Fiktive Illusionen

Kurzgeschichte zum Thema Schreiben

von  RainerMScholz

Meine Fußsohlen kleben an der Zimmerdecke, ich stehe Kopf, die Welt hat sich verkehrt, ich weiß nicht wieso; und wenn die Blätter der Bäume in den Himmel fallen, die Vögel graben in der Erde und Maulwürfe fliegen in den Lüften, dann hat sie sich verkehrt, die Welt, und ich weiß nicht weshalb.

Ich habe sie in den Abgrund geschrieben.

Vor Jahren. Und dann habe ich nicht weiter an sie gedacht. Sie war ohnehin nur eine flüchtige Bekanntschaft, wie man so sagt, wie man sich eben so kennt, von der Kneipe, in der sie gearbeitet hat, von Konzerten irgendwo im Niemandsland, ein Hallo im Vorübergehen, ein kurzes erkennendes Nicken, ein Blickkontakt, vielleicht einige Stunden zusammen und dann nichts. Dann habe ich sie in einem Text, einer Geschichte erwähnt, so wie ich das jetzt tue, und habe sie vergessen, wie aus dem Gedächtnis gelöscht, gestrichen aus der Erinnerung; wie so vieles wahrscheinlich.

Letzte Woche, an einem Dienstag, mit Christian in der Alten Post, nachdem ich zwei Zugausfälle hinter mir hatte und sehr durstig bei meiner Ankunft war, stand ich ungeduldig an der Theke, um mein Getränk entgegennehmen zu können; da lächelt mich diese fremde Frau auf dem Barhocker in der Ecke freundlich an, was ich mehr als flüchtig zur Kenntnis nehme, ich lächle, vielmehr grinse kurzangebunden gedankenlos zurück, blicke auf den riesigen Bildschirm an der Rückwand, auf dem das Spiel läuft und beobachte die Wirtin beim Zapfen, obschon dieses Starren den Vorgang überhaupt nicht zu beschleunigen vermag. Draußen an den kleinen Tischen, auf diesen unbequemen Klappstühlen, unterhalten wir uns im Abenddämmer, Christian und ich, im Abgasdunst der Straße und schauen der U-Bahn und den Automobilen hinterher, wehren fahrig die Wespen von unseren Gläsern ab, rauchen und trinken. Christian fragt mich, ob ich die Frau am Tresen erkannt habe. Nein, antworte ich, welche Frau. Die ausgemergelte mit der Lederweste, die nicht mehr nüchtern zu sein scheint. Nein. Das ist Bärbel. Welche Bärbel. Bärbel von früher, aus der „Sahne“ vorne am Weißen Stein, die da bedient hat, du weißt schon. Nein. Das kann doch nicht sein. Ist aber so. Ich hab´ die nicht erkannt. Das Alter hat sie so deformiert, und sie ist ja nur noch die Hälfte von früher, und sie sieht aus wie ein Junkie. Wir schauen uns an und trinken. Die Sonne ist schon untergegangen.

Die fremde Frau tritt durch die Tür auf die Straße, sie geht nah an unserem Tischchen vorbei und steigt in das bestellte Taxi.

Ich habe über sie geschrieben, und das habe ich mit ihr angestellt. Sie dreht sich nicht um, die Wagentür schlägt zu.Wir sehen uns an, Christian und ich, trinken unsere Getränke, und ich denke insgeheim: Du bist der nächste in dieser Geschichte. Vielleicht. Christian sieht mich an.

Wir sprachen noch über die letzten Konzerte, Fußball, solche Sachen eben. Irgendwann wurde es Zeit für die Bahn. Die Gleise, der Bahnsteig, der Zug.



© Rainer M. Scholz



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