Vielleicht der Beginn eines Reisetagebuches, vielleicht ein neues Ende …
Tagebuch zum Thema Reisen
von S4SCH4
Es ist spät an diesem Abend und meine Abreise rückt immer näher.
Wie ich keinen Bock habe!
Ein paar Tage noch …
Einmal ist die Abfahrt bereits schiefgegangen, der Zug nahm mich und mein Rad nicht mit.
Ob ich hoffe, dass es auch ein zweites Mal schiefgeht …?
Nein, diesmal werde ich fortfahren und alles hinter mir lassen!
Einmal mehr.
Ich wünschte, ich könnte sagen, es würde das letzte Mal werden, aber das kann ich nicht.
Das kann ich nicht.
Ich wünschte, ich könnte sagen, es wird alles klappen und wundervoll werden, aber das kann ich nicht.
Ich kann es nicht.
Und ich wünschte, ich könnte sagen, ich würde aus einem in mir liegenden Verlangen und aus Liebe fahren.
Aber das wäre eine Lüge.
Ich bin kein Flüchtling und kein Vertriebener.
Nicht im eigentlichen Sinne.
Ich gehe freiwillig fort.
Ich wollte, ich wäre es bereits.
Vielleicht ist es weniger schlimm, wenn man Tatsachen ins Auge blickt.
Weniger schlimm, als ebensolche Tatsachen zu schaffen.
Ich habe alles soweit organisiert, bis auf die letzten 10 %.
Aber es wird auch ohne den Rest gehen, denn ich bin kein 100-%-Typ.
Das letzte Mal liefen die Vorbereitungen denkbar mies.
Ich soff und hurte rum.
Bis spät am nächsten Tag, die Nacht war nur Transit.
Und das Herzstück.
Pulsierend.
Panik und Pracht parallel zueinander.
Verborgen vor dem Kommenden konnte ich ich sein.
Und abwarten.
Ohne zu verlieren.
Diesmal ist es anders.
Ich gehe kaum aus dem Haus, schlafe viel und schreibe, lese …
Diesmal ist die Vorbereitung denkwürdiger, ich setze diesem Ende einen neuen Anfang entgegen.
Das schafft Spannung und die Amplitude schlägt weitgehender aus.
Deshalb sehe ich Angst und Hoffnung händchenhaltend in meinen Träumen.
Und ich hasse es, sie zusammen zu sehen.
Es ist nicht wie „Die Schöne und das Biest“, sondern eher wie „Simon & Garfunkel“ auf LSD.
Nicht, dass ich je LSD nahm, denn ich hätte zu viel Angst davor.
Und doch: gepaart mit der leisen Hoffnung aus „Bridge over Troubled Water“ würde ich wütend werden.
Und wütend zu sein passt weder zu dem Song noch zu LSD.
Aber es passte zu mir.
Nicht zuletzt deswegen gehe ich.
Ich bin so wütend geworden.
„Angry young man“, so nannte man mein großes Vorbild.
Das aus den frühen Tagen meines Erwachsenseins.
Die erste Freiheit nach dem Knast der Kindheit.
Als ich mit schwarzer Lederjacke Eddie Cochran hörte.
Städte und Bars liebte.
Und mich auch noch …
irgendwie jedenfalls.
„Angry young man!“
„Ja?“
…
„Der Wilde“; mit seiner Motorradgang macht er ein kleines Städtchen unsicher.
„Die Faust im Nacken“; als er seinem Bruder auf dem Rücksitz sagt: „I could have been somebody!“
„Der letzte Tango in Paris“; zum Soundtrack von Gato Barbieri, ein alternder, abgehalfterter …
Marlon Brando!
Doch ich bin nicht wie er, nicht wie Brando.
Ich wünschte später, vielleicht heute noch, ich würde mit ihm und Pocahontas irgendwann an einem Lagerfeuer sitzen.
Über das erste Fernsehgerät sprechen.
Wie Neil Young auch.
Solche Dinge halt.
Heimat eben.
Marlon Brando.
Pocahontas.
Neil Young.
Kann man es sich aussuchen, wen oder was man alles in Gedanken mitnimmt?
Oder sind sie gekommen, mich zu überreden? Zum Bleiben?
Mich daran zu erinnern, wie alles begann.
Als ich schwarze Lederjacke trug und Eddie Cochran hörte.
Summertime Blues.
Aber da waren wir bereits.
Die Platte hatte ich bereits abgespielt.
Es wird Zeit für etwas Neues…
Und vielleicht hätte ich nie erwachsen werden dürfen.
…
Oder?
In drei Tagen ist es soweit.
Dann fahre ich ab.
…
Oder?
„Sometimes I wonder
What I'm a-gonna do
But there ain't no cure
…”
Oder?