Freundschaft und Liebe

Essay

von  Quoth

Heikel, sage ich, heikel. Wer will diesen Unterschied so genau schon kennen? Sicher ist er vorhanden, aber ich bin nicht in der Stimmung, ihn wichtig zu finden. Kann man nicht gelegentlich in aller Freundschaft auch ein wenig lieben? Und gibt es nicht den Liebhaber, der zugleich guter Freund seiner Geliebten ist? Jedes Mädchen wünscht sich einen solchen, und ich bin bemüht, diesem Wunsch zu entsprechen. Den Frauen zu gefallen, muss einem Mann hoch und heilig angelegen sein. Deshalb darf er zwischen Liebe und Freundschaft nicht unterscheiden und muss sich gegen eine Erziehung, die ihm diesen Unterschied einreden will, nach Kräften zur Wehr setzen. Ich möchte mich deshalb darauf beschränken, den Unterschied nur in folgendem zu sehen: Für Jungen empfinde ich Freundschaft, für ein Mädchen aber kann ich Liebe und Freundschaft empfinden, und wenn beides auch gelegentlich traurig auseinanderfällt, so ist es doch am schönsten, wenn man dem Mädchen nicht nur in tierischer Brunst nachläuft, sondern ihm zugleich auch alles Gute nicht nur wünscht, sondern mit Tatkraft verschafft. Welches Glück, die Augen der Beschenkten und Geförderten strahlen zu sehen! Wieviel feuchter und langwieriger ist ein Kuss, der aus dem Danke quillt, als der kurze und trockne der heißen, unaufrichtigen Verführung! Aber was weiß ich davon? Ich lese zu viel. Ich will mich auf eigene Erfahrung beschränken und muss Zweifel an meiner These anmelden. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich einen Jungen liebte. Ich wusste es damals nicht, aber ich weiß es, seit ich ein Mädchen liebe. Dieselben Träume, dieselben Wünsche. Errettung aus Brandgefahr! Fäustewirbelnder Schutz vor Feinden und Nachstellern! Seufzendes und heldisches Sterben vor seinen/ihren Augen! Wie schön das ist: Im Bett liegen und in Gedanken an den Geliebten zerschmelzen! Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn aus mir eine Frau geworden wäre. Manchmal frage ich mich, wie dieselbe Substanz, aus der ich bestehe, in weiblicher Façon sich ausnehmen würde. Ich würde meine Liebe nur an Männer verschwenden, die ihrer würdig wären. Ja, ich würde mir meiner großen Aufgabe, Männer durch Liebe zu Menschen zu machen, viel früher bewusstwerden als die dummen Gänse, die man auf dem Schulhof schnattern und mit den Flügeln schlagen sieht. Da hat man oft den Eindruck, sie wären froh, wenn sie überhaupt einen abbekommen. Wie erniedrigend, dies geheuchelte Desinteresse! Dieses Fallenstellen! Das ist nicht das Weidwerk, dem ich nachgehen würde. Ich wäre prinzipiell einmal unnahbar und würde im Verkehr mit meinesgleichen mein Glück suchen. Wie herrlich muss es für ein Mädchen sein, alle die hübschen, zarten, gerade erst erwachenden Geschlechtsgenossinnen täglich und ohne jede Komplikation in den Arm nehmen und abküssen zu können! O ja, schon wegen der Freundinnen, die ich hätte, möchte ich Frau sein. Da könnte man in trautem Gespräch all die herz- und schmerzhaften Naturalien erörtern, mit denen das Weib sich einrichten muss. Unter Männern gibt es keinerlei Beistand; sie sind, was Frauen betrifft, die geborenen Feinde, bis aufs Blut müssen sie bereit sein, einander abzuschlachten wegen irgendeines Rockes. Lachhaft das. Hätte ich doch nur einen Freund! Jede Frau wollte ich mit ihm teilen! Frage nur, ob sie das wollen würde. Oder ist das eine Frage der Hygiene? Bin ich noch beim Thema? Verdammtes Aufsatzschreiben! Ich sollte mir eine Gliederung machen, dann wüsste ich jetzt, wie es weitergeht. Bin ich nun Mann oder Frau? Eigentlich ist es egal. Lieben können die einen so wenig wie die anderen, es läuft mehr auf Kampf hinaus. Haben Sie schon beobachtet, mit wieviel Unaufrichtigkeit sogenannte Liebende einander zu übertölpeln suchen? Da hat man dann das Resultat, wenn die Freundschaft aus der Liebe verschwindet. Was aber ist Freundschaft ohne Liebe? Papiergeraschel. Oder Biergesaufe. Das eine fesselt mich so wenig wie das andere. Es gibt Männerfreundschaft, aber die kracht und knallt und stinkt nach Tabak. Sie schließt die Liebe aus, und so schmeckt sie dann auch. Man pflegt sich bewusst nicht, man gibt sich lässig bis nachlässig, man meint sich pausenlos danebenbenehmen zu dürfen und findet es kernig, einander nach Kräften zu beleidigen. Kameradschaft! Typisch, dass der Turnlehrer gern davon spricht, der Antrete- und Richtübungen mit uns veranstaltet wie auf dem Kasernenhof. Diese Furz-, Arsch- und Pinselwelt soll mir gestohlen bleiben. Da fehlen Frauenhände und Frauenmünder, die alles geschickt machen. Wie ich es gern habe, eine Frau rückhaltlos zu verehren! Oft verdient sie es nicht, aber danach darf der rückhaltlos Liebende nicht fragen. Was verdient denn er? Jede Erniedrigung! Neulich verliebte ich mich in eine herrliche blonde Schwedin. Ich sagte nichts, aber meine Augen müssen Bände gesprochen haben, denn sie kam auf mich zu und sagte: „Na, Kleiner, ich gefall dir, was?“ Mir zitterten die Knie. Was gab es da zu antworten? „Hier,“ sagte sie und gab mir ein kleines hellblaues Brieflein, „bring das dem langen Schönling mit der Tolle!“ Ein Liebesbrief! Und ich war der Bote! Solche Gelegenheiten ergeben sich nicht oft. Ich machte meine Sache gut, die beiden sind jetzt ein schulbekanntes Paar. Für mich aber empfindet die Schwedin Freundschaft, und weil sie eine Frau ist, ist auch ein wenig Liebe dabei.




Anmerkung von Quoth:

Wieder ein Aufsatzthema aus den 50er Jahren, das ich versucht habe aus der Perspektive des damals 15Jährigen zu schreiben.

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (22.04.22, 11:54)
Ja, ist recht pubertär geprägt...
Insgesamt auch recht verplappert, welche Note hast Du dafür bekommen?  :P

 Quoth meinte dazu am 22.04.22 um 17:13:
Geschwätzig fand mein Lehrer mich, verzieh es mir aber, weil ich beim Thema blieb und er sich amüsierte ... Danke, Dr. Fuß! Gruß Quoth

 Lluviagata (24.04.22, 12:57)
Hallo Quoth,

zu Schulzeiten hab ich mich schwer getan mit Aufsätzen obwohl ich schon immer gelesen habe, was mir unter die Augen kam. Mich haben diese technische Anleitungen wie Gliederung usw. nur verwirrt, ich kam einfach nicht zum Zuge. Anstatt zu schreiben, wie es aus dem Finger fließt, hab ich erfolglos versucht, mich an die strengen Vorgaben zu halten. Mit wenig Erfolg und dahingestotterten Gedanken.

Und dieses ist, was ich an deinen Aufsätzen bewundere. Obwohl ich weiß, dass sie in harter Arbeit entstanden sind, sind sie mehr als lesenswert und regen dazu zum Nachdenken an. Ziel erfüllt. 

Hier lässt du deinen Gedanken freien Lauf, schöner geht es gar nicht. Ein Aufsatz ist eine Niederschrift, insofern darf der Autor auch geschwätzig sein. Oder sentimental. Oder einfach liebenswert.

Sonntagsgrüße
Llu ♥

 Quoth antwortete darauf am 03.05.22 um 10:46:
Vielen Dank, liebe Lluviagata. Es sind Aufsätze, wie ich sie damals hätte schreiben sollen, aber die Vorstellung, sie wieder schreiben zu müssen, diesmal ohne schulischen Zwang und Rücksicht auf Zensuren und bedenkliches Stirnrunzeln beamteter Pädagogen ist sehr anregend! Gruß Quoth
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