DER VERTRAUTE GAST IM HINTERSTEN FLÜGEL
Text zum Thema Innenwelt
von J.B.W
DER VERTRAUTE GAST IM HINTERSTEN FLÜGEL
J. B. Weber, 2026
Ich erinnere mich nicht, eingeschlafen zu sein. Ich erinnere mich nur, dass im Haus alles in Ordnung war. Es bestand kein Anlass einzugreifen, und ich hatte Zeit.
Vielleicht ging ich deshalb umher.
Wenn der Betrieb reibungslos lief, gestatte ich mir bisweilen, jene Räume aufzusuchen, die ich sonst nur auf den Plänen vermute. Manche hatte ich lange nicht betreten; andere schienen erst im Augenblick meiner Ankunft zu entstehen. Ich fand Türen, deren Beschriftung ich nicht mehr entziffern konnte, und dahinter Zimmer, in denen etwas still auf mich wartete, das ich einmal kannte oder das ich einmal gewesen sein mochte.
So gelangte ich diesmal in einen der hintersten Flügel. Die Metallteile der Tür waren angelaufen, teilweise mit Grünspan überzogen, und das dunkle Holz war an manchen Stellen spröde, an anderen feucht und morsch; jedoch ließ sie sich überraschend leichtgängig – fast elegant – öffnen.
Dort lehnte ein Mann an einem hohen Fenster. Seine Kleidung war dunkel, schlicht; sein Gesicht weder jung noch alt, weder freundlich noch abweisend. Er betrachtete das Außen, obwohl sich da draußen wahrscheinlich kaum etwas erkennen ließ. Ich trat ein; hinter mir fiel die Tür ins Schloss. Er wandte sich um.
Wir sahen einander an und erkannten uns nicht. Nicht sofort.
Es war ein sonderbarer Augenblick: zwei alte Bekannte, denen die Erinnerung aneinander für den Moment abhandengekommen war, während die Vertrautheit zwischen ihnen unvermindert fortbestand. Dann ordnete sich etwas. Ein alter Zusammenhang schloss sich, geräuschlos wie zuvor die Tür.
„Sie sind noch hier“, sagte ich.
„Wie Sie sehen.“
Seine Stimme war ruhig. Ich hatte sie etwas anders in Erinnerung, ohne sagen zu können, worin der Unterschied genau bestand. Vielleicht hatte ich sie früher lauter gehört, oder sie kam mir damals säuselnder vor, gelegentlich bedrohlich, fordernd, beim letzten Mal eher noch beruhigender.
Ich setzte mich nicht, trotz der einladenden, dick gepolsterten Sessel, aus deren Umarmung man sich schwer befreit, wenn man einmal darin versunken ist. Er bot mir keinen Platz an. Es war keine Unhöflichkeit darin.
„Ich habe Sie lange nicht besucht“, sagte ich.
„Sie hatten eben anderes zu tun.“
Das war richtig. Wir sprachen, als führten wir ein Gespräch fort, das niemals ausdrücklich beendet worden war. Es ging um die Beschaffenheit des Hauses, um die Veränderungen seiner Bewohner und um die eigentümliche Gewohnheit des Gärtners, Dinge hervorzubringen, die sich in keinem Verzeichnis unterbringen ließen.
„Er arbeitet noch immer?“, fragte mein vertrauter Gast.
„Ja. Mehr denn je.“
„Dann hat er Glück.“
Ich betrachtete ihn. „Ist das Ihre Ansicht?“
„Ich habe keine Ansicht über Glück“, sagte er. „Ich stelle lediglich fest, dass es vorkommt.“
Darauf wusste ich nichts zu erwidern, was nicht überflüssig gewesen wäre.
Ich trat zu ihm an das Erkerfenster. Unterhalb des Hauses lag das Treibhaus, dessen Scheiben den letzten Rest des Sonnenlichts festhielten. Hier konnte der Gärtner auch im Herbst noch die exotischsten Gewächse züchten. Durch das Glas sah ich ihn zwischen den Beeten. Er bewegte sich langsam, mit der konzentrierten Unbekümmertheit eines Menschen, der weder wissen muss, was er tut, noch beweisen muss, dass es notwendig ist. Er legte etwas in die Erde und bedeckte es sorgfältig.
„Er sät, ohne die Ernte zu kennen“, sagte ich.
„Das ist die Natur seiner Arbeit. Ich ernte, ohne das Schicksal der Ernte zu kennen“, erwiderte mein Gast.
Ich musste an die Akten denken. Nicht an die großen, sauber geführten Archive, sondern an die schmalen, schon ein wenig vergilbten Register, die in einem Schrank meines Gedächtnisses lagerten. Ich hatte sie selten geöffnet. Nicht aus Angst vor ihrem Inhalt; eher aus jener eigentümlichen Abneigung, die man gegen Vorgänge empfindet, deren Bedeutung man längst analysiert hat, aus denen man bereits Schlüsse und Lehren abgeleitet hat und die dennoch nicht aufhören, geschehen zu sein.
Mein Gast bemerkte wohl meinen Blick.
„Sie erinnern sich“, sagte er.
„An einiges.“
„An die Brücke.“
Ich nickte. Einmal hatte ich geglaubt, eine einzige Bewegung könne eine endgültige Antwort sein. Es war keine Antwort daraus geworden. Übrig blieb eine Grenze, die mein Körper seitdem mit einer Bestimmtheit verteidigte, die mein Verstand nie angeordnet hatte. Sie ist so irrational, dass ich manchmal schmunzeln muss, wenn sie sich meldet.
„An den Schuss“, sagte er nach einer Weile.
Auch daran erinnerte ich mich. An die Entschlossenheit, die sich im entscheidenden Augenblick verschob; an die Gedanken an den unverdienten Schrecken für die, die mich gefunden hätten, und an das Geräusch, das danach in der Welt stand, und an die nüchterne Feststellung, dass die Sache nicht so geendet hatte, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Das Holz hatte die Spur behalten. Ich selbst war geblieben und zufrieden damit.
Der Gast sprach nicht weiter, bis ich meinen gedankenverlorenen Blick vom Fenster abwandte.
„Und der dritte Eintrag“, sagte ich, „ist vermutlich der unordentlichste, vielleicht noch nicht einmal vollständig.“
Der Gast bestätigte dies mit einem knappen Nicken. Es gab die Nacht, den Rausch, die Einsamkeit inmitten von Musik, Lichtern, Menschen; ein undurchsichtiges, groteskes Gewoge, in dem ich einen Ast fand, der weniger trug, als ich mit eingeschränktem Urteilsvermögen angenommen hatte. Danach den Schmerz beim Gehen, die Tage, in denen ich mich mit dem Geschehenen arrangierte, und die erstaunliche Fortsetzung aller gewöhnlichen Dinge. Auch dort war kein Ende eingetreten. Nur eine weitere Erinnerung, die sich später in eine Erzählung verwandeln ließ, sofern ich sie weit genug von mir selbst entfernte oder besser: nachdem ich sie weit genug in mich selbst aufgenommen hatte.
„Eigentlich eine bemerkenswerte Sammlung für die paar Jahre“, sagte ich.
„Sie haben sie angelegt.“
„Nicht mit der Absicht, sie mit Ihnen durchzugehen und sie zu präsentieren.“
„Das ist unerheblich.“
Ich hätte widersprechen können. Doch es lag keine Anklage in seiner Stimme, und ich empfand keine Verpflichtung dazu, kein Verlangen, mich zu verteidigen. Die drei Einträge waren nicht gleich. Sie hatten verschiedene Ursachen, traten unter verschiedenen Umständen auf und in verschiedenen Abständen zu dem, was ich heute war.
„Es gab weitere Gelegenheiten, in denen wir eine kürzere oder längere Zeit gemeinsam gereist sind“, merkte er an. „Gefährliche Fahrten. Zustände, in denen Ihr Urteilsvermögen bei weitem nicht zuverlässig war. Frühe Experimente mit Dingen, deren Folgen Sie nur zum Teil überblickten.“
Ich dachte an meine Kindheit und Jugend, an selbst erschaffene Gefahren und an die sonderbare Mischung aus Abenteuer, Isolation und Gleichgültigkeit, die damals vieles begleitete. Ich dachte an Nächte, in denen ich in eigenen Traumwelten oder unter Einflüssen unterwegs gewesen war, unter denen man sich selbst kaum als verlässlichen Zeugen gelten lassen kann, teilweise noch nicht einmal als Mensch. Diese Akten enthielten jedoch auch keinen großen Schluss. Keine fremde Verletzung, keinen Unfall, keinen jener Einschnitte, die ein Leben von außen in ein Davor und Danach teilen.
„Wir haben uns häufig verfehlt“, sagte ich.
„Oder Sie haben mich nicht erreicht.“
„Aus Ihrer professionellen Perspektive klingt das besser, aber ist das ein Unterschied?“
„Für mich nicht. Für Ihre Chronik sicherlich.“
Ich lächelte. Es war eine Feststellung, die sich als Witz verkleidet hatte, damit man sie ansehen konnte.
„Niemand wusste davon“, sagte ich. „Nicht in dem Sinn, in dem man es gewöhnlich meint. Ich hatte keine Zuschauer bestellt. Ich hinterließ keine Botschaft, die jemand hätte finden sollen. Was geschah, blieb bei mir.“
„Dann war es kein Hilferuf, den der Versuch oder ich hätte überbringen müssen.“
„Nein.“
Wir schwiegen. Ich wusste nicht, ob ich mich damals jemandem hätte mitteilen können. Ich wusste nur, dass ich es nicht getan hatte. Nachträglich ließ sich vieles als Absicht, als Zufall, als unvollständiger Entschluss oder als ein Zustand beschreiben, dessen innere Logik sich dem späteren Ich weitgehend entzog. Keine dieser Beschreibungen war vollständig. Ich hatte gelernt, mit dieser Unvollständigkeit zu leben, ohne sie zu einer geheimen Wahrheit zu verklären. Allein die Tatsache, dass sie nie etwas hinterlassen hatten, nahm ich allen meinen früheren Ichs übel.
Mein Gast legte die Hände ineinander.
„Sie halten mich für eine Möglichkeit“, sagte er.
„Für eine theoretische.“
„Das ist eine präzise Unterscheidung.“
„Eine notwendige.“
„Notwendig für wen?“
Ich sah ihn an. „Für den Verwalter natürlich.“
Zum ersten Mal lächelte er eindeutig – ein wenig. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Es war schwer, bei ihm zwischen Ausdruck und dessen Abwesenheit zu unterscheiden.
Ich wusste, was er meinte. Es gab Gedanken, die ihre Macht nicht daraus bezogen, dass man sie ausführte, sondern daraus, dass man sie als Möglichkeit im Hintergrund wusste. Eine letzte Tür, dachte man, ohne sie öffnen zu wollen; eine abstrakte Gewissheit, die sich bei ungünstigem Licht als Bequemlichkeit ausgeben konnte. Ich kannte diesen Gedanken. Ich hatte ihn lange genug betrachtet, um seine Verführung nicht mit einer leichten Gelegenheit oder gar einer Verpflichtung zu verwechseln.
„Sie scheinen sich sicherer zu fühlen“, sagte mein Gast.
„Ich bin besser darin geworden, mein Haus zu verwalten.“
„Sie können nicht alles vorhersehen.“
„Nein, das stimmt“, sagte ich. „Das ist aber nicht dasselbe, wie Ihnen alles zu überlassen.“
Er nahm diese Antwort ohne sichtbare Regung entgegen. Es war ein Vorteil seiner Gesellschaft, dass er nicht auf jede Äußerung eine Deutung legte. Er ließ manche Sätze einfach stehen, als gehörten auch sie zum Mobiliar. Was andere kalt oder emotionslos nennen würden, empfand ich als angenehm klar oder unaufdringlich.
Wir wandten uns wieder dem Treibhaus zu. Der Gärtner hatte sich aufgerichtet und hielt etwas in der Hand, das von unserem Platz aus nicht zu erkennen war. Vielleicht ein Samenkorn. Vielleicht etwas Erde. Vielleicht ein Setzling oder auch nur seine leere Hand, in der er bereits eine Möglichkeit sah.
„Er wird bald weiterarbeiten“, sagte ich.
„Das ist seine Aufgabe.“
„Und Ihre?“
Mein Gast blickte auf die Scheiben, in denen das Dunkel allmählich die Spiegelung des Hauses übernahm.
„Ich habe keinen Grund, jemandem seine Aufgabe abzunehmen. Auch Ihnen nicht.“
Damit war das Gespräch beendet. Nicht feierlich, nicht endgültig. Ich verabschiedete mich, und er erwiderte den Gruß.
„Auf bald.“
Als ich die Tür hinter mir schloss, hörte ich weder Schritte noch ein Geräusch, das mir seine Bewegung hätte anzeigen können.
* * *
Später suchte ich den Gärtner auf. Die Luft im Treibhaus roch nach feuchter Erde und den grünen, leicht süß-bitteren Säften der Pflanzen. Er kniete vor einem Beet, dessen Inhalt mir unbekannt war.
„Ich habe einen sehr alten Gast gesehen“, sagte ich.
Der Gärtner hob den Kopf. „Ach?“
„Wir haben miteinander gesprochen.“
„Und? Worum ging es?“
Ich überlegte, wie ich ihm die Begegnung schildern sollte. Ich hätte von den Registern erzählen können, von den drei alten Einträgen, von den übrigen Gelegenheiten und von den Dingen, die sich nicht eindeutig einordnen ließen. Doch während ich noch nach einer geeigneten Formulierung suchte, wandte sich der Gärtner bereits wieder seiner Arbeit zu und fragte dabei:
„Wie ging es dir dabei und war er so, wie du ihn erwartet hast?“
„Ich weiß nicht, ob ich etwas erwartet habe.“
„Das ist manchmal dasselbe.“
Er griff in eine Schale und nahm neue Samen heraus. Ich kannte diese Bewegung. Sie war älter als meine Erklärungen und verlässlicher als manche meiner Gewissheiten. Er streute die Samen in die dunkle Furche, deckte sie zu und strich die Erde behutsam glatt.
„Was hast du gesät?“, fragte ich.
„Nichts Bestimmtes.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch“, sagte er. „Nur keine, die schon fertig ist.“
Ich blieb bei ihm, bis er die Reihe beendet hatte.
„In meiner sechshundertsiebzehnten Pause ist mir etwas in den Sinn gekommen, woran mich deine Gesichtsfarbe gerade erinnert“, sagte er.
Dann zeigte er mir eine Skizze, die auf der Rückseite eines alten Blattes entstanden war: ein Vogel mit durchsichtigen Flügeln, eine Stadt aus Blöcken, die sich nachts um ihre eigene Achse zu drehen schien, ein Meer, das sich an einen Ort erinnerte, an dem es niemals gewesen war. Die Bilder waren nicht besonders gut oder vernünftig. Sie mussten es auch nicht sein. Ich betrachtete sie länger, als ich beabsichtigt hatte.
Es war nicht so, dass die Begegnung im hintersten Flügel etwas geheilt oder endgültig geklärt hätte. Der Gast blieb ein Bewohner des Hauses, und die Vergangenheit blieb Vergangenheit. Aber der Gärtner hatte mich angesehen, während ich ihm davon erzählte, und war danach zu seiner Arbeit zurückgekehrt. Ich hoffte, er hätte bemerkt, dass ich nicht erschrocken war. Vielleicht hatte er nur gesehen, dass ich wieder Zeit hatte, neben ihm zu stehen.
* * *
Als ich später durch die Flure ging, war das Haus unverändert. Die Erinnerungsarchive ruhten. In dem sich immer weiter entfernenden Zimmer lehnte, wie ich annahm, mein Gast am Fenster.
Ich verspürte kein Bedürfnis, nach ihm zu sehen.
Im Treibhaus dagegen, unter den beschlagenen Scheiben, lagen die frisch bedeckten Reihen in völliger Dunkelheit. Nichts war zu erkennen. Der Gärtner hatte das Licht gelöscht.
Am Morgen, so notierte ich später, war mir kein einziger Traum geblieben. Nur die Erinnerung an ein Gespräch, das sachlich gewesen war, beinahe freundlich, und an ein Beet, dessen Inhalt ich nicht kannte.
Das Haus hatte seinen Betrieb fortgesetzt.
Der Gast war an seinem Platz.
Irgendwo unter der Oberfläche hatte etwas begonnen.