Im Fokus: Volkssport Bequemlichkeit

Bild zum Thema Nachdenken

von  eiskimo

Dieser Text gehört zum Projekt  Corona-Texte
Um von vorn herein unbequem zu sein: Hier gibt es nichts Fertiges, sondern nur ein Foto-Puzzle. Thema: Kultivierte Faulheit, sprich Bequemlichkeit. Ob ihr euch damit auseinandersetzen oder gar Konsequenzen draus ziehen wollt.....

Bild 1:  Morgens vor deutschen Schulen ein einziger Stau: Die jugendlichen Langschläfer und zu intellektueller Betätigung  Gezwungenen werden von fürsorglichen Eltern heran chauffiert, möglichst ganz dicht ans Schultor – die kleinen Füße und der frühkindlich belastete Rücken könnten Schaden nehmen…

Bild 2: Wieder deutscher Alltag, diesmal fotografisch eingefangen auf dem Parkplatz des Discounters. Der hat 200 Parktaschen fein auf den Asphalt aufgemalt. Nur knapp 80 davon sind besetzt. Trotzdem parken sechs oder sieben Fahrzeuge unmittelbar an den Eingangstüren, wo ausgewiesene Ladezonen und die Feuerwehrzufahrt dies eigentlich verbieten.  Nur: Warum fürs Einkaufen Umwege in Kauf nehmen?

Bild 3: Die stillgelegte Kiesgrube am Stadtrand, wo ein Natur-Freibad geplant ist. Zur Zeit eine unbeaufsichtigte Idylle für Angler und zum (Sonnen-) Baden. Das Foto  aus der Vogelperspektive zeigt allerdings nichts Grünes mehr. Die bunten Handtücher und Spielgeräte der Besucher gehen nahtlos über in bunte Haufen von Party-Relikten und Plastik-Müll. Wer tut sich heutzutage auch so was noch an: leere Flaschen und Proviantreste wieder mitnehmen?

Bild 4: Sonntags morgens vor der Bäckerei. Der Fotograf hat es schwer, an den Laden heranzukommen. Die zum Brötchendienst Verdonnerten haben die Bürgersteige links und rechts mit ihren dicken Autos zugeparkt.  So ein Pech: Wegen Corona dauert es auch länger, bis sie endlich dran sind. Der Gag an dem Foto: Da kommen tatsächlich zwei Kunden ganz dicht an den Eingang… per Fahrrad. Ja, manche quälen sich halt gerne…

Bild 5: der Fotograf ist zu Gast beim Ehepaar Drehsen und den beiden Töchtern, Lena (6) und Cosima (8).  Beide Eltern sind berufstätig, ihre Freizeit empfinden sie als sehr knapp bemessen – zu wertvoll, um sie mit Kochen und bewusstem Einkaufen zu verplempern.  Entsprechend einseitig ist ihre Müll-Bilanz.  Das Foto zeigt die Garage  mit vollgestopften  Mülltonnen – meist Verpackungen von Junk-Food.  Den Kindern schmeckt, was da aus der Mikrowelle kommt… Sie kennen es nicht anders.-Und für die Eltern ist es halt ….. viel einfacher.

Bild 6: Hier hat der Fotograf ein ganzes Shooting gemacht.  Die Serie  zeigt  die schicke Einfahrt einer Villa. Frau Stark kompensiert darin die häufige Abwesenheit ihres viel beschäftigten Ehepartners durch … Online-Shopping. Der Reihe nach fahren sie vor:  Der Hermes-Bote, DHL, DPD, GLS, UPS, FedEx. ... Frau Stark genießt diesen Liefer-Service, nennt das neudeutsch „convenience“ und schafft es so, ihr Leben halbwegs mit Inhalt zu füllen.

Bild 7-10, noch unbearbeitet:  Die Endhaltestelle der Straßenbahn, gesäumt von Leihfahrrädern, Leih-Motorrollern, Leih-E-Scootern. Je nach Tageszeit liegen sie alle kreuz und quer durcheinander… Eine blinkende Armada teurer Geräte, die dort für eine junge und moderne Klientel bereit liegt.  Konnektivität ist halt alles, wenn man Zeitersparnis plus Bequemlichkeit haben muss. Aber bitte flächendeckend, just in Time. Was das allein an Bereitstellungsenergie kostet, spielt keine Rolle.

Noch einmal jene Straßenbahn-Endhaltestelle, der dortige Kiosk: Natürlich gibt es da den Coffee-to-Go,  Hamburger und Konditor-Produkte in der hygienischen Plastikschale, Eis…..Zu Hause frühstücken oder eine Stulle mit zur Arbeit nehmen, geschweige die eigene Thermoskanne – nein, man lebt doch nicht im Mittelalter!!

Und wieder dieselbe location:, diesmal am Taxisstand. Dort warten immer sechs, sieben Fahrzeuge. Warum dabei deren Motoren laufen müssen ? Im Winter wollen die Fahrer nicht im Kalten sitzen, und im Sommer sollen die Kunden ja in ein angenehm runter gekühltes Fahrzeug steigen – also müssen  Heizung bzw. Klimaanlage durchlaufen.

Ein Blick noch in die Straßenbahn selber, unter die lädierten Sitzbänke. Mit Kaugummi  voll geklebt.  Nicht sehr appetitlich. Aber wer mag in diesen schwierigen Zeiten  schon aufstehen und einen Papierkorb suchen?  Kaugummi-Reste kleben auch in den Gummimatten am Boden. An den Haltestellen sind die Bahnsteige mit Kaugummi  geradezu asphaltiert – zusätzlich gespickt mit zertretenen Zigarettenstummeln.  Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft.
Fotografisch lässt sich das in Mosaik-artigen Bildern dokumentieren. Es hat sogar etwas Dekoratives.

Was macht der Fotograf mit all diesen Lifestyle-Fotos einer wohlversorgten Konsumgesellschaft? Er stellt sie aus. Halt! Er stellt sie aber nicht ins Netz. Wäre ja viel bequemer, brächte auch ein paar mehr Clicks – das raten ihm wohlmeinende Freunde.
Nein. Er macht eine analoge Ausstellung von Handabzügen, selber gerahmt, im Gebäude der örtlichen VHS. Da müssen Interessenten analog hinkommen, die Objekte  analog wahrnehmen und sie „in echt“ auf sich wirken lassen. Viel Aufwand, total unbequem. Aber die wenigen, die diese Mühsal auf sich nehmen, die haben am Ende auch etwas gesehen


Anmerkung von eiskimo:

Ihr könnt ja noch eigene Schnappschüsse hinzufügen von breitgesessener Bequemlichkeit. Sie ist so etwas wie Volkssport Nr. 1

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (17.06.21)
"ertwas"?
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