Die Herzdame war müde …

Gedicht zum Thema Denken und Fühlen

von  AnneSeltmann


Die Herzdame war müde …
und legte ihre Krone
für einen kleinen Augenblick
neben die Sehnsucht.

 

Der Abend hing
wie verblichenes Rosenpapier
zwischen Himmel
und Erinnerung.

 

Kein Hofstaat sprach.
Keine Trompeten.
Nur irgendwo
raschelte leise
eine verlorene Spielkarte
im Wind.

 

Die Herzdame sah hinauf,
als könnte zwischen den Wolken
noch etwas wohnen,
das nicht nach Pflicht schmeckte.

 

Ihre Hände
waren voller alter Gesten.
Winken.
Festhalten.
Loslassen.

 

Und plötzlich
erschien ihr das Herz
gar nicht mehr
wie ein Zeichen der Liebe,
sondern wie etwas,
das viel zu lange
zu schwer getragen wurde.

Da nahm sie die Schuhe ab
und setzte sich barfuß
an den Rand ihrer Geschichten.

 

Dort blieb sie eine Weile.
Still.
Fast glücklich.

 

Und zum ersten Mal
seit unzähligen Wintern
musste niemand
vor ihr niederknien. 




Hinweis: Der Verfasser wünscht generell keine Kommentare von Isensee.

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 niemand (23.05.26, 09:50)
@ Anne
Die letzte Strophe gefällt mir besonders, weil sie eine Erleichterung für beide Seiten verspricht. Für die Knieenden und für die Bekniete. An dieser Stelle könnte so etwas wie ein Versuch gestartet werden die alten Rollen abzulegen.
Die Starre aufzuweichen, obwohl es sehr schwer ist etwas so eingewachsenes
zu ändern, zu verlassen. Vielleicht je weniger man spielt, desto ehrlicher muss man werden und je weniger man huldigen muss, desto mehr darf man auch kritisieren, ergo auch ehrlicher werden. LG Irene    ;)

 Saira (23.05.26, 11:56)
Liebe Anne,

diese Herzdame wirkt auf mich nicht wie eine Märchenfigur, sondern wie ein Mensch, der viel zu lange eine Rolle getragen hat:  Würde, Erwartung, Haltung, vielleicht auch Einsamkeit. Die Krone neben die Sehnsucht zu legen, ist für mich einer der stärksten Momente im Text. Als würde für einen Augenblick all das abfallen, was man nach außen darstellen muss.

Besonders schön finde ich auch die Zeile mit dem Herzen, das nicht mehr wie Liebe erscheint, sondern wie etwas, das „zu lange zu schwer getragen wurde“. Darin steckt unglaublich viel Lebenserfahrung. Es wird spürbar, dass selbst Gefühle müde werden können, wenn man sie ständig bewachen oder verteidigen muss.

Für mich erzählt dein Gedicht davon, wie erschöpfend es sein kann, immer stark, würdevoll oder „die Herzdame“ sein zu müssen und wie kostbar die seltenen Augenblicke werden, in denen man einfach nur Mensch sein darf.

Das hat etwas sehr Zartes und gleichzeitig sehr Melancholisches.

Liebe Grüße
Sigrun
altezeit (42) meinte dazu am 04.06.26 um 10:49:
Diese Antwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
Zur Zeit online: