Houellebecq Leser des Aristoteles

Erzählung zum Thema Erwachsen werden

von  toltec-head

Der Meister des Nicht-Stils copy- und pasted nicht nur schon mal gerne ganze Passagen aus Wikipdia und schreibt, wie es sich für einen guten Franzosen gehört, "loser" mit zwei o, sondern arbeitet auch sonst herzerfrischend schlampig. In den Elementarteilchen lässt er seinen Helden Bruno in einem Supermarkt über Aristoteles philosophieren:

...er dachte daran, dass Aristoteles Glauben zu schenken, kleinwüchsige Frauen einer anderen Art als der Rest der Menschheit angehören. "Ein kleiner Mann scheint mir immer noch ein Mensch", schreibt der Philosoph, "aber eine kleine Frau scheint eine neue Art von Wesen." Wie sollte man diese merkwürdige Behauptung erklären, die in so lebhaftem Widerspruch mit dem sonstigen gesunden Menschenverstand des Stagiriten stand?

Elektrifiziert von dem Zitat gebe ich bei google sogleich "Houellebecq" und "petite femme". ein. Außer der Stelle in den Elementarteilchen selbst findet sich bei google books aber nichts. Noch merkwürdiger: Selbst auf Englisch lässt sich das Zitat mit Eingabe der Schlagwörter "Aristoteles" und "kleine Frauen" nicht verifizieren. Die Suchmaschine speit einen einzigen Link zu reddit aus, wo jemand das Zitat zur Diskussion stellt. Eine der Antworten im Thread führt aber tatsächlich zur Lösung des Rätsels. Das Zitat stammt überhaupt nicht von Aristoteles sondern von Nietzsche. Aphorismus 75 des zweiten Buchs der Fröhlichen Wissenschaft lautet:

Das dritte Geschlecht. – »Ein kleiner Mann ist eine Paradoxie, aber doch ein Mann – aber die kleinen Weibchen scheinen mir, im Vergleich mit hochwüchsigen Frauen, von einem andern Geschlechte zu sein« – sagte ein alter Tanzmeister. Ein kleines Weib ist niemals schön – sagte der alte Aristoteles.

Am Ende also doch noch Aristoteles, mit einem allerdings etwas anderen Zitat. Hm..., jedenfalls versteht man, was der großen Literaturschlampe im Moment ihres Schreibens, durch den Kopf gegangen sein könnte und ist ihr selbst für ihre kleinen Fehler noch dankbar, weil man ihr so näher kommt.

Tatsächlich bleibt das Zitat jedoch rätselhaft. Am einfachsten zu erklären ist vielleicht noch das "Ein kleines Weib ist niemals schön" des Aristoteles, auch wenn es dem Empfinden der Jetzt-Zeit doch ziemlich widersprechen dürfte. Jeder normale, europäische Mann dürfte niedliche Asiatinnen vielmehr ohne weiteres doch als hübsch empfinden. Nicht so der alte Homo-Grieche ("Ich danke Gott erstens dafür, dass er mich als Grieche und nicht als Perser, zweitens dafür, dass er mich als Mann und nicht als Frau und drittes dafür, dass er mich als freier Mensch und nicht als Sklave geschaffen hat", noch so ein Zitat, das Marietta Slomka wahrscheinlich nicht als unmittelbar einleuchtend empfinden dürfte), was aber, je länger man darüber nachdenkt, nicht weiter erstaunlich ist. Messlatte ("Kanon") für die Griechen war nun einmal der gut gebaute, wehrhafte junge Mann und ein altes, kleines Hutzelmännlein weicht zwar nicht anders als eine gut gebaute Frau vom Kanon ab, aber beide gleichen sich immerhin doch noch in einem Punkt ("Mannsein", "Größe") dem Kanon an, während die kleine Frau in dieser Beziehung total durchfällt. Die kleine Frau ist so etwas wie ein Aithi-opos, ein Gesichtsverbrannter (griechische Bezeichnung für die people of colors). Bloßes Menschsein ist nun einmal nicht kanonisch, jedenfalls nicht für die Griechen als Begründer unserer modernen Demokratie.

Aber was ist mit Nietzsche und dem alten Tanzmeister? Google books zu glauben, hat sich noch kein Nietzsche-Exeget gefunden, der mit dem Zitat etwas anzufangen gewusst hätte. Und wieso Drittes Geschlecht?

Balanchine, der bedeutendste unter den neuen Tanzmeister ("La danse c´est la femme") hätte es vermutlich ganz anders als das alte weinerliche Weib aus Thüringen gesehen. Alle seine Tänzerinnen waren klein und seine kleinsten, die besten. Und ist es nicht tatsächlich viel zu schwach von einer lulatschartigen Tänzerin vom Typ Frauenfußballerin bloß als von einer Angehörigen eines Dritten Geschlechts und nicht schlichtweg von einem Monstrum zu sprechen?  Mit Drittem Geschlecht meint man heute doch die Nichtbinären, die ganz normal sein sollen. Das ganze Zitat macht nur Sinn, wenn man in dem alten Tanzmeister Nietzsche selbst  und der kleinen Frau "diese dürre, schmutzige, übelriechende Äffin mit falschen Brüsten" sieht, von der der Schlechtweggekommene an anderer Stelle spricht.

Die alte Pariser Schlampe als misogyn zu bezeichnen ist jedenfalls vollkommen abwegig. Er sagt es selbst: Niemand könnte von den Griechen weiter entfernt sein. Modern ist nicht der Horror vor klein- sondern vor großwüchsigen Frauen, zeigt er doch wie gleich ("homo") die Frau bzw. wie klein der Mann geworden ist.

Kommentare zu diesem Text


 Augustus (12.12.20)
„Das dritte Geschlecht. – »Ein kleiner Mann ist eine Paradoxie, aber doch ein Mann – aber die kleinen Weibchen scheinen mir, im Vergleich mit hochwüchsigen Frauen, von einem andern Geschlechte zu sein« – sagte ein alter Tanzmeister. Ein kleines Weib ist niemals schön – sagte der alte Aristoteles.“

Ob die bewusste Unterscheidung im Zitat zwischen „Weib“ und „Frau“ eine entscheidende Rolle spielt zum besseren Verständnis des Zitates. Weininger trennt die Begriffe Weib und Frau voneinander und musst jedem eine andere Bedeutung zu.
Ich glaube nicht dass hier Weib=Frau als Synonym gedeutet werden dürfte; es sind im Kern zwei verschiedene Wesen. Weib ungleich Frau und ein kleines Weib ist ein noch größeres Rätsel im Vergleich zu einer hochgewachsenen Frau. Wie und warum hier weib und Frau denfiniert sind, durch welche charaktwrmerkmale und Wesenszüge und Eigenschaften der einen sowie der anderen zugeteilt werden, muss wohl woanders gesucht werden.

Ave

 toltec-head meinte dazu am 12.12.20:
Genauso wirr.
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