Der Wasserfall

Essay

von  Quoth

Sie sind, Fräulein Dr. Quandt, eine ausgezeichnete Pädagogin, die alle Bewunderung verdient dafür, dass Sie sich als eine der ersten Frauen unseres Landes zu akademischen Ehren emporgekämpft haben. Das darf ich Ihnen versichern, bevor ich mit der Beschreibung eines Bildes beginne, das ich mir selber aussuchen durfte, und wie nicht anders zu erwarten, verfiel ich auf die Abkonterfeiung eines Naturschauspiels, das ich noch nie sah. Der höchste Berg hierzulande erhebt sich knapp über hundert Meter, und das genügt nicht, um erstens die Schneemassen einzufangen, deren Tauwasser unerschöpflich strömt, und zweitens fehlt es an den Felszinnen, an den Rinnen und Klüften, durch die herab es rieseln, prasseln und zutal fallen könnte wie auf meiner Vorlage, die allerdings kein Film ist, weshalb das Wasser, trotz frühlingshaftester Landschaft, in der Luft gefroren erscheint. Man darf Kritik anmelden an einem Maler, der einen so stark bewegten Gegenstand in ein stehendes Bild zu bannen versucht, aber man muss ihm zugute halten, dass er es zu einer Zeit tat, als es die Filmkamera noch nicht gab. Hätte er an dem bezaubernden Gerinnsel achtlos vorüber gehen sollen, nur weil es sich in seiner Lebhaftigkeit der erstarrenden Ölfarbe verweigerte? Auch ein Mensch, den er porträtiert hätte, wäre unterdessen gealtert, und er hätte sein Bild gewissermaßen jenseits der Zeit anlegen müssen. Nehmen wir es also hin, dass das Wasser in der Luft zu stehen scheint, statt zu fallen, und richten wir die Aufmerksamkeit auf den duftigen Nebel, der vom Grund aufsteigt und das Licht einer vorhandenen, aber im Rücken des Betrachters scheinenden Sonne zu einem matten Regenbogen bricht. War das alles so? Oder darf man annehmen, dass der Maler an einem trüben Tag hier gestanden hat und trotzig das viele Hübsche, das die Natur ihm verweigerte, auf der Leinwand versammelte? Die Felsen trieb er in pittoresker Wuchtigkeit, wie von Riesen gemauert, aus dem Berg hervor, Grasbüschel siedelte er an, wo er nackten Stein vorfand, und an den Fuß des Berges, aus dem das Wasser fällt, setzte er einen rastenden Hirten, der auf seiner Schalmei den Schafen ruft, auf dass sie sich nicht verirren, und damit der Hirt nicht etwa durstet, ließ er ein Mädchen mit auf den Kopf gesetzter Zwischenmahlzeit aus der rechten Ecke grazil sich nähern. Sicherlich ist sie die Liebste des Hirten, und während er gleich die Schalmei absetzt und herzhaft in den Käse beißt, den sie ihm brachte, werden ihre Äuglein mit glänzendem Funkeln einander suchen, meiden und fast versehentlich finden zu einer vom Wasserfall überrauschten zarten Verabredung, betreffend das Melken der Schafe, das kraftvolle Kirnen der Butter im Butterfässchen und was der süßen bukolischen Pflichten mehr sind. Ähneln nicht die Grasbüschel Kissen und die Bäume praktischen Sonnenschirmen? Die Vermutung sei gestattet, dass ein Städter dieses Bild gemalt hat. Die Felsen seiner Landschaft haben keinerlei Schwere, weil sie schwer wirken sollen – wie eine Pappkulisse bewirken sie nur, dass man das hinter ihnen Liegende nicht sieht. Der Wasserfall ist eine hellblau herabhängende Gardine, und Schäfer und Schäferin werden von hochdotierten Schauspielern mit Gusto gespielt. Dies aber wiederum ist tröstlich. Denn im Hintergrund links ist ein Landsitz zu sehen, dessen Türme von Macht und Reichtum zeugen. Dort wohnt der Herr, und Daphnis und Chloë sind seine Leibeigenen. Das ius primae noctis berechtigt ihn, Chloë mittels seines blaublütigen Stößels zu entjungfern, wenn Daphnis je auf die Idee kommen sollte, sie heiraten zu wollen. Wie furchtbar, sich eine solche Rechtlosigkeit, solche verabscheuungswürdige Willkür in ihrer ganzen barbarischen Brutalität vorzustellen! Wie angenehm aber, die sich daraus ergebenden Konflikte als Szenen eines galanten Theaterstücks zu imaginieren! So bleibt in dem Bild alles in der Schwebe zwischen Sein und Schein, wie das Wasser schwebt zwischen Stürzen und Stehen, die Wirklichkeit löst sich auf, und ich selbst bin der Herr, der das Bild betreten und Chloë eine frivol vorwegnehmende Kusshand zuwerfen darf.




Anmerkung von Quoth:

Ich glaube, das Gemälde war von Josef Anton Koch, weiß es aber nicht mehr genau.

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Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (15.05.22, 11:34)
Eine interessante, leicht ironische Bildbeschreibung, die in der Idylle  grausame Rechte der Gesellschaft einbringt.

Liebe Grüße
Alma Marie
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