Wir kennen uns seit der siebten Klasse. Sie kam etwas später hinzu. Stand vorn neben der Klassenleiterin. Die sagte, die neue Schülerin kommt aus einer Spezialschule.
Ich hatte mich sofort in sie verliebt. Sie auch. War ich überzeugt.
Neue Schule, neues Glück?
An der alten hatten mich die Eltern meiner Freundin zu sich bestellt und verkündet: So lange du in den Kopfnoten nur Vieren (und Fünfen?) hast, kann du nicht der Freund unserer Tochter sein.
Da werden sie und ich also nicht mehr im Hof bei ihr stehen und uns küssen.
Einige Zeit später sah ich sie auf der anderen Straßenseite. Sie schob einen Kinderwagen.
Sie schaute zu mir rüber, ohne anzuhalten. Auch ich ging weiter.
Auch die Eltern eine Freundes ließen mich bei sich antreten ... Ich war froh, nicht mehr in der alten Schule zu sein. Irgendwie paßte ich da nicht rein.
Der einzige Lehrer, den ich mochte, war der Werk-Lehrer. Er hatte nur ein Bein und ein krankes Herz. Bei ihm war ich oft. Er schenke mir ein Buch übers Segelfliegen, weil mein Vater Segelflieger war, aber schon viele Jahre tot.
Einmal hatte er große Herzschmerzen. Er dachte, er würde sterben. Er sagte: du kannst meine Schuhe bekommen. Nach eine Weile sagte er: Hilft dir nicht, du hast ja zwei Beine.
Der Werklehrer war ebenso ein Außenseite wie ich.
Er erinnerte mich wohl an Onkel Martin. Der hatte ein Holzbein und erzählte mir vom Heidentum.
Das schien mich so sehr zu begeistern, daß meine Mutter sagte: du kannst nicht mehr in den Ferien zu Onkel Martin fahren, sonst bekommen wir ganz großen Ärger.
An der alten Schule war ein sadistischer Russisch-Lehrer, der aussah wie ein Affe, mein Klassenleiter.
An der neuen Schule war alles anders ...
Mona stand vorn neben der Klassenleiterin, auch sie unterrichtete Russisch.
Jeder konnte es sehen: Mona ist die Schönste. Und sie hatte rote Fingernägel.
Einige andere Mädchen hakten auf ihr rum. Die hab ich mir vorgenommen. Verbal.
Mona und ich sind nie zusammen gewesen.
Viele Erinnerungen steigen auf, auf die ich vielleicht in anderen Texten zurückkommen.
Hier möchte ich von der Tafel Schokolade erzählen, die ich ihr von Norwegen nach Deutschland schickte, nachdem sie meinte, macht Appetit, mich Schokolade essen zu sehen.
Ich fragte, ob die Schokolade schon angekommen ist.
Ja, sie hat eine Nachricht erhalten und muß zur Hauptpost in Berlin-Mitte.
Wo ist das Problem?
Mein Auto ist kaputt.
Fahr doch mit der S-Bahn.
Nein, das kann ich nicht.
Warum nicht?
Ich kann keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen.
Warum das?
Da war mal was in einem Bus, als ich Kind war, hat mich ein Mann so komisch angeguckt.
Fahr doch mit dem Taxi, ich bezahle es.
Nein, das ist zu teuer.
Nach einige Zeit fragte ich noch einmal nach.
Die Post hat mir schon wieder geschrieben: wenn ich das Päckchen bis dann und dann nicht abhole, schicken sie es zurück.
Dann sollen sie es zurückschicken.
Nein, das will ich auch nicht.
Dann hol es ab.
Mein Auto ist zwar wieder in Ordnung, aber ich bin die Strecke noch nie gefahren.
Ich wußte, daß sie mit demselben kleinen Auto ein Freundin besucht hat, die sie in einer psychiatrischen Klinik kennengelernt hatte, die in der Nähe von Hanover wohnt.
Das ist etwas anders, sagte sie.
Ich verstand nicht: die erste Fahrt in ein anderes Bundesland ist einfacher als in der eigenen Stadt zur Hauptpost zu fahren.
Irgendwie schaffte Mona es, das Päckchen von der Hauptpost zu holen, bevor es zurück geschickt wurde.
Zur Hauptpost mußte sie, weil man dachte, im Päckchen seien Drogen.
Auf diese Idee kommt man wohl nur in Deutschland: jemand schickt aus einem Dorf in Norwegen nach Berlin, Hauptstadt des Vierten Reiches, Drogen.
Wie Mona die Schokolade geschmeckt hat, erinnere ich nicht mehr. Ich glaube, die Schokolade war geschmolzen – war damals, vor zehn Jahren, bereits der heißeste Sommer seit Beginn des Lebens? – und sah unappetitlich aus.
Aber ich erinnere deutlich, daß ich erkannte, Mona und ich haben nie zusammengepaßt.
Unabhängig davon, habe ich während unseres zweiten Kennenlernens nach vielen Jahren ohne Kontakt verstanden: Mona war nie wirklich an mir interessiert, sondern pflegte den Kontakt, weil ihre Mutter mich toll fand.
Ihre junge Mutter erinnerte ich an ihre große Liebe ...
Tut mir leid, daß ich die Themen nur anschneide. Es ist noch früh am Tag, und ich wollte nur schnell das mit der Schokolade schreiben.
Aber die anderen Themen wollen auch alle aufgeschrieben werden, mich sozusagen verlassen, damit sie in Frieden ruhen können.
Damit ich bereit bin für Neues? Wirklich Neues?
Was sollte das sein?
Das, mein lieber Verlo, wirst du rechtzeitig erfahren.
Nun leg dich wieder ins Bett, setze vielleicht deinen schönen Traum fort, und laß mich deine Erinnerungen ordnen.