Die 8. Etage

Kurzprosa zum Thema Tragik

von  Citronella

Unser kleines Vertriebsbüro mit etwa 20 Mitarbeitern – Tochtergesellschaft eines amerikanischen Unternehmens, das Jahre später zu einem Weltkonzern heranwachsen würde – belegte das gesamte Erdgeschoss eines achtstöckigen Mietshauses. Auf der kleinen Grünfläche vor meinem Bürofenster stand ein üppiger alter Kastanienbaum, der meine Aussicht zur Straßenseite hin verschönte.


Alles war neu und aufregend in jenen ersten Monaten in der Stadt, und ich nahm jeden Ratschlag begierig auf. Als mich gleich in den ersten Arbeitstagen ein Kollege darauf hinwies, dass man vom 8. Stock des Gebäudes bei Föhn einen wunderbaren Blick auf die Berge habe, fuhr ich sofort hinauf und überzeugte ich mich selbst davon. Die Aussicht aus dem Flurfenster auf die schneebedeckte Alpenkette war in der Tat überwältigend. In der Folgezeit nahm ich mir des Öfteren ein paar Minuten, um diesen Blick zu genießen.


Eines Tages riss mich ein ungewöhnliches Geräusch aus meiner Arbeit – ein heftiges dumpfes "Plopp" von draußen, das ich nicht einordnen konnte. Während ich noch überlegte, eilte eine atemlose Kollegin in mein Zimmer. "Ruf schnell einen Rettungswagen, da ist jemand aus dem Fenster gestürzt!". Ich verharrte starr vor Schreck auf meinem Stuhl, unfähig, ans Telefon zu gehen. Die Kollegin griff dann selbst zum Telefonhörer und schilderte kurz und knapp, was passiert war: Eine Person, ein älterer Mann, wie wir später erfuhren, war direkt vor ihrem Fenster auf das Hofpflaster gestürzt. Den Sturz, offensichtlich aus dem 8. Stock, wo ein Fenster offen stand, überlebte er nicht.


Die Kollegin blieb erst einmal in meinem Büro, bis der Mann abtransportiert und die Aufräumarbeiten beendet waren. Ich weiß nicht mehr, wie wir den Rest des Tages verbrachten und wie sie es schaffte, wieder in ihr Zimmer zurückzugehen. Jedenfalls schätzte ich an diesem Tag mehr denn je den Kastanienbaum vor meinem Fenster.


In den folgenden Wochen verzichtete ich erst einmal auf meine Ausflüge in die 8. Etage, zu tief saß der Schock.



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Kommentare zu diesem Text


 Verlo (09.08.26, 15:32)
Für mich ist das unverständlich:
In den folgenden Wochen verzichtete ich erst einmal auf meine Ausflüge in die 8. Etage, zu tief saß der Schock.
Außer du wolltest den alten Mann nicht wirklich aus dem Fenster stoßen ... ?

 Citronella meinte dazu am 09.08.26 um 16:16:
Was soll der Quatsch, Verlo?

Für mich war der Gedanke, dass jemand aus dieser Etage gesprungen war, aus der ich immer den Blick genossen hatte, einfach unerträglich. Vielleicht hätte ich dazuschreiben sollen: Ich war damals gerade mal 20 und mit Todesfällen noch nie in Berührung gekommen.

 Verlo antwortete darauf am 09.08.26 um 16:41:
Citronella hat geschrieben:
Was soll der Quatsch, Verlo?

...

 Verlo (09.08.26, 16:07)
Citronella, dein Text macht auf mich den Eindruck, als wenn du noch nicht bereit bist, zu erzählen, was (aus deiner Sicht) erzählt werden muß.
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