Der Professor und ich (treffen die Weltenschildkröte und retten Kaperia vor dem römischen Imperialismus) - Anfang

Text

von  autoralexanderschwarz

„Wir sollen es wohl nicht mit anderen Dingen kombinieren“, sage ich zum Professor, als wir uns wieder gegenübersitzen. „Das hat der junge Mann mit den verträumten Augen gesagt.“

„Welcher junge Mann?“, fragt der Professor und schaut mich irritiert an, „wir sind doch nur zu zweit.“

„Der junge Mann, von dem ich das gekauft habe. Ich nenne ihn den jungen Mann mit den verträumten Augen, weil er so verträumte Augen hatte.“

„Ach so“, sagt der Professor und lacht,

„ich dachte schon“,

„was dachtest du?“

„Seit unserem letzten Abenteuer sind seltsame Dinge passiert. Ich bin einmal nachts auf einem Trampolin in einer anderen Stadt aufgewacht“, sagt der Professor, „und eben, auf dem Weg zu dir, bin ich auf eine Schnecke getreten.“

„Oh nein“, sage ich.

„Doch“, sagt der Professor, „mitten auf den Bürgersteig. Sie hatte sogar ein kleines Haus.“

„Oh nein“, sage ich und stelle mir unweigerlich den Fleck vor, der von einem solch kleinen Haus zurückbleibt.

„Wie ist sie nur mitten in die Stadt gekommen?“

„Das frage ich mich auch“, sagt der Professor, „eigentlich sind dort ja alle Tiere tot.“

„Mir sind auch seltsame Dinge passiert“, sage ich, „ich träume ständig von Römern und zuletzt habe ich eine Kiwi gegessen, die innen gelb und nicht grün war.“

„Erstaunlich“, sagt der Professor, „für sich genommen scheinen diese Ereignisse vielleicht unerklärlich, aber wenn man bedenkt, was uns zuletzt passiert ist, hängen sie wohl miteinander zusammen. Schnecken hat es ja schließlich auch schon zu Zeiten der Römer gegeben.“

Das leuchtet mir ein.

„Vielleicht versucht Atreju uns ein Zeichen zu geben?“

„Ich bin nicht sicher“, sagt der Professor, „aber wir werden es herausfinden.“

Ich ziehe die Tabletten hervor und lege sie auf den Tisch.

„Die letzten sahen irgendwie vertrauenerweckender aus“, sagt der Professor.

„Diese haben diese kleinen grünen und roten Punkte. Das ist irgendwie verdächtig.“

„Ich glaube, dass das so ein Trend ist, dass selbst Pillen ein Design haben müssen.“

„Nun gut“, sagt der Professor: „Ich schlage vor, dass wir sie mit diesen Tabletten kombinieren.“

Er legt ein eigenes Plastiktütchen auf den Tisch. Seine Tabletten haben ein schlichtes und elegantes Weiß und sie sind mindestens doppelt so groß wie meine.

„Das sind ja riesige Tabletten“, sage ich, „wo hast du die denn her?“

„Das möchte ich an dieser Stelle nicht verraten“, sagt der Professor, „aber es hat etwas mit dem Internet zu tun. Man kann da einfach alles bestellen. Schau mal“, sagt der Professor und zieht einen Schlagring aus der Tasche.

„Moment“, sage ich, „warum hast du einen Schlagring dabei?“

„Ich habe direkt etwas mehr bestellt und da durfte man sich gratis etwas aussuchen.“

„Nein“, sage ich, „warum bringst du deinen Schlagring mit hierhin? Das ist so ein friedlicher Ort.“

Ich schaue mich um und denke, dass dieser Ort perfekt für das ist, was wir vorhaben. Menschenleer, abgeschieden, ein kleines Haus an einem kleinen See.

„Für wie lange hast du das denn gebucht?“, fragt der Professor.

„Versuch nicht abzulenken“, sage ich, „gib mir den Schlagring. Ich verstecke ihn an einem sicheren Ort.“

„Ich wollte ihn dir eh zeigen“, sagt der Professor und gibt ihn mir nicht ohne Stolz. „Sie haben sogar meinen Namen in die Innenseite graviert.“

Ich nehme den Schlagring, wiege ihn in der Hand und werfe ihn dann kurzentschlossen in den See.

Nicht auszudenken, was damit alles hätte passieren können.

„Nein“, ruft der Professor und sieht mich richtig zornig an: „Du hast gesagt, dass du ihn an einem sicheren Ort versteckst.“

„Ich finde, dass dies ein sehr sicherer Ort ist“, sage ich zum Professor und öffne mein Plastiktütchen.

„Ich habe 12.“

„Einen Moment noch“, sagt der Professor und greift dann unvermittelt mein Mobiltelefon, wiegt es in seiner Hand und wirft es in den See.“

„Nein“, sage ich.

„Ich habe acht“, sagt der Professor, „aber meine sind größer als deine.“

„Das Telefon wäre unsere einzige Möglichkeit gewesen, Hilfe oder einen Arzt zu rufen“, sage ich, „das war sehr unvernünftig von dir.“

„Mit dem Schlagring hätten wir uns gegen Römer und Fabelwesen verteidigen können“, antwortet der Professor und lacht.

„Tut mir leid“, sagt er dann versöhnlich, „ich mag das einfach nicht, wenn Leute ihr Mobiltelefon auf den Tisch legen.“

„Ist schon gut“, sage ich, „dein Name sah als Gravur auch echt schön aus.“

„Ich schlage vor“, sagt der Professor, „dass wir erst einmal zwei von deinen kleinen Bunten nehmen und wenn wir wissen, wie die wirken, nehmen wir eine von den Großen. Ich denke, wir sollten uns diesmal möglichst vorsichtig herantasten und“, sagt der Professor, „ich habe ein wirklich gutes Mineralwasser dabei.“

„Nun gut“, sage ich und gebe dem Professor zwei von den bunten Tabletten.

Dann beginnt unser Abenteuer.


*

„Das schmeckt nach Wassermelone“, sagt der Professor nach einer Weile, „ich hab mich die ganze Zeit gefragt, ob ich mir das einbilde, aber jetzt bin ich mir sicher: Du wurdest übers Ohr gehauen. Deine Pillen sind aus Traubenzucker. Dein junger Mann mit den verträumten Augen hat da wohl ein gutes Geschäft gemacht.“

„Das kann nicht sein“, sage ich und denke, dass sie tatsächlich süß geschmeckt haben, süß aber nicht nach Wassermelone.“

„Es könnte Sanddorn sein“, sage ich, „ja, ich glaube Sanddorn schmeckt so.“

„Lass uns am besten direkt eine von den Großen nehmen“, sagt der Professor und reicht mir eine seiner großen Tabletten.

„Von deinen kriegt man ja höchstens Karies.“

„Na gut“, sage ich, obwohl ich noch nicht restlos überzeugt bin.

„Dann nehmen wir halt eine von deinen.“

Der Professor reicht mir eine der Riesenpillen, dann spülen wir die Pillen mit einem großen Schluck Mineralwasser herunter.

„So was“, sage ich, „deine Tablette schmeckt nach Pfefferminz.“

„Nein“, sagt der Professor, doch seine Stimme klingt unsicher.

„War nur ein Scherz“, sage ich, „ich habe gar nichts geschmeckt.“

Dann schweigen für einige Momente und blicken hinaus auf den See.

„Spürst du schon etwas?“, fragt der Professor.

„Ich spüre die Sonne auf der Haut“, sage ich, „ und diesen Windhauch, den man immer spürt, wenn man an einem Gewässer ist.“

„Ich spüre meine Füße nicht mehr“, sagt der Professor, „es ist fast so, als ob sie gar nicht da wären.“

Ich blicke hinunter und betrachte die Füße des Professors.

Du hast recht große Füße“, sage ich.

Nein“, antwortet der Professor, „eigentlich sind meine Füße eher zierlich. Als ich jung war, wollte ich sogar einmal Fußmodel werden. Daraus ist aber nichts geworden.“

Na ja“, sage ich, „schau doch mal. Auf mich wirken die doch recht groß.“

Schweigend betrachten wir eine Weile lang seine Füße.

Zumindest wachsen sie nicht“, sage ich, „oder zumindest nicht so schnell, dass man ihnen dabei zusehen kann.“

Ich hab auch noch etwas bestellt“, sagt der Professor, um von seinen Füßen abzulenken.

Er greift in seinen Rucksack.

Tada.“

Ich kann es gar nicht fassen und betrachte ihn und den Karton, den er in der Hand hält.

Das Bild darauf ist unmissverständlich.

Du hast“, sage ich und kann es nicht glauben, „du hast mir eine Zuckerwattemaschine gekauft.“

Genauer gesagt“, sagt der Professor, „ist es eine Tischzuckerwattemaschine. Man kann sie sogar mit einem Akku betreiben.“

Und sie ist so viel kleiner als meine“, sage ich.

All der Platz, den ich jetzt zuhause damit sparen kann.“

Ich bin so gerührt, dass ich gar nicht weiß, was ich sagen soll.

Und hast du?“, frage ich.

Und ich habe Zucker“, sagt der Professor und stellt ein Paket auf dem Tisch.

Ich bin ganz überwältigt und schäme mich ein wenig, weil ich selbst gar nichts mitgebracht habe, aber ich konnte ja auch nicht wissen, dass ich hier so reich beschenkt werde.

Und“, sagt der Professor: „Ich habe das hier.“

Damit zieht er einen kleinen Kaktus aus seinem Rucksack.

Du hast einen Peyote-Kaktus dabei?“, frage ich.

Wo hast du den denn her?“

Internet sage ich nur“, sagt der Professor und lacht.

Schmeiß ihn nur bitte nicht in den See.“

Ich schweige einige Momente, weil mir nichts dazu einfällt, weil der Kaktus gewiss außergewöhnlich ist, aber mich gerade überhaupt nicht interessiert.

Darf ich die Maschine auspacken?“, frage ich, „darf ich sie ausprobieren?“

Es ist deine“, sagt der Professor und lächelt.

Ich habe sogar den Akku aufgeladen.“


*

Wir könnten aus den Pillen Zuckerwatte machen“, sage ich zum Professor, „nachdem ich etwa die Hälfte des Zuckers in Zuckerwatte verwandelt habe, „zumindest aus den bunten. Vielleicht könnten wir auf diese Art sogar Mineralwasser sparen.“

Mit deinen Pillen kannst du machen, was du willst“, sagt der Professor, „aber meine werfe ich nicht in diese Maschine.“

Ich weiß halt nicht, ob die Hitze die Wirkstoffe irgendwie kaputt macht“, sage ich, „da kenne ich mich nicht so aus. Hörst du das?“

Ich bin ganz abgelenkt.

Was denn?“

Ich glaube, ich habe wieder diese Glöckchen gehört, die damals immer geklungen haben, wenn der Glücksdrache aufgetaucht ist.“

Ich höre nichts“, sagt der Professor, „nicht einmal das Schnattern dieser Enten, obwohl sie doch eindeutig ihre Schnäbel bewegen.“

Da“, rufe ich, „da war es wieder. Es ist lauter geworden.“

Gemeinsam lauschen wir in die Stille des Sees.

Hörst du es immer noch?“, fragt der Professor.

Nein“, sage ich, „jetzt ist es wieder weg.“

Seltsam“, sagt der Professor, „jetzt kann ich es hören.“

Wieder lauschen wir in die Stille.

Atreju“, ruft der Professor, „wir sind hier.“

Doch es bleibt still.

Und“, fragt der Professor: „Spürst du jetzt was?“

Das ist schwer zu sagen“, sage ich, „dafür muss man ja aufstehen, um das zu sagen.“

Vorsichtig stehe ich auf und bin erstaunt, wie leichtfüßig ich bin.

Schau mal“, sage ich zum Professor und schlage einen Salto.

Erstaunlich“, sagt der Professor, „ich wusste gar nicht, dass du so was kannst.“

Das ist auch mein erster Salto“, sage ich sehr stolz, „ich habe einfach gewusst, wie es geht. Es ist sehr einfach, wenn man die Beine nur eng genug an den Körper zieht.“

Mal sehen“, sagt der Professor und steht auf.

Ich fühle mich eher schwer“, sagt der Professor, „mach das noch einmal, vielleicht war es ein Zufall.“

Ich mache einen zweiten Salto und lande sogar noch formvollendeter als beim ersten. Diesmal beende ich meine Kür sogar mit einer kleinen Verneigung.

Vielleicht“, sage ich, „vielleicht wäre ich gar ein guter Balletttänzer geworden.“

Das denke ich nicht“, sagt da eine tiefe Stimme in unserem Rücken und als ich mich umwende, steht da ein römischer Legionär mit gezogenem Schwert. Auf seinem Schild glänzt ein Adler, der irgendwie wütend aussieht.

Servus“, sagt der Römer und meint damit „Sklave“.

Du“, sage ich, „da ist ein Römer auf unseren Grundstück. Und er ist bewaffnet.“

Viel zu langsam dreht sich der Professor um.

Was willst du, Römer?“, frage ich den Römer und denke, dass dieser mich niemals einholen würde, wenn ich jetzt losrenne. Ich wäre so schnell, denke ich, dass ich selbst vor dem Speer davonlaufen könnte.

Wir kommen in Frieden“, sagt der Römer,

und bauen euch Thermen und Wasserstraßen.“

Eine Therme könnten wir gut gebrauchen“, sagt der Professor, der sich noch immer zum Römer herumdreht, „der See ist schließlich noch recht kalt. Ich habe eben einmal meinen kleinen Finger hineingehalten.“

Was willst du denn für deine Therme, Römer?“, frage ich den Römer, „wir haben ja gar nichts, das wir im Tausch anbieten können.“

Ihr müsst mir nur euren Kaktus geben.“

Was meinst du?“, fragt der Professor, „ein Kaktus für eine Therme, das scheint mir ein guter Tausch zu sein.“

Ich weiß nicht“, antworte ich, „auf den ersten Blick schon, aber so eine Therme muss ja erst einmal gebaut werden und vielleicht gefällt sie uns am Ende gar nicht. Den Kaktus müssen wir hingegen einfach nur in Stücke schneiden und trocknen.“

Wenn ihr nicht freiwillig tauscht“, sagt der Römer, „dann nehme ich ihn mir mit Gewalt.“

Das ändert die Situation“, sagt der Professor, der sich endlich herumgedreht hat, „Gewalt lehnen wir ja ganz grundsätzlich ab. Wir sind nämlich Pazifisten.“

Das stimmt“, sage ich und überlege, wie sich der Römer am besten überwinden ließe. Die Rüstung bietet ihm einen guten Schutz und das Schild ist so groß, dass selbst der Schlagring uns wohl nicht geholfen hätte. Man müsste ihn irgendwie von den Beinen bekommen, denke ich, wenn er einmal auf dem Boden läge, wäre er vollkommen hilflos.

In diesem Moment tritt der Römer nach vorne und richtet sein spitzes Schwert auf uns.

Du“, sage ich zum Professor, „wir müssen irgendetwas tun.“

Warte“, sagt der Professor und hält seinen Finger in die Luft und dann höre ich es auch, die kleinen Glöckchen, ganz nah, ganz in der Nähe und in diesem Moment bricht der Glücksdrache aus einem Strauch hervor und stürzt sich auf den Römer. Den ersten Hieb pariert dieser noch mit seinem riesigen Schild, dann beißt der Glücksdrache seinen Kopf ab und spuckt ihn in einem hohen Bogen in den See.

Ihr habt uns gerettet“, ruft der Professor, als Atreju aus dem Gebüsch tritt.


*

Hier“, sage ich zu Atreju und reiche ihm eine Zuckerwatte.

Ich habe sie ein wenig aufgepeppt.“

Echt“, sagt der Professor, „du hast aus deinen Pillen Zuckerwatte gemacht. Das habe ich gar nicht mitbekommen.“

Da siehst du mal, wie lautlos diese Maschine arbeitet“, sage ich, „sie war ein wirklich schönes Geschenk. Man merkt richtig, dass du dir Gedanken gemacht hast.“

Dass ich hier bin, hat einen Grund“, sagt Atreju, „denn ich benötige noch einmal eure Hilfe.“

Ich habe es so aufgeteilt, dass eine Zuckerwatte etwa zwei Tabletten entspricht“, sage ich.

Bitte“, sagt Atreju und hebt seine Stimme.

Ihr müsst mir zuhören.“

Ich höre den Atreju nur ganz leise“, sagt der Professor, „so als wäre er richtig weit weg.“

Ich verstehe auch fast gar nichts“, sage ich und probiere die Zuckerwatte.

Sanddorn“, sage ich, „die Zuckerwatte schmeckt nach Sanddorn. Echt lecker.“

Ihr seid gemein“, ruft Atreju und fängt an zu weinen.

Ihr hört mir gar nicht zu.“

Auf einmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil es ja immer traurig ist, wenn ein Kind weint und wenn man dann auch noch selbst der ist, der daran schuld ist, gibt es wohl rückblickend immer eine bessere Handlungweise als die, die man gewählt hat.

Es tut mir leid, Atreju“, sage ich am Ende dieses komplizierten Gedankens.

Du bist einfach so leise, dass man dich so leicht überhören kann. Überhaupt bist du auch sehr blass, fast durchsichtig“, sage ich, „bist du das eben schon gewesen?“

Wir haben wenig Zeit“, sagt Atreju und jetzt kann ich ihn wieder besser hören.

Du musst die Zuckerwatte probieren“, sage ich zum Professor, „mit der versteht man ihn besser.“

Ich reiche dem Professor eine Zuckerwatte.

Der römische Imperialismus hat es irgendwie geschafft bis in meine Welt vorzudringen. Sie versprechen den Leuten Wasserstraßen und Thermen und zwingen sie dann in undurchsichtige Verträge. Wenn sie nicht bekommen, was sie wollen, dann nehmen sie es sich mit Gewalt“,

sagt Atreju mit ernster Stimme.

Das haben wir doch eben erlebt“, sage ich zum Professor, „genau so ist es gewesen.“

Warum hat uns der Römer denn angegriffen?“, frage ich Atreju,

und warum wollte er den Kaktus?“

Weil er verhindern wollte, dass ihr euer Königreich rettet. Er muss sich irgendwie am Glücksdrachen festgehalten haben.“

Unser Königreich?“, fragt der Professor sehr interessiert, „davon wusste ich ja gar nichts.“

In unserer Welt ist inzwischen sehr viel Zeit vergangen. Ihr habt ja gesehen, wie schnell euer Baum gewachsen ist. Inzwischen ist er so groß, dass ein ganzes Königreich darauf Platz findet. Euer Königreich, das in den letzten 370 Jahre gewachsen und gediehen ist.“

Das ist ja ganz unvorstellbar“, sage ich, „der Baum muss ja inzwischen so groß sein, dass man ihn aus dem Weltall sehen kann.“

Eure Anhänger nennen sich 'die Kapern'. Sie verehren die zwei heiligen Brüder, die durch die sieben Höllen gegangen sind, um den großen Kapernbaum zu pflanzen.“

Die zwei heiligen Brüder“, sagt der Professor und kichert,

hörst du, heilige Brüder.“

Das ist ernst“, sagt Atreju und dann: „Euer Volk ist in großer Gefahr.“

Unser Volk ist in großer Gefahr“, wiederhole ich, „das klingt wirklich sehr ernst.“

Und die Prophezeiung sagt, dass die zwei heiligen Brüder im Moment größter Gefahr zurückkehren und den römischen Imperialismus bezwingen“, sagt Atreju.

Das ist aber eine genaue Prophezeiung“, sage ich, „selbst das mit dem römischen Imperialismus steht da?“, frage ich.

Atreju wird wieder blasser“, sagt der Professor und ich merke, dass er auch wieder leiser wird, weil ich ihn schon fast gar nicht mehr verstehen kann.

Wir haben nicht viel Zeit“, sagt Atreju, „ich spüre, wie die Römer mich an meinen Füßen zurück in die andere Welt ziehen.“

Aber was sollen wir tun?“, frage ich Atreju,

was sollen wir nur tun?“

Die Lösung liegt im Kak...“, antwortet Atreju.

Dann ist er nicht mehr zu verstehen.

Er hat 'kack' gesagt“, sagt der Professor und lacht,

das ist infantil“, antworte ich und lache dann doch mit, ohne dass ich sagen kann, was an dem Wort so lustig ist.

Das ist eigentlich alles gar nicht lustig“, sage ich und unterdrücke mein Lachen.

Ich habe aus dem Augenwinkel gesehen, wie der Glücksdrache den Römer gefressen hat“, sagt der Professor, „das war auch gar nicht lustig. Ich lache so sehr, um mich von diesen Bildern zu befreien“, sagt er lachend, „er muss sehr hungrig gewesen sein. Er hat sogar das Gras ganz sauber geleckt.“

Ich blicke dahin, wo der enthauptete Römer gelegen hat.

Beeindruckend, dass der Römer weder Schild noch Schwert losgelassen hat“, sage ich und schüttele dann den Gedanken ab, so wie ein Hund das Wasser abschüttelt, das er aus dem See an das Ufer trägt, denke ich und dann, dass es dabei egal ist, ob er etwas apportiert oder sich nur abkühlen will.“

Also nehmen wir jetzt Peyote“, sage ich, „damit wir damit irgendwie hinüber in unser Königreich kommen, um es vor dem römischen Imperialismus zu schützen?“

Man kann nicht einfach so Peyote nehmen“, sagt der Professor,

vorher müssen wir noch einige schamanische Zeremonien durchführen.“

Kennst du dich damit aus?“, frage ich.

Ein wenig“, antwortet der Professor und lächelt,

man könnte durchaus sagen, dass dies eines meiner Spezialgebiete ist.“


*

Eigentlich bräuchten wir ja ein Chamäleon“, sagt der Professor, „aber wahrscheinlich kommen wir bei dieser planetarischen Konstellation auch mit einer einfachen Ente aus. Da die Römer ja eine sehr primitive Kultur sind, gehe ich nicht davon aus, dass wir auf unserer Reise feindlichen Schamanen begegnen.“

So was“, sage ich, „ist meiner Kenntnis nach auch nicht überliefert. Die Römer glauben doch nur an das Imperium. Selbst die Priester sind harmlos. Wir müssen nur aufpassen, dass wir uns nicht mit den römischen Gottheiten anlegen.“

Ich werde zunächst diese Wiese einmal gründlich nach mythischen Kräutern absuchen,“

sagt der Professor und setzt sich auf den Boden, „du kannst ja in der Zwischenzeit schon einmal eine Ente fangen.“

Der Gedanke begeistert mich. Ich wollte schon immer eine Ente haben, denke ich, ich habe es nur nie gewusst, renne los, voller Aktionismus, und weil ich so viel Energie habe, schlage ich ab und zu einen Salto, einfach so, weil ich es kann. Schön ist das alles, denke ich, der See, die Bäume, der Himmel, alles sieht so friedlich aus, so gemalt, denke ich und dann, dass es schade ist, dass es niemanden gibt, bei dem man sich für all das bedanken kann und gerade als ich beschließe, dass ich ja repräsentativ für die ganze Schöpfung zumindest einmal einen Baum umarmen könnte, entdecke ich eine kleine Ansammlung von Enten, die es sich am Ufer des Sees in der Sonne gemütlich gemacht haben.

Jetzt ganz langsam, denke ich, damit ich die Enten nicht durch zu rasche Bewegungen verschrecke, ducke mich auf den Boden und nähere mich kriechend der ersten Ente.

Du liebe Ente“, sage ich zu der Ente, um sie schon direkt zu Beginn durch meine Freundlichkeit für mich einzunehmen, „ein ganzes Königreich ist in Gefahr und nur wir, die zwei heiligen Brüder können es retten. Wir benötigen deine Hilfe für ein schamanisches Ritual, um hinüber in die andere Welt zu gelangen.“

All das sage ich mit Kehllauten, Kopfbewegungen und einem kleinen Scharren der Füße. Da Wortschatz und Syntax der Entensprache wirklich klein und primitiv sind, brauche ich sehr lange, bis ich die Botschaft vollständig übermittelt habe.

Muss es denn sein?“, fragt die Ente und „ja“, antworte ich.

Dann ist es gut“, sagt die Ente.

Dann sagt sie, dass sie Brot möchte.

Das tut mir leid“, sage ich, „ich habe leider kein Brot dabei. Später“, sage ich,

später, Brot.“

Dann ist es gut“, sagt die Ente und lässt sich widerstandslos aufheben.

Sie ist ganz warm auf der Hand und ich halte sie fest an der Brust, als ich zurückrenne, damit sie durch den Zugwind nicht krank wird.

Ich werde mich gut um dich kümmern, denke ich, ich werde dich nie im Stich lassen.

Dann erreiche ich den Professor, der noch immer die Wiese untersucht.

Erstaunlich“, sagt er, „du hast tatsächlich eine Ente gefangen.“

Ich möchte ihr den Namen 'Jesus Maria' gegeben“, sage ich, „weil ich ja nicht weiß, ob es eine Ente oder ein Enterich ist. Sie ist ein so sanftmütiges Wesen.“

Das ist aber ein sehr christlicher Name“, sagt der Professor.

Ich weiß auch nicht“, sage ich, „aber die Namen passen so gut zueinander. Im Spanischen ist das, glaube ich, sogar ein gebräuchlicher Name.“

Nun gut“, sagt der Professor, „wir werden sie ohnehin gleich köpfen.“

Nein“, sage ich ganz erschrocken, „sie ist ja vollkommen unschuldig.“

Beruhigend streiche ich der Ente mit der Hand über das Gefieder.

Alle Enten sind unschuldig“, sagt der Professor, „das hat dich bisher ja auch nicht davon abgehalten, sie zu essen.“

Das ist etwas anderes“, sage ich.

Das ist gar nichts anderes. Hier stirbt die Ente sogar für einen höheren Zweck.“

Gibt es nicht vielleicht noch irgendeinen anderen Weg?“

Der Professor denkt nach.

Man könnte sie durch einen Schlag auf den Kopf betäuben. Dann würde sie gar nicht merken, dass sie geköpft wird.“

Nein“, antworte ich, „gibt es nicht noch einen anderen Weg, bei dem Jesus Maria nicht geköpft wird?“

Der Professor denkt erneut nach, legt die Stirn in Falten und streicht sich mit der Hand durch den kleinen Bart, der ihm in der Zwischenzeit gewachsen ist und der mich die ganze Zeit schon irgendwie stört.

Vertraust du der Ente?“, fragt er mich und sieht mich dabei ernst an.

Na ja“, sage ich und betrachte die Ente in meinen Armen, die ihren Kopf an meine Brust geschmiegt hat und in diesem Moment schaut die Ente zu mir zurück.

Und?“, fragt die Ente, „wann beginnt das Ritual?“

Dann sagt sie, dass sie Brot möchte.

Gleich“, schnatter ich zurück und streiche ihr liebevoll über den kleinen Kopf.

Ich vertraue der Ente“, sage ich, „bislang hat sie mich nicht enttäuscht.“

Soweit ich weiß“, sagt der Professor, „gibt es nur ein einziges Ritual, bei dem die Ente nicht geköpft werden muss. Es ist ein sehr altes und beinahe vergessenes Ritual und auch sehr komplex in der Vorbereitung. Wenn es gelingen würde, uns zu schrumpfen, könnten wir vielleicht auf dem Rücken der Ente hinüber in die andere Welt fliegen, aber dafür müsste ich eine ganze Menge vorbereiten“, sagt der Professor, „und es wäre viel einfacher sie zu köpfen. Dann hätte ich auch all die Kräuter hier nicht umsonst gesammelt. Für den Entenflug brauchen wir ja ganz andere.“

Wir fliegen auf der Ente“, sage ich,

das klingt viel besser, als sie zu köpfen.“

Na gut“, sagt der Professor, „aber dann musst du mir bei der Vorbereitung helfen.“


*

Nach einigen Stunden haben wir alles vorbereitet und das Wohnzimmer der Seehütte in einen kleinen Tempel verwandelt. Mit unseren Handtüchern haben wir die Decke verkleidet und der Professor hat ein Mobile aus sieben kleinen Gabeln gebastelt, das uns die spirituelle Windrichtung anzeigen kann. So haben wir mit einem Trick den Kräuterkreis nach Sternen aus ausgerichtet, die man von der Erde aus gar nicht sehen kann. Die Kaktusstücke haben wir in der Zwischenzeit im Backofen getrocknet und alte germanische Runen an die Wände gemalt.

Mit großer Präzision hat der Professor mit Kräuterasche einen kleinen Kreis auf den Boden gezeichnet, der gerade einmal so viel Raum bietet, dass man dort sehr eng nebeneinanderstehen kann.

„Gibt es bei dem Ritual eine Vorgabe bezüglich der Kreisgröße?“, frage ich den Professor möglichst beiläufig, weil ich weiß, wie viel Mühe er sich mit dem Kreis gegeben hat, „schließlich werden wir wohl eine ganze Weile in dem Kreis verbringen müssen.“

„Grundsätzlich könnte der Kreis wohl etwas größer sein“, sagt er nach kurzem Nachdenken, „eigentlich ist er nur so klein, weil ich nicht genug Kräuter für mehr Asche gefunden habe. Es ist nämlich von allergrößter Wichtigkeit, dass der Kreis fortwährend geschlossen ist.“

„Vielleicht können wir die Asche mit etwas strecken“, sage ich, „oder den Kreisrand etwas dünner machen.“

„Möchtest du das schamanische Ritual leiten?“, fragt der Professor und es klingt ein wenig beleidigt.

„Nein“, sage ich, „ich dachte nur, dass der Kreis ein wenig größer sein könnte.“

„Gut“, sagt der Professor, „dann machen wir den Kreis halt ein wenig größer.“

Vorsichtig schieben wir die Asche nach außen und weil der Boden gefliest ist, geht das erstaunlich gut, es macht sogar Spaß die Asche so über den Boden zu schieben, kleine Formen zu bilden und dabei den Kreisrand immer weiter nach außen zu bewegen.

„Das erinnert mich an diese buddhistischen Mönche“, sage ich zum Professor, „die mit diesen kleinen Reiben die verrücktesten Bilder aus farbigem Sand malen, stunden- ja tagelang hocken die so da.“

„Du meinst Mandalas“, sagt der Professor, „Sandmandalas“.

„Ja“, sage ich, „und wenn das Bild vollendet ist, dann verwischen sie alles wieder. Ich habe nie verstanden, ob das ein Symbol für die Vergänglichkeit ist oder ob es aussagen soll, dass der Weg das Ziel ist. Vielleicht“, sage ich, „ist das ja auch gar kein Widerspruch.“

„Jetzt brauchen wir die Ente“, sagt der Professor.

„Jesus Maria“, rufe ich, weil ich einen Moment vergessen habe, dass sie die Menschensprache ja nicht versteht.

„Ich gewöhne mich einfach nicht an diesen Namen“, sagt der Professor. „Er war in Ordnung, als wir sie noch köpfen wollten, aber wenn sie uns jetzt länger begleitet, finde ich, dass sie einen besseren Namen braucht.“

„Na gut“, sage ich, „dann schlag mal etwas vor.“

„Da wir uns mit den Römern anlegen, würde vielleicht ein nordischer Name passen“, sagt der Professor, „ich mochte den Namen Thor immer sehr gerne. Er hat so etwas Friedliches.“

„Thor“, sage ich, „das klingt schon gut, aber was, wenn es am Ende gar kein Enterich ist.“

„Stimmt“, sagt der Professor, „das habe ich vergessen. Wie wäre es mit Thora? Das kann man sowohl weiblich als auch männlich aussprechen.“

„Thora“, sage ich probeweise und denke, dass der Name richtig gut klingt.

„Jesus Maria“ erscheint mir jetzt rückblickend auch ein wenig zu religiös“, sage ich, „da muss man ja heutzutage aufpassen, dass nicht der falsche Eindruck entsteht. Ich bin froh, dass wir den Namen geändert haben.“, sage ich zum Professor, dann verlasse ich den Kreis, um die Thora zu holen.


*


„Sie ist ein so liebes Tier“, sage ich, als ich mit der Thora zurückkomme, „wenn sie ihren Kopf an einem reibt, dann zeigt sie damit, dass sie jemanden mag.

„Außerdem“, sage ich zum Professor, „sagt sie die ganze Zeit, dass sie Brot möchte. Hörst du?“

Doch der Professor ist abgelenkt, misst immer wieder die Größe des Kreises und sieht dabei besorgt aus.

„Bist du besorgt?“, frage ich, „du hast da diese Falte auf der Stirn, die du immer bekommst, wenn dir etwas nicht geheuer ist.“

„Eigentlich ist alles fertig“, sagt der Professor ausweichend, „wir müssen jetzt nur noch alles in den Kreis holen, was wir in den nächsten Stunden brauchen könnten.

„Kann Thora nicht draußen warten?“, frage ich, „sie lag da so gemütlich in der Sonne.“

„Da wäre es wohl netter gewesen, sie zu köpfen“, sagt der Professor, „da ja alles, was gleich noch da draußen ist, wohl recht schnell von den Dämonen zerfetzt werden wird.“

„Dämonen?“, frage ich, „die hast du bislang gar nicht erwähnt.“

„Die sind eigentlich auch nicht so wichtig“, sagt der Professor, „weil sie ja nicht in den Kreis hineinkönnen. Wir dürfen uns nur nicht von ihnen hinauslocken lassen.“

Das erscheint mir logisch.

„Wir müssen also einfach im Kreis bleiben“, sage ich.

„So ist es“, sagt der Professor,

„wir dürfen den Kreis nicht verlassen.“

„Dann“, sage ich, „geh ich jetzt noch mal raus, um zu pissen“ und erhebe mich leichtfüßig,

„und vergiss die Thora nicht“, ruft der Professor mir nach,

„ich bereite hier dann schon einmal den Rest vor.“

Dann bin ich draußen und weil der Druck auf meiner Blase von einem auf den anderen Moment um das Hundertfache steigt, pinkle ich kurzentschlossen gegen das Haus.

Dann ist er da, dieser befreiende Moment, wenn der Druck nachlässt und der ganze Körper sich entspannt, den man vorher, unbewusst, so unsäglich verkrampft hat.

Das ist so entspannend, denke ich, so erlösend.

„Entschuldigen Sie bitte.“

Ich bin so erschrocken, dass mein Strahl zittert.

„Entschuldigung!“

Ich schließe meine Hose und bin peinlich berührt über den kleinen Fleck, der in dem Stoff zurückbleibt, peinlich, denke ich, als ich mich umwende und dort kein Römer, sondern ein zorniger älterer Herr steht, der ein Halstuch trägt.

Römer, denke ich, trugen gar keine Halstücher.

„Sie können doch nicht einfach so gegen das Haus pinkeln“, sagt der ältere Herr sehr vorwurfsvoll, „was denken Sie sich denn dabei?“

Ich bin zu verblüfft um zu antworten. Irgendwie trifft mich der Vorwurf.

„Wir haben dieses Haus gemietet“, sagt der Professor, der zwischenzeitlich aus dem Tempel getreten ist. „Und überhaupt: Was geht Sie das an? Gehen Sie in Ihrer Freizeit auf Wildpinklerjagd?“

Hier muss ich lachen und bewundere dabei den Professor für einen Moment, weil er manchmal so schlagfertig ist. 'Wildpinkler', denke ich, ist ein wirklich lustiges Wort.

„Nein“, sagt der ältere Mann mit einer nun noch vorwurfsvolleren Stimme, „ich habe Ihrem Bekannten dieses Haus vermietet und ich bin eigentlich nur hier, um Sie zu begrüßen und Ihnen eine kurze Einweisung zu geben.“

Kurz ist es still.

„Ach“, sagt der Professor dann mit einer deutlich freundlicheren Stimme und

„ach“, wiederhole ich, weil mir nichts Besseres einfällt,

„ich habe...“, sage ich und begegne nun zum ersten Mal dem Blick des älteren Herrn, denke, dass er gar nicht so böse aussieht, dass es ihn nur getroffen hat, dass er mein Wildpinkeln als Akt der Herabwürdigung seines kleinen Feriendomizils versteht, vielleicht, denke ich, hat er sogar die Bretter selbst gestrichen, ich verstehe dich, denke ich, ich verstehe deinen Schmerz,

„....so eine Krankheit“, ergänzt der Professor meinen Satz:

„Mein Freund hier ist nämlich zu 30 % behindert.“

„Ich kann...“, sage ich, und denke, dass ich mich schäme, dass ich sein Haus so besudelt habe, wo hier doch alles so schön ist, so mit Geschmack,

„seinen Harndrang manchmal nicht kontrollieren“, ergänzt der Professor meinen Satz: „Eigentlich hat er für solche Fälle auch stets eine kleine Flasche dabei, aber weil wir gerade auspacken, haben wir sie auf die Schnelle nicht gefunden und weil wir und auch er uns der Verantwortung bewusst sind, einen so schönen und liebevoll gestalteten Ort für eine Weile zu bewohnen, ist er nach draußen gerannt.“

Staunend lausche ich den Ausführungen des Professors, die so überzeugend klingen, dass ich für einen Moment selbst glaube, dass es genau so gewesen ist. Mir gefällt nicht, dass der Professor so von mir in der dritten Person spricht, aber ich finde es großartig, wie sich die Gesichtszüge des älteren Herrn verändern, wie der Zorn verschwindet und Platz für etwas macht, das wie Betroffenheit aussieht.

„Sehen Sie“, sagt der Professor und weist auf den kleinen Fleck auf meiner Hose,

„er ist vor Schreck ja nicht mal zum Abschütteln gekommen.“

„Ich habe das wohl missverstanden“, sagt der ältere Herr, „wir haben das Haus ja bewusst behindertengerecht gestaltet.“

„Er hat sich so auf diese Reise gefreut“, ergänzt der Professor, „er sieht ja sonst nur die grauen Wände.“

„Es tut mir leid“, sagt der ältere Herr. „Das habe ich nicht gewusst.“

„Mir tut es leid“, sage ich, „ich kann mir schon vorstellen, wie das auf Sie gewirkt haben muss.“

„Na gut“, sagt der ältere Herr, „dann zeige ich Ihnen mal alles“ und tritt auf unseren Tempel zu.

„Der Sanitärbereich ist vollständig behindertengerecht“, sagt der ältere Herr.

„Darauf sind wir besonders stolz.“

„Das geht leider nicht“, sagt der Professor und tritt vor die Tür, hinter der sich unser Tempel verbirgt.

„Ich bin nämlich Landesbeamter“, sagt er, „und dort drin befinden sich leider wichtige Dienstgeheimnisse.“

„Dienstgeheimnisse?“, fragt der ältere Herr und es klingt ein wenig ehrfurchtsvoll.

„Bedeutende Dienstgeheimnisse“, sagt der Professor,

„sonst wäre ich da nicht so streng, aber ich würde mich strafbar machen, wenn ich Sie nun dort hineinließe. In meiner Position nimmt man die Arbeit ja leider mit in den Urlaub“, sagt der Professor.

„Ich habe mal für die Kommune gearbeitet“, sagt der ältere Herr, „da gab es auch Dienstgeheimnisse.“

„Das ist zwar nicht zu vergleichen“, sagt der Professor, „aber Sie verstehen wohl, was ich meine.“

„Ich verstehe“, sagt der ältere Herr, „dann kommen Sie zurecht?“

„Wir kommen schon zurecht“, sagt der Professor und als unser Vermieter in einem alten Volvo wendet, winke ich ihm zum Abschied.

„Was der jetzt wohl von uns denkt?“, frage ich den Professor und betrachte den Fleck auf meiner Hose, der noch immer sichtbar ist.

„Wieso der?“, fragt der Professor, „das war doch eine Frau. Ich musste die ganze Zeit aufpassen, dass ich ihr nicht zu tief in den Ausschnitt schaue. Sie hat ja auch noch dieses kleine Medaillon getragen, das den Blick irgendwie so angezogen hat.“

„Das war ein Mann“, sage ich, „ein älterer Herr mit einem Halstuch.“

„Ältere Männer tragen keine Halstücher“, antwortet der Professor:

„Ich habe noch nie einen alten Mann mit einem Halstuch gesehen.“

„In Western tragen fast alle Männer ein Halstuch“, sage ich,

„egal ob sie jung oder alt sind. Ich habe mich immer gefragt warum.“

Keinem von uns fällt in diesem Moment eine Antwort ein.

„Ich finde das übrigens nicht gut, dass du so auf diesen Fleck gezeigt hast“, sage ich,

als wir wieder in den Tempel gehen,

„für einen Moment habe ich mich richtig geschämt.“


*


„Haben wir alles?“, fragt der Professor und ich schaue mich um.

„Wir haben gutes Mineralwasser“, sage ich,

„die Kaktusstücke und die Thora, einige Scheiben Brot, Zucker und eine Zuckerwattemaschine.

Außerdem“, sage ich, „haben wir diesmal einen Schürhaken. Den habe ich extra mitgebracht. Wir müssen nur aufpassen, dass wir uns nicht gegenseitig damit wehtun.“

„Das kriegen wir hin“, sagt der Professor,

„solange du mir nicht mit der Hand ins Gesicht schlägst.“

„Was ist das?“, frage ich den Professor,

weil er einen kleinen Teller mit einigen Muskatnüssen in den Kreis gestellt hat.

„Wofür brauchen wir Muskatnüsse?“

„Das darin enthaltene Myristicin wirkt antidämonisch“, erklärt der Professor,

„das wussten schon die alten Ägypter. Sollte es einem der Dämonen gelingen in unseren Kreis zu gelangen...“

„Moment“, sage ich, „du meintest ja eben, dass die Dämonen nicht in den Kreis hineinkönnen.“

„Können sie auch nicht“, sagt der Professor,

„aber wir sollten auf alles vorbereitet sein.“

Das leuchtet mir ein, es ist sogar sehr umsichtig, vom Professor, denke ich,

„also?“, frage ich, „wie setze ich die Muskatnüsse ein.“

„Überhaupt nicht“, sagt der Professor erschrocken,

„du bist ja schließlich kein Schamane. Sollte die Situation es erfordern, werde ich, ich wiederhole ich und nur ich, die Muskatnüsse mit einer speziellen spirituellen Wurftechnik auf die Dämonen schleudern. Das ist etwas, das man nicht so einfach lernen kann“, erklärt der Professor, „alleine für das richtige Abspreizen des Daumens habe ich einige Monate gebraucht, es erfordert höchste Konzentration und jahrelange Übung.“

„Na gut“, sage ich, „fehlt noch was?“

Ich blicke mich um. Der Professor hat bereits in allen vier Ecken des Raumes Kräutermischungen entzündet, welche die kleine Hütte langsam immer stärker mit Rauch füllen. Es riecht nach verbranntem Gras.

„Wir könnten die Dunstabzugshaube anmachen“, sage ich, „dann wird die Luft ein wenig gefiltert.“

„Das wäre zu laut“, sagt der Professor, „damit würden wir die Dämonen ja geradezu auf uns aufmerksam machen. Je dichter der Rauch, desto schwerer ist es für sie uns zu sehen.“

Auch das klingt überzeugend.

„Ich finde das toll, dass du dich damit so gut auskennst“, sage ich, „ich hätte das alles gar nicht gewusst.“

„Ich finde das ja auch schön, dass ich da meine Kenntnisse ein wenig einbringen konnte. So im Alltag kann ich mein schamanisches Wissen ja nur sehr selten nutzen. Hier“, sagt der Professor und reicht mir ein Kaktusstück, „du musst einfach darauf herumkauen.“




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