Brausedisko

Roman zum Thema Vergangenheit

von  Mutter

Die Fahrt von Kreuzberg nach Neukölln dauert keine zwanzig Minuten. Ich parke die Maschine nicht direkt vor dem Gebäude, sondern ein paar Schritte weiter weg. Vielleicht, um mir einen Moment zum Sammeln zu geben, bevor ich da reingehe. Auch nach all den Jahren ist es ein komisches Gefühl, hier wieder herzukommen. So vertraut und gleichzeitig so fremd – ich kenne keinen der Jugendlichen mehr. Und sie kennen mich nicht – und viel wichtiger: Sie respektieren mich nicht.
Einen Augenblick wünsche ich mir, ich hätte Dirty mitgenommen, ihn nicht in Kreuzberg zurückgelassen. Ich hatte ihm glaubhaft versichern können, dass er mich gehen lassen kann. Dass ich fahrtüchtig bin. Erst wollte er mich in seinem Clio fahren – aber ich hatte auf das Motorrad bestanden. Wollte unbedingt mobil bleiben und nicht auf das Bike verzichten.
Mit einem tiefen Atemzug hatte ich entschieden, dass ich das hier alleine machen muss. Dieser Teil meines Lebens ist einer, der vor Dirty lag. Als ich hier gearbeitet habe, war ich jemand ganz anderes. Gradliniger, spießiger.

Damals hatten Chris und ich hier im Jugendfreizeitheim als Erzieher gearbeitet. Wir hatten vor allem die Nachmittage und Abende mit den Kids verbracht, die meisten davon Jungs. Viele aus einem komplett zerrütteten Elternhaus - wir beide waren für die meisten schnell zu einer Art Großer-Bruder-Ersatz geworden.
Mit einem Lächeln gehe ich den schmalen Weg aus Waschbetonplatten entlang. Ich hatte gern hier gearbeitet, auch wenn manche Tage eher einem Aufenthalt im Tigerkäfig geglichen haben. Die Jungs hatten gelernt, keinerlei Autorität ohne Kampf zu akzeptieren – ihre natürliche Reaktion auf Regeln und Anweisungen war die Rebellion gewesen.  Und unser Job war dementsprechend eine Mischung aus wilden Mustangs an das Zaumzeug gewöhnen und Raubtiere handzahm zu machen gewesen. Tiger. Ich muss lächeln, als ich daran denken muss, wie er damals war. Ziemlich schüchtern, hatte sich zurückgehalten. War keiner von denen gewesen, die an ihrem ersten Tag gleich das Maul aufreißen und einen auf dicke Hose machen. Aber wir hatten sofort vermutet, dass er einer von den Smarten ist. Die tatsächlich eine Chance haben könnten, wenn man es schafft, die Schieflage, in die sie geraten waren, etwas zu korrigieren. Insofern wundert es mich nicht, dass sowohl Chris als auch ich sofort auf Tiger angesprungen sind. Die Jungs, zu denen man einen echten emotionalen Zugang findet, sind selten. Zu oft schaffen es die Kids nicht, sich einzulassen. Haben zu schlechte Erfahrungen gemacht.
Ich drücke die schwere Glastür auf und betrete den Vorraum, der genauso wie früher aussieht. Hier hat sich in all den Jahren quasi nichts verändert. Der Boden besteht aus flachen grauen Gumminoppen, die angeblich das Rutschen verhindern sollen. Bei dem Speed, mit dem die Jugendlichen hier um die Ecken knallen, schafft selbst das Gummi keine Haftung.
An den Wänden hängen unzählige Zettel, Poster und Plakate – das meiste für Veranstaltungen, Fortbildungen und Kurse. Gedacht sind die wahrscheinlich eher für die Eltern als für die Jugendlichen – nur trauen die sich kaum hierher. Einer der größten kündigt für morgen Abend eine Disko an. Mit einem Grinsen muss ich an die Veranstaltungen früher denken. Eine altersschwache Anlage, jede Menge Limonade und Teenager, die sich einen frühen Abend lang erwachsener fühlen, als sie es sind. ‚Brausedisko‘ hatten wir es hinter ihrem Rücken genannt. Ich bin mir sicher: Jeder der Halbstarken hätte uns die Hölle heiß gemacht, wenn sie das gewusst hätten.
Ich klopfe kurz und drücke die Tür zum Büro auf. Die beiden Schreibtische sind immer noch genauso angeordnet wie damals – auch hier hat sich nicht viel verändert. Mein ehemaliger Tisch ist leer, sieht aber in Benutzung aus. Offenbar haben sie die Stelle, die sie mir damals unterm Hintern weggestrichen haben, später wieder neu besetzt.
Chris sieht vom Rechner hoch. „Luca! Ich werd‘ verrückt.“ Auf seinem Gesicht spiegelt sich eine Mischung aus ehrlicher Freude und Verlegenheit wider. Das kann ich verstehen – nachdem sie mich damals gekündigt und ihn im Job belassen haben, haben wir nie wieder zu einem normalen, freundschaftlichen Verhältnis zurückgefunden. Wir hatten danach kaum noch Kontakt.
„Hey Chris – schön, dich zu sehen.“ Er steht auf, um hinter dem Tisch hervorzukommen. Ich ignoriere die Handbewegung, die mir unschlüssig ein Händeschütteln anbieten soll und nehme ihn in den Arm. Er erwidert die Umarmung mit festem Druck, erleichtert darüber, dass nichts zwischen uns steht.
„Manche Sachen ändern sich nicht, eh?“, sage ich und  lasse den Blick durch das Büro wandern. „Das sieht hier noch genauso aus wie früher.“
Er zuckt mit den Schultern. „Vermutlich, ja. Einem selbst fällt das kaum auf.“
„Wer sitzt dort? Jemand, den ich kenne?“ Wir hatten oft genug Vertretungen, und oft genug sind es solche Leute, die irgendwann Festanstellungen bekommen.
Er schüttelt den Kopf. Sofort ist seine alte Verlegenheit wieder zurück. „Kennst du nicht. Sie heißt Anna.“
„Wow!“ Ich bin beeindruckt – wir hatten oft genug darüber geredet, wie es wohl wäre, eine Frau hier zu haben. Ob das einen beruhigenden Einfluss auf die Jungs ausüben würde, und ob eine Erzieherin sich schwieriger durchsetzen könnte.
„Sie ist Klasse – die Jungs fressen ihr aus der Hand. Auf die Idee hätten wir mal früher kommen sollen. Im Ernst, sie ist richtig gut.“
„Noch früher? Dann hätten sie mich gleich gefeuert.“ Ich bereue meinen Scherz sofort, als ich seinen Gesichtsausdruck sehe. Mit einem Lächeln berühre ich am Oberarm. „Komm schon, lass die reuige Tour. Es war nicht deine Entscheidung, und dir nehme ich absolut nichts krumm. Ist halt blöd gelaufen, damals.“ Er scheint einigermaßen beruhigt.
„Was verschafft uns die Ehre? Wolltest du nur mal Hallo sagen?“
Sofort verdüstert sich meine Miene. „Erinnerst du dich an den kleinen Tiger?“
Er grinst. „Klar. Ist zwar schon eine Ewigkeit her, dass ich den gesehen habe, aber wie könnte ich den vergessen? Hast du was von ihm gehört? Was macht er?“
Also kein Glück. Ich schüttle den Kopf. Nicke dann. „Schon. Wir haben im selben Studio trainiert, und uns öfter gesehen. Aber seit einer Weile nicht mehr. Ich dachte, ich frag‘ mal nach, ob er hier aufgetaucht ist.“
„Nein, tut mir leid. Tiger habe ich sicher ein, zwei Jahre nicht mehr gesehen. Der ist uns irgendwann entwachsen.“
Damals hatten wir immer davon geredet, dass wir jeweils nur eine knapp bemessene Zeit mit den Jugendlichen hätten. Dass sie uns zu schnell flügge wurden, und dann nie wieder kamen. Von Tiger hatten wir damals erwartet, dass das eher früher als später wäre.
„Sowas in der Art habe ich schon erwartet.“ Ich kann die Enttäuschung nicht ganz aus meiner Stimme halten.
„Was ist passiert?“, will Chris wissen.
Kurz überlege ich, wie viel ich ihm sage. Ob ich einfach abwiegeln soll. Aber ich schätze, die Bullen laufen hier ohnehin früher oder später auf, also sage ich ihm die Wahrheit. „Die Polizei sucht ihn. Er soll eine Aussage in Zusammenhang mit einem Mord machen.“
Chris sagt erstmal gar nichts, ist völlig baff. Dann kommt ein leises: „Scheiße!“
Ich nicke. „Kannst du dich melden, wenn du was von ihm hörst?“
„Klar – natürlich.“
Ich weiß nicht, ob er vergisst zu fragen, was das Ganze mit mir zu tun hat, oder ob er Angst hat, danach zu fragen. Mir ist es egal. Ich schreibe ihm meine Handynummer auf einen neongelben Post-It und reiche es ihm rüber. „Das ist meine aktuelle Nummer, okay?“
Reflexartig schaut er auf den Zettel, als würde ihm die Nummer etwas sagen oder er sie sich merken könnte und nickt benommen mit dem Kopf.
Leise sagt er: „Ich hatte gehofft, dass vielleicht Tiger um so etwas herumkommt.“
Das hatte ich auch gehofft. Zum Abschied will er mir wieder die Hand reichen – diesmal, weil er völlig durcheinander ist. Ich ergreife seine Hand und ziehe ihn zusätzlich noch in eine Umarmung. „Ich komme irgendwann nochmal vorbei – wenn sich alles ein wenig beruhigt hat.“
Er nickt nur, als ich die Tür hinter mir schließe, um zu gehen.


Anmerkung von Mutter:

Eigentlich wollte ich das nicht machen - einen un-chronologischen Text reinsetzen. Weil das beim Figtclub so ein fürchterliches Durcheinander war.

Musste ich jetzt aber - den hier habe ich später noch einflechten müssen, weil er wichtig war.

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Kommentare zu diesem Text

KoKa2110 (42)
(02.08.10)
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 Mutter meinte dazu am 02.08.10:
Danke schön ... :)
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