Vielleicht der Beginn eines Reisetagebuches, vielleicht ein neues Ende … #2

Tagebuch zum Thema Reisen

von  S4SCH4

Sollte ich je in Bologna ankommen, werde ich mich nicht fragen, wie es weitergeht.

Stattdessen werde ich mir sagen, wie es nicht weitergeht.

So schneide ich hinter mir ab.

Denn das ist mir wichtiger, als vor mir einen Teppich auszurollen.

 

Ich kann damit klarkommen, wenn ich keinen Schlafplatz finde und biwakieren muss.

Oder wenn ich zu müde sein werde, die täglichen Kilometer auf meinem Rad voranzukommen.

Und langsam werde.

Wenn mein Schmerz mich nicht verlässt.

Oder wenn ich das Pensum nicht schaffe und meinen Erwartungen nicht genüge.

Damit kann ich leben.

Mit Hindernissen und Erschwernissen vor mir kann ich ganz wahrscheinlich leben, ja.

Das kann ich.

Mit dem Ballast hinter mir allerdings nicht.

Das geht nicht.

 

Zu viele Dörfer sind abgebrannt, zu viele Träume zerplatzt, zu viel habe ich verworfen.

Viel zu viel ist mir noch in der Waagschale verbrannt.

Als ich Alchemist spielte und etwas in Gold verwandeln wollte, was sich nicht dafür eignet.

 

Gold, eine Farbe meiner Heimat.

Gold, ein Versprechen der Zukunft.

Gold für eine Medaille zum Sieg.

Doch ich kann es nicht erzwingen.

Nichts davon.

Weder Heimat noch Zukunft noch Sieg.

Es ist den Helden vorbehalten – nicht den Geistern.

Nicht denen, die sich eine führende Rolle im Käfig nehmen, statt im Krieg zu marschieren.

„…How I wish, how I wish you were here…“ (Pink Floyd, 1975)

 

Aber du wirst nicht kommen.

Und du wirst nicht da sein.

Denn du verließest mich wie ich dich verließ.

Nicht, um wiederzukommen, wie so oft.

Sondern diesmal, um sich darauf verlassen zu können.

Auf dieses Verlassen.

 

Doch ich weine nicht der vergangenen Tage wegen.

Nicht, weil nur ein Blick ins Wasser und aus Wasser mir blieb.

Nicht, weil wir im Resultat aus eins und eins nicht länger gemeinsam aufgehen.

Sondern weil wir nicht mehr am Rechenschieber sitzen, als begegneten wir damit der Welt.

 

Jeder von uns beiden steht nun in der Wurzel zu einer Wurzel und bleibt sich dort unbekannt.

Nur wir wussten, wer wir waren, wenn wir gemeinsam waren.

Und es war einfach.

Die Lösung war einfach zu einfach.

Und so schneide ich unsere Herleitung ab.

Den Beweis, dass es uns gibt und gab.

Nie wieder wird man uns in eine gemeinsame Gleichung einsetzen.

Quod erat demonstrandum.

„Was zu beweisen war“.

 

Doch ich schreibe mich nicht gleichermaßen ab.

Auch wenn wir uns noch fallen sehen wollen.

Wenn wir uns lieben, wo das Scheitern noch unseren Namen trägt.

Einen den der Wind, aus dem Gestern kommend, noch kennt.

Wenn dieser Tür und Fenster öffnet und das Einstige als Gespenster herholt.

Doch dann stehe ich auf!

 

Ich werde aufstehen, das um uns gesponnene Band zerschneiden, und gehen.

Und fahren.

Einfach nur fahren.

Und fahren.

So lange, bis ich …

 

... vor mir bald das Adriatische Meer sehe und die Hügel der Abruzzen.

Ich möchte den Stein der Herrenhäuser und Landgüter dort riechen, ihn schmecken und mich hinter ihm geschützt finden.

Eine von Oliven- und Zitrusbäumen geschwängerte Luft um mich haben und dabei Feigen und Walnüsse sammeln.

Über die Wiesen mit Schafen und Ziegen will ich ziehen, als wäre ich ihr Hirte.

Wenn alles schläft, will ich das Brot backen und früh zu Tisch bringen.

Ich möchte sehen, wie es vom Hausvater gebrochen wird und der Dampf darum vom Segen kündet.

Meine Fingerspitzen sollen über Apulien nach Kalabrien, über die Straße nach Messina, nach Palermo zeigen.

 

Erst dann werden meine Hände wieder milde sein.

Wieder milde sein.



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Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (03.10.26, 06:41)
Selten hier etwas so GroßArtiges gelesen.  <3

Dein "So schneide ich hinter mir ab" könnte von mir gedacht worden sein - eine allzeit beliebte Taktik. Einfach aus Unmut. Aus Überdruss.

Applaudierende Grüße zum Dichter hin
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