Zeitfensterplatz

Text

von  Vaga

Ich war froh, noch in den Besitz einer Platzkarte gekommen zu sein. Nicht viel Gepäck, nur eine kleine Tasche, vornehmlich Bücher. Am Bahnsteig Gewimmel um mich herum. Der Zug wird voll. Die Fahrt lang, von der Mitte des Landes bis zum Ende. Ich steige ein, suche und finde schnell in der Ziffernleiste meine reservierte Platznummer.
Doch mein Platz – ein Fensterplatz in Fahrtrichtung – ist besetzt. Von ihm. Er sieht mich nicht, denn er schläft. Ziemlich fest. Das beweisen seine zusammengenähten Wimpernreihen. Kein Zucken, obwohl ich hier stehe. Keine Bewegung. Und so werde auch ich augenblicklich zur Zeitlupe. Setze mich. Genau ihm gegenüber. Schlage meine Beine vorsichtig übereinander, schiebe einen Fuß zwischen die seinen. Der Zug fährt an. Die Reise beginnt.
Anschauen wollte ich mir die Landschaft, die vorbeifliegt in der Welt da draußen. Genießen, dass es regnet und ich – davon unbehelligt – gemütlich vor mich hinreisen kann. Doch von Gemütlichkeit keine Spur. Mein Rockbund kneift. Ich verspanne mich im Nichtstörenwollen. Der Rocksaum sitzt auch nicht mehr an der richtigen Stelle, schiebt sich gegen meinen Willen langsam übers Knie.
Was ruhig in mir war, wühlt plötzlich auf. Mein Gegenüber bannt mich auf sich fest. Dieser Mund! Meine Güte! Das Laszive im Maskulinen! Er lässt seinen Atemzügen freien Lauf, senkt und hebt jetzt die Brust meiner Augenwillkür entgegen. Somnambule Unendlichkeit verkürzt die Distanz zu schonungsloser Intensität. Bin ganz Beobacht. Verwimpere nicht eine Sekunde. Seine Hände liegen gefaltet im Schoß, die Schenkel weit geöffnet. Festigkeit preisgegeben unter gespanntem Stoff. Leibeigen hetze ich zwischen seinen Schwellen hin und her, nehme gefangen, hebe und senke auch mich, rutsche mich wund auf seinen Lippen. Mein Blick drängt direkt unter seine Lider, reißt einen harrenden Traum auf. Fließende Übergänge waschen meine Blickläufigkeit unter seine Körpermitte, vertiefen Eindrucksvolles zu vollem Ausdruck. Ein paar Lidschläge lang beginnt mein Körper zu flüstern, kommuniziert in Millimeterarbeit mit dem seinen in rhythmischem Einvernehmen. Nur kurz noch, scheint mir, halten meine Häute mich zusammen, verwahren mich vor Contenanceverlust.
Als mir die Augen aufgehen, ist es dunkel im Abteil. Das Licht muss ausgefallen sein. Ich spüre Bewegung in meiner Nähe. „Entschuldigen Sie“, höre ich ihn sagen, „dürfte ich mal bitte vorbei?“ „Sekunde“, flüstere ich, „denn mir ist wohl gerade der Körper eingeschlafen, von den Füßen aufwärts bis unter die Kopfhaut.“ „Dann geht es Ihnen wie mir“ – seine Stimme ist atemberaubend und nah an meinem Ohr – „jedoch bin ich soeben noch rechtzeitig erwacht.“



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