Bruce, „es tut gut, so frei unter Kriegern reden zu können.“

Du darfst das Bewusstsein nicht wieder verlieren“, ruft Schwester Nora und schlägt mir mit der flachen Hand ins Gesicht. Es tut sehr weh und kommt vollkommen überraschend.

Sie schlägt mich“, sage ich zu Bruce, „sie hat nicht verstanden, dass der Weg des Kung Fu ein Weg der Gewaltlosigkeit ist.“

Wieder schlägt mir Schwester Nora ins Gesicht, diesmal noch fester, dass es mir die Röte ins Gesicht treibt. Wie ein böser Dämon sitzt sie auf mir und holt erneut aus.

Nein“ will ich rufen, doch bringe kein Wort hervor, „ich...“,

wieder gibt sie mir eine klatschende Ohrfeige und dieses Mal ist meine Empörung so groß, dass es mir gelingt, sie in Worte zu fassen.

Schlampe“, schreie ich ihr ins Gesicht und erschrocken lässt sie die Hand sinken.

Mit einem Mal bin ich vollkommen nüchtern.

Ich liege in der stabilen Seitenlage und direkt vor meiner Nase ist eine große Lache mit Erbrochenem. Der Professor sitzt noch auf dem Stuhl, doch sein Hemd ist weit aufgerissen. In seiner Brust steckt eine große Spritze.

Tut mir leid“, sage ich zu Schwester Nora, die sich schwerfällig erhebt,

ich verwende sonst nicht solche Begriffe.“

Ich glaube, wir kommen hier erst einmal zurecht“, sagt der Professor und zieht sich die Spritze aus dem Herzen, „vielen Dank, dass Sie uns geholfen haben.“

Vielen Dank“, rufe auch ich und versuche mich aus der stabilen Seitenlage zu rollen, um mit der Nase möglichst weit von dem Erbrochenen wegzukommen.

Vorsichtig robbe ich hinüber zur Couch, weil ich meinen Beinen noch immer nicht traue und es gelingt mir, mich nach oben zu ziehen und auf das weiche Polster setzen.

Du siehst furchtbar aus“, sage ich zum Professor, als er zu mir hinüberwankt,

du bist ganz bleich und in deinem rechten Auge ist ein Äderchen geplatzt.“

Das war mit deutlichem Abstand die schlimmste Erfahrung meines Leben“, sagt der Professor und setzt sich. „Mir fehlen einfach die Worte, um das zu beschreiben.“

Bei mir war es ganz o.k.“, sage ich, „obwohl ich gerne einmal den Damenrevolver abgefeuert hätte. Ich weiß auch gar nicht, warum du betrübt aussiehst. Schließlich haben wir es ja geschafft. Ich habe sogar ein Zertifikat bekommen.“

Du hast es geschafft“, sagt der Professor, „ich habe kein Zertifikat bekommen.“

Nein?“, sage ich, weil ich ernsthaft entrüstet bin.

Warum hast du denn kein Zertifikat bekommen?“

Vielleicht hat niemand daran gedacht, als sie mich über die Straße der Verlierer gepeitscht haben“, sagt der Professor, „ich war nackt und musste zudem den Stein der Schande tragen. Alle haben geschrien und nach mir getreten “

Das klingt aber nicht gut“, sage ich, „das war bestimmt eine sehr unangenehme Erfahrung. Was machen wir denn jetzt?“

Eigentlich müssten wir jetzt das LSD nehmen“, sagt der Professor, „um die sich verkürzenden Traumwellen wieder zu glätten und voranzuschreiten, doch das bringt alles nichts. Nur wer die Große Prüfung bestanden hat, kann vom Quell ewiger Jugend trinken. So steht es in der diesbezüglichen Prophezeiung.“

Das tut mir leid“, sage ich, weil ich mich wirklich auf das LSD gefreut hatte.

Der junge Mann mit den verträumten Augen, von dem ich es gekauft habe, meinte, dass es besonders gutes LSD sei.

Und wenn wir einfach so ein wenig von LSD nehmen“, sage ich, „wir könnten vielleicht ein wenig an deinem Kraftort abhängen und mit den kleinen Feen tanzen und singen. Das bringt dich dann auch auf andere Gedanken. Du siehst richtig traurig aus“, sage ich zum Professor, weil es stimmt und er wirklich richtig traurig aussieht. Zum Glück, denke ich, gibt es hier drin keine Spiegel.

Vielleicht sollten wir wirklich ein wenig rausgehen“, sagt der Professor, „die ganzen Wände hier finde ich bedrückend. Außerdem riecht es hier nach Erbrochenem.“

Tut mir leid“, sage ich, „ich habe das gar nicht mitbekommen.“

Hast du an die Zuckerwürfel gedacht?“, fragt der Professor und ich denke, dass es ein gutes Zeichen ist, dass er nun wieder die Initiative ergreift.

Klar“ sage ich und träufle das LSD auf den Zucker.

Drei Tropfen für mich und sechs für den Professor, weil er größer und schwerer ist.

Wir können den Zucker lutschen, während wir nach draußen gehen“, sage ich,

dann haben wir beide Hände frei, um unseren Gang abzufedern.“

Ich bewege versuchsweise die Beine. Die Lähmung ist fast vollständig verschwunden. Nur ein taubes Gefühl ist in den Oberschenkeln geblieben und ich habe nicht die Spur von Wadenkrämpfen.

Lass uns gehen“, sage ich zum Professor, nachdem wir mit unseren Zuckerwürfel angestoßen und sie in den Mund gesteckt haben.


*


Das ist wirklich süß“, sage ich zum Professor, während wir gemütlich durch die Gänge der Seniorenresidenz gehen, „fast wie Zuckerwatte“ und ich habe das Gefühl, dass es auf der Zunge prickelt.

Schade nur, dass es hier so nach Urin riecht“, sagt der Professor.

Ich ziehe die Luft durch die Nase und kann nichts riechen, lediglich ein leichter angenehmer Geruch von Flieder liegt in der Luft.

Ich rieche nichts“, sage ich.

Wir bleiben vor einem Aufzug stehen und auf einmal habe ich große Angst vor den glänzenden Türen, die sich wie ein Robotermaul öffnen. Wenn sie sich schließen, werden wir in dem Metall gefangen sein.

Sollen wir nicht die Treppe nehmen?“, frage ich den Professor,

es sind doch, glaube ich, eh nur drei Stockwerke und ein wenig Bewegung wird uns guttun.“

Ich mag den Aufzug“, sagt der Professor. „Er fährt ein wenig langsamer und bremst dafür nicht so abrupt und es ist das sicherste Modell seiner Klasse. Zudem ist er erst vor einer Woche gewartet worden.“

Ich weiß nicht“, sage ich und will meine Angst überwinden und zu ihm in den Aufzug steigen, als die Türen sich auf einmal zu schließen beginnen.

Erschrocken fahre ich zurück.

Siehst du“, sage ich, „fast hätten mich die Türen zermalmt.“

Komm schon“, sagt der Professor und hält den Finger vor die Lichtschranke.

Noch einmal nehme ich allen meinen Mut zusammen und springe in den Aufzug.

Weil ich geschickt bin, kann ich mich abrollen, ohne mich am Kopf zu verletzen.

Du musst 'E' drücken“, rufe ich dem Professor zu, während ich aufstehe.

Langsam schließen sich die Türen und zu meiner Überraschung setzt eine kleine Melodie ein, die mich augenblicklich beruhigt. Bestimmt ist es eine Panflöte, denke ich, nur mit einer Panflöte kann man so sanfte Töne machen, die so widerstandslos durch das Trommelfell sickern und dabei zugleich doch so bedeutungsschwer vom Leben und von den fernen Bergen berichten. Wie ein Adler schaue ich mich um und erschrecke, weil wir direkt vor einem großen Spiegel stehen.

Oh nein, denke ich, als ich mich erkenne. Auch ich sehe nicht besser aus als der Professor, auch ich habe diese riesigen Augenringe, diese gedrungene Körperhaltung, dieses stecknadelgroßen Pupillen.

Wir sind Vampire denke ich. Während wir schliefen muss uns jemand gebissen haben.

Wir sehen schon ziemlich fertig aus“, sage ich zum Professor,

vielleicht war das mit dem LSD doch keine so gute Idee.“

Ich spüre noch gar nichts“, sagt der Professor, „obwohl ich sonst auf LSD eigentlich besonders sensitiv reagiere.“

Schau mal“, sage ich und schneide eine Grimasse im Spiegel.

Ich kann gleichzeitig in zwei verschiedene Richtungen gucken“, rufe ich und ziehe mit den Fingern meine Mundwinkel zu einem grotesken Grinsen auseinander.

Lass das“, sagt der Professor und ich merke seiner Stimme an, dass er das lustig findet und dass sein „lass das“ eigentlich ein „mach weiter“ ist. Also nehme ich eine Hand aus dem Mund und beginne mit dem Finger gegen mein Auge zu drücken, so wie ich es einmal in einem Comic gesehen habe.

In diesem Moment bleibt der Fahrstuhl stehen und die Türen öffnen sich.

Eine alte Frau mit schneeweißen Haaren tritt zu uns in den Fahrstuhl.

Beschämt nehme ich die Hand aus dem Mund.

Guten Abend“, sage ich zu der alten Dame.

Guten Abend“, sagt die alte Dame zu uns.

Mir ist leider Ihr Name entfallen“, sagt der Professor,

dabei bin ich hier ja der Verantwortliche.“

Ich war nur zu Besuch hier“, sagt die alte Dame.

Ich habe einer Freundin etwas gebracht.“

Was denn?“, fragt der Professor, „ein Buch, einen Bildband, ein gehäkeltes Kissen?“

Ein wenig Opium, um ihr die Einsamkeit zu versüßen.“

Opium“, sagt der Professor, „das habe ich schon wirklich lange nicht mehr geraucht. Es hat ja einen ganz eigenen Rausch.“

Ich habe noch ein wenig dabei“, sagt die alte Frau, „und auch eine Pfeife, mit der wir es uns teilen könnten.“

Erstaunlich“, sagt der Professor, „wie sich dort, wo sich eine Tür schließt, eine andere öffnet. Sollen wir sie mitnehmen?“

Ich brauche eine Weile, um zu begreifen, dass die Frage mir gilt.

Ich weiß nicht“, sage ich und betrachte uns drei im Spiegel.

Drei ist eine schlechte Zahl für psychedelische Reisen“, sage ich,

besser wäre es ja, wenn wir zu viert oder sechst wären.“

Ich bin unschlüssig, was ich von der alten Frau und der plötzlichen Wendung halten soll. Wir kennen sie ja gar nicht, doch wenn sie ihr Opium mit vollständig Fremden teilt, muss sie ein guter Mensch sein.

Dennoch, denke ich, müssen wir sie irgendwie testen.

Vielleicht ist sie ja gar nicht wie wir, sondern in Wahrheit ein Vampirjäger.

Sie trägt eine kleine Tasche bei sich, in der sie problemlos einen spitzen Holzpflock verbergen könnte.

Wenn ein Freund von dir strauchelt“, frage ich sie und setze auf das Überraschungsmoment meiner Frage,

was tust du dann?“, frage ich.

Ich helfe ihm auf“, sagt sie, „das ist doch ganz normal.“

Das“, sage ich, „ist, finde ich, eine gute Antwort.“

In diesem Moment hält der Fahrstuhl.

Wir steigen aus, hasten durch den Empfangsbereich und atmen endlich wieder frische Luft.

Wir folgen einem kleinen Kiesweg, der uns hinter das Gebäude und zu einem kleinen See führt.

Inzwischen ist es später Nachmittag und die Sonne beginnt bereits zu sinken.

Spürst du was?“, frage ich den Professor, weil ich das Gefühl habe, dass das LSD jetzt zu wirken beginnt. Es knistert in meinem Kopf.

Ich weiß nicht“, sagt der Professor, „ich muss noch immer an diese furchtbare Prüfung denken. Ich habe da Dinge gesehen, die Menschen eigentlich nicht sehen sollten.“

Was denn für eine Prüfung?“, fragt die alte Frau, die ich zwischenzeitlich ganz vergessen hatte.

Ach“, sagt der Professor, „eigentlich möchte ich ja nicht mehr darüber reden.“

Ich fasse es nur knapp zusammen“, sage ich, „damit sie unsere Reise versteht.“

Was ist denn eure Reise?“, fragt die alte Frau.

Eigentlich suchen wir ja den Quell ewiger Jugend“, sage ich, „aber weil nur ich die Große Prüfung bestanden habe, wissen wir gerade nicht mehr so richtig weiter.“

Sie denkt einen Moment nach.

Warum nehmt ihr nicht die Verwegene Abkürzung? Wenn es euch wirklich wichtig ist, wäre das doch eine Möglichkeit“, sagt die alte Frau.

Ich weiß nicht“, sage ich, weil ich noch nie von der Verwegenen Abkürzung gehört habe und überhaupt auch das Gefühl habe, dass sie gar nicht weiß, wovon wir sprechen.

Weißt du denn überhaupt, was ich mit Großer Prüfung meine?“, frage ich.

Sie weiß es“, sagt der Professor und biegt von dem Kiesweg ab, der in einem ewigen Kreis um den kleinen See herumführt. Ich kann gar nicht sagen, wie oft wir ihn schon umrundet haben. Niemand außer uns nutzt diesen sonnigen Spätnachmittag für einen Spaziergang.

Wo gehen wir hin?“, frage ich den Professor, weil wir jetzt direkt auf das Wasser zugehen und dann erst entdecke ich das Schlauchboot, das dort für uns bereitliegt.

Wow“, sage ich, „du hast uns ein Schlauchboot gekauft.“

Ich hebe ein Paddel auf und bin verblüfft, wie leicht es ist. Entweder ist es aus einem besonderen Material oder meine Kräfte sind ins Unermessliche gewachsen. Ich zögere einen Moment, dann kann ich der Versuchung nicht widerstehen und schleudere das Paddel in einem hohen Bogen in den See. Wie ein Vogel hebt es sich in die Luft und landet mit einem Klatschen auf der Wasseroberfläche.

Warum hast du das getan?“, fragt der Professor.

Weiß nicht“, sage ich und nehme das zweite Paddel in die Hand.

Jetzt, wo ich seine aerodynamischen Eigenschaften kenne, könnte ich es bestimmt doppelt so weit werfen.

Ich glaube, ich lasse euch ab hier allein“, sagt die alte Frau mit dem weißen Haar, „in das Boot passen ja nur zwei und zu dritt würde es ziemlich ungemütlich sein.“

Erschrocken betrachte ich das Boot und erkenne, dass sie recht hat. Zu dritt würde es ziemlich ungemütlich werden.

Das tut mir leid“, sage ich, weil wir uns ja gerade erst kennengelernt haben und ich die alte Frau mit dem weißen Haar ziemlich nett fand. Bislang kenne ich ja noch nicht einmal ihren Namen.

Ich gebe euch etwas, das euch bei eurer Reise helfen wird“, sagt sie und gibt dem Professor ein kleines Päckchen, das in Tücher eingewickelt ist.

Du weißt“, sagt sie zu ihm, „was damit zu tun ist?“

Ich weiß“, sagt der Professor und nimmt das Päckchen mit einer gewissen Feierlichkeit entgegen.

Möge das Bewusstsein leuchten“, sagt die alte Frau,

und wir mit ihm“, sagt der Professor,

dann verwandelt sie sich in einen Kojoten und verschwindet.

Hast du das gesehen?“, frage ich den Professor, als wir das Schlauchboot zum Wasser ziehen.

Sie hat sich in einen Kojoten verwandelt.“

Das hat sie nur gemacht, um uns zu beeindrucken“, sagt der Professor. „Hinter dem nächsten Busch hat sie sich bestimmt schon wieder zurückverwandelt, weil wir hier ja in der Großstadt und nicht in der mexikanischen Wüste sind. Als Kojote kommt man hier nicht weit, aber als alte Frau kann sie sich unter den anderen Menschen wie ein Fisch im Wasser bewegen.“

Erstaunlich“, sage ich, weil ich nicht gedacht hätte, dass der Professor jemals Mao zitieren würde und weil ich es ganz bemerkenswert finde, wenn man sich in ein Tier verwandeln kann. Die Möglichkeiten, die sich einem mit einer solchen Formwandlung bieten, erscheinen mir geradezu grenzenlos.

Wir steigen in das Schlauchboot, stoßen uns sanft vom Ufer ab und lassen uns zur Mitte des kleinen Sees treiben, wo das zweite Paddel auf uns wartet. Dann tarieren wir uns aus und treiben fast regungslos. Durch den Boden kann man das Wasser fühlen, das uns so bereitwillig trägt.

Was war das für eine Frau?“, frage ich den Professor, nachdem wir eine bequeme Position gefunden haben und die Wolken betrachten, „und was hat sie dir gegeben?“

Sie war eine bruja“, sagt der Professor, „das ist ja ganz offensichtlich. Schließlich hat sie sich in ein Tier verwandelt.“

Und was hat sie dir gegeben?“, frage ich den Professor, „hat sie dir etwas von dem Opium dagelassen? Und was meinte sie mit der Verwegenen Abkürzung?“

Gib mir einfach kurz einmal einen Moment“, sagt der Professor,

ich glaube, das LSD beginnt jetzt zu wirken.“


*


Schläfst du?“, frage ich den Professor nach einer Weile, weil es inzwischen dunkel geworden ist.

Nein“, sagt der Professor, „ich zähle Sterne und Himmelskörper und setze sie zu neuen Figuren zusammen.“

Das ist echt schön hier“, sage ich, „und ich mag die Idee mit dem Schlauchboot. So können wir schwimmen, ohne nass zu werden. Ich mag auch die Seerosen“, sage ich „und die positive Energie, die sie ausstrahlen.“

Wir haben an dieser Stelle wohl zwei Möglichkeiten“, sagt der Professor und ich bin mir nicht sicher, ob seine Stimme durch das LSD heller geworden ist oder ob es sich nur für mich so anhört.

Entweder wir bleiben hier und lassen uns gemütlich treiben...“,

das ist gut“, unterbreche ich den Professor, weil ich denke, dass ich für einen Tag eigentlich schon genug erlebt habe und dass ungeachtet aller Schwierigkeiten die Dinge dann doch eine gute Wendung genommen haben. Wir haben so viel Zeit, wie wir wollen, wir treiben auf dem Wasser und ich habe sogar noch den Rucksack dabei, in dem irgendwo noch Knäckebrot und Trockenfrüchte sind. Gerade auf die Trockenfrüchte verspüre ich einen gewaltigen Appetit.

Oder“, sagt der Professor, „wir besinnen uns auf unser eigentliches Ziel, weil sich uns eine Chance bietet, doch noch zum Quell ewiger Jugend zu gelangen.“

Ich weiß nicht“, sage ich, „die erste Möglichkeit klingt viel besser, aber ich weiß natürlich auch, dass dir die Sache mit dem Quell einiges bedeutet. Was müssen wir denn dafür tun?“

Vereinfacht gesagt müsstest du dir lediglich den Oberkörper und den Kopf mit einer übelriechenden Salbe einreiben und dich dann der sorgsamen Führung deines Yogi überlassen. Gemeinsam würden wir dann mit diesem Boot in eine Zwischenwelt rudern, von der aus wir dann direkt zum Quell ewiger Jugend gelangen könnten. Vielleicht wird es stellenweise ein wenig komplizierter werden, aber im Großen und Ganzen wäre das ungefähr der Plan.“

Und was ist genau in der Salbe?“

Das weiß ich nicht genau“, sagt der Professor, „aber aufgrund meiner eigenen schamanischen Kenntnisse gehe ich davon aus, dass es wohl eine Art Flugsalbe auf der Basis von Datura sein wird.“

Datura“, sage ich, „sind das nicht diese giftigen Äpfel?“

Die Dosis macht das Gift“, sagt der Professor, „so ist es ja bei allen Dingen.“

Das stimmt, denke ich, und die jahrtausendealte Wahrheit dieses Satzes lässt mich erschaudern.

Das ist so bedeutungsvoll“, sage ich zum Professor, „weil man es wirklich auf alles anwenden kann.“

Und?“, fragt der Professor, nachdem wir beide einige Momente unseren eigenen Gedanken nachhingen, „sollen wir die Salbe einmal ausprobieren?“

Na gut“, sage ich und ziehe meinen Pullover aus.

Sofort wird es unangenehm kalt.

Als ich das T-Shirt ausziehe, friere ich bereits so sehr, dass meine Zähne unkontrolliert aufeinander klappern.

Hier“, sagt der Professor und reicht mir die Salbe.

Vorsichtig berühre ich sie mit meinem Finger. Sie ist härter, als ich sie mir vorgestellt habe und eigentlich keine Salbe, sondern eher so etwas wie Tiger-Balsam.

Vorsichtig streiche ich mit dem Finger über meinen nackten Oberkörper und sofort wird es an der Stelle, die ich berührt habe, warm, eine angenehme Wärme, die sich schnell im Körper ausbreitet.

Die Salbe wärmt“, sage ich zum Professor, „und sie wird richtig heiß, wenn man sie nur dick genug aufträgt.“

Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob wir sie uns wirklich auch auf den Kopf reiben sollen“, sagt der Professor, während ich mir die Salbe auf die Stirn reibe. Gerade dort fühlt sich die Wärme am angenehmsten an.

Warum?“, frage ich und reibe mir noch etwas Salbe auf den Rücken.

Nur die Haare auf dem Kopf habe ich ausgelassen.

Du hast der bruja doch gesagt, dass du weißt, wie man die Salbe benutzt.“

Ich weiß es ungefähr“, sagt der Professor.

Wichtig ist vor allem, dass man die Salbe nicht ins Auge kriegt.“

Gut“, sage ich, weil ich genau darauf geachtet habe.

Das habe ich gut gemacht, denke ich, und dann sinke ich langsam an der Schlauchbootwand nach unten, die mein Gewicht so sanft wie ein gewaltiger Marshmallow abfedert. Mir ist jetzt so warm, dass ich denke, dass ich ein wenig von meiner Wärme an den See und die Tiere abgeben kann, lasse meine Hand ins Wasser hängen und fühle, wie die Wärme aus mir heraus in den See strömt und ich kann all die kleinen Fische und Pantoffeltierchen aufatmen hören, weil ihnen allen kurz zuvor dann doch ein wenig kalt geworden war. „Ich bin hier“, sage ich zu den Pantoffeltierchen, „ich habe genug Wärme in mir, dass ich euch etwas davon abgeben kann.“

Ich glaube, wir sollten jetzt aufbrechen“, sagt der Professor,

die Flugsalbe beginnt bereits zu wirken.“

Das ist gut“, sage ich, „das fühlt sich an, als hätte man eine zweite Haut, welche die erste vor der kalten Welt schützt.“

Da“, sagt der Professor und zeigt in die Nacht und zuerst weiß ich gar nicht, was er meint, doch dann kann auch ich es sehen, einen winzigen leuchtenden Wirbel, nicht größer als eine kleine Fee,

der dort über dem See schwebt und obwohl er noch so klein ist, kann man spüren, wie sich seine Energie mit der unsrigen verbindet.

Sieh mal“, sage ich, „er wächst“ und bestaune den leuchtenden Wirbel.

Das ist unser Weg in die Zwischenwelt“, sagt der Professor, nimmt die beiden Paddel und verankert sie in der dafür vorgesehenen Halterung. Dann greift er sie und treibt uns mit einem erst starken Ruderschlag auf den Wirbel zu. Da ich ihm gegenübersitze, muss ich über die Schulter nach vorne blicken.

Wir nähern uns“, rufe ich dem Professor zu, doch in genau diesem Moment kommt ein starker Wind auf, der uns aufhält und uns von dem Wirbel zurückdrängt.

Das ist kein natürlicher Wind“, ruft der Professor, zwischen zwei Ruderschlägen,

das sind feindliche Kräfte, die versuchen, uns von der Zwischenwelt abzuhalten.“

Ich bin ganz erschrocken. Von feindlichen Kräften war bisher nicht die Rede gewesen und wen sollte es schon stören, wenn wir durch die Zwischenwelt reisen würden. Wir wollen ja ohnehin nicht bleiben.

Inzwischen haben wir uns dem Wirbel bis auf Armlänge genähert, doch je näher wir kommen, desto stärker wird der Wind. Ich sehe dem Professor an, dass er das nicht mehr lange durchhält, sein Gesicht ist ganz verzerrt, dicke Schweißtropfen laufen über seinen nackten Oberkörper und vermischen sich mit der Flugsalbe und in diesem Moment kommt mir eine Idee,

der Luftwiderstand“, rufe ich dem Professor zu, „der Luftwiderstand ist zu groß.“

Kurzentschlossen greife ich nach der Salbe und beginne den Bug des Schlauchboots damit einzureiben, weil die Flugsalbe nicht nur uns, sondern auch das Boot vor dem feindlichen Sturm beschützen kann.

Ruder“, rufe ich dem Professor zu und er legt noch einmal alle Kraft in den nächsten Ruderschlag,

und ruder“, rufe ich und wieder kommen wir ein Stück näher, so dass ich mich hinabbeuge und mit den Händen mitpaddele, um den letzten kleinen Ausschlag zu geben,

ruder“, rufe ich, dann erreichen wir das Portal und schnellen von allem Widerstand befreit nach vorne, in die Zwischenwelt.



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