Gleich neben dem Kinderfoto von Papa hing eines von Mama, ungefähr im selben Alter. Mama auf einem Polter im Wald; sie trägt ein kurzes Sommerkleidchen; ein sehr schlichtes Kleid, fast schon ein Kittel. Ihre nackten Füße baumeln in der Luft. Ihr Haar steht in alle Richtungen ab. Mama lacht mit weit geöffnetem Mund. Ihr Mund ist größer als sonst, und schwarz. Das komme vom Blaubeersaft, erklärte mir Mama.
Meine Urgroßmutter Hedwig und Mama liefen viele Kilometer in die Blaubeeren. Sie brachen bei Morgengrauen mit dem Leiterwagen auf. Wenn Mama müde Füße bekam, durfte sie sich zum Ausruhen in den Leiterwagen setzen.
Mama erzählt viel von ihrer Oma. „Habe ich sie denn noch kennengelernt?“ „Nein, als du geboren wurdest, war sie schon verkalkt.“ Als Kind stellte ich mir vor, dass ihr Kopf innen von einer weißen Masse verstopft war.
Mama läuft nur noch sehr kurze Strecken; lieber nimmt sie das Fahrrad. Ich weiß nicht, ob es an der Puste liegt oder an der Arthritis. Mama geht nicht zum Arzt. In letzter Zeit summt sie beim Ausatmen. Hedwig war gut zu Fuß. Sie war schon den Weg von Schlesien allein gelaufen.
Die Arzthelferin gibt mir das Spirometer in die Hand. „Bekomme ich keine Nasenklammer?“ „Die können Sie sich denken.“ Ich hole Luft. Ich puste aus. Ich habe zuhause geübt. Ich bin fast eine halbe Stunde früher losgegangen als nötig; damit ich ganz langsam laufen kann und Luft sparen.
Jeden zweiten Monat fahre ich für ein paar Tage zu Mama. Im Sommer zupfen wir eingehüllt in Mamas Rauch Lavendel. Mama braucht immer etwas zu tun, auch wenn sie müde ist. Jeden Tag erledigt sie eine kleine Aufräum- oder Putzaufgabe. „Ich bin faul“, sagt sie, wenn sich die Aufgaben anstauen. „Ich bezahle dir eine Putzfrau, Mama.“ „Nein.“
Von Mama kenne ich viele Kinderfotos. Auf den meisten verzieht Mama ihren Mund, als hätte sie mit dem Lächeln angefangen und mitten in der Bewegung darauf vergessen. Nur auf diesem einen lacht sie offen heraus.
Auch Mamas Kinderfoto ist schwarzweiß, aber anders schwarzweiß als Papas. Dunkler und satter. Es ist ein Schnappschuss.
„101 %“, sagt mein Hausarzt. „Sie haben noch rechtzeitig aufgehört.“
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