Ernter

Kurzgeschichte zum Thema Natur

von  RainerMScholz

Das hintere Stück Wald ist doch auch abgesperrt, oder?“

Ja, klar, letzte Woche schon, ich hab`s mir extra gestern nochmal angeschaut.“

Gut, dann geht`s los, würde ich sagen. Hast ja jetzt bestimmt zu Ende gefrühstückt, hoffe ich.“

Ja, ja. Die Klamotten sind auch schon hintendrauf.“

Gerd und Jürgen treten aus der Baracke und steigen in den Unimog. Ihr Weg führt heute in den abgesperrten Forstabschnitt, um die ausgesonderten, bereits veräußerten Buchen zu fällen. Kreischend springt der Motor des hochrädrigen Fahrzeugs an. Leichter Nieselregen fällt, der Himmel klart aber schon auf, ein Dohlenschwarm stiebt lärmend über die Wipfel.

Am Ende des matschigen, von tiefen Reifenspuren gezeichneten Wirtschaftweges kommt der Unimog zum Stehen. Die beiden Waldarbeiter in ihren gelben Warnwesten und den schweren Stiefeln steigen aus dem zugigen Führerhaus, nehmen die Säge, die Keile und die Axt von der Ladefläche und gehen zum ersten, mit rotem Farbspray gekennzeichneten Baum unten am Hang. Es ruft von dem Baum.

Gehen Sie weg. Lassen Sie die Bäume in Frieden. Sie dürfen hier nicht abholzen. Das ist wie Mord. Wie Mord!“

Was ist das denn?“

Die beiden Männer schauen sich verblüfft an.

Was?!“

Gehen Sie fort. Es ist Mord.“

Ja, leck mich am Arsch, da hat sich wieder einer angekettet.“

Sie da, Sie dürfen hier nicht sein. Es ist abgesperrt, und gefährlich. Das gibt`s doch nicht.“

Jürgen sieht Gerd von der Seite an.

Nein.“

Doch.“

Ohhh.“, und beide lachen scheinbar widerwillig.

Der Tag scheint gelaufen, der Angekettete ruft weiter laut Mord und Aufhören und dass er die Bäume liebe und der Wald geschützt gehöre.

Der Zug ist abgefahren.“

Dann müssten wir ja von vorne anfangen.“

Kein Bock auf die Scheiße. Komm, ist doch keiner hier außer der Depp; wir machen die Arbeit jetzt fertig.“

Wir müssten ja alles neu absperren, und dann die Polizei, Krankenwagen womöglich und was weiß ich.“

Der ist allein, oder?!“, Gerd dreht den Kopf in alle Richtungen.

Dann schiebt er den Gesichtsschutz des Helmes herab.

Ich mach´ das jetzt. Wir haben Arbeit zu tun.“, und wirft mit dem Zugband die Kettensäge an.

Der erste Schnitt ist schnell gemacht, Sägespäne und Blut bedecken das Brombeergebüsch neben der Fällung. Dem angeketteten Mann mit der grünen Allwetterjacke fehlen die Unterschenkel, er hängt wie ein aufgeschnittener Müllsack am Stamm, sein Kopf baumelt auf der Seite; erst hat er noch geschrien, jetzt ist er scheinbar bewusstlos, seine Fingernägel sind in die Rinde verkrallt und der Mund steht weit offen. Jürgen platziert die Keile am angesägten Stamm und schlägt sie mit dem Kopf der Axt fest, dass das Holz zur rechten Seite falle; dann gibt er das Signal und ruft „Baum fällt“; Gerd besorgt mit der Kettensäge den Rest. Die riesige Buche mit dem Mann an ihr fällt in die vorgesehene Senke; die Leiche verschwindet, zermalmt unter dem riesigen Gewicht.

Einen Arm kann ich noch sehen, glaub´ ich.“

Ja, da ist auch noch ein Stück – was weiß ich.“

Ok, dann hol´ ich doch einfach schon den Harvester; wenn die Äste und Strünke erstmal ab sind, ist von dem da auch nicht mehr viel zu sehen.“

Der steht bei der neuen Schonung.“

Dann bis gleich.“

Ich mach´ schonmal weiter hier.“

Alles klar, Gerd.“

Bis gleich, Jürgen.“

Als er schon ein Stück weiter ist, springt die Kettensäge wieder an, das Motorjaulen erfüllt das silbrige Blätterdach und Jürgen schaut nach oben. Ein stiller Fuchs quert verstohlen den verschlammten Pfad, so flink und nahezu unsichtbar, als hätte es ihn nie gegeben.



© Rainer M. Scholz



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