Herbert (2)
Ballade
von Quoth
Im Schachclub in der Höllenmühle zupfte Inspektor Kalkar mich am Ärmel, zog mich zu einem abseits liegenden Mühlstein von mindestens drei Meter Durchmesser, auf den er sich setzte. Er hatte offenbar ein Anliegen. Wollte er mich fragen, ob ich zur Stadtmeisterschaft antreten würde? Ich hatte mich in den geschlossenen Partien sehr gesteigert und hätte es mir zugetraut. Aber er wollte ganz etwas anderes wissen: Ob ich ihm was zu einer bestimmten Kanadierin sagen könne, die in Himmelstein aufgetaucht sei und große Beunruhigung unter den Bürgern, darunter vielen Geschäftsleuten, auslöse: Felicity Green. Sie habe im Gasthof Zum Bären eine Suite belegt und habe angeblich ein Verzeichnis aller Häuser dabei, die ehemals Himmelsteiner Juden gehört hätten. Und da Mr. Green, ihr Begleiter und Ehemann, „lawyer“ als Beruf angegeben habe, müsse man Schlimmstes befürchten. Wenigstens zwölf Häuser in Himmelstein, die meisten in vorzüglicher Lage, seien einmal jüdisches Eigentum gewesen, gehörten heute aber unbescholtenen Bürgern, die ihr Haus in dunklen Zeiten juristisch einwandfrei gekauft hätten und sich auf die von Deutschland an Israel geleistete Wiedergutmachung berufen könnten, nun aber befürchten müssten, in endlose Rechtsstreitigkeiten verwickelt zu werden, man wisse ja schon aus Shakespeares Kaufmann von Venedig, wie zäh, um nicht zu sagen: wie grausam diese Leute ihr Recht zu verfolgen wüssten. Ich war konsterniert: Wie kam Herr Kalkar dazu, mich in dieser Sache zu befragen? Ich dachte sofort an Karla Janssen, war aber sicher, dass sie nichts zu befürchten hatte, ja, dass sie ihr Haus gern und je eher desto besser an seine ursprünglichen Eigentümer zurückerstatten würde. Ich zuckte also nur hilflos mit den Schultern und sagte, da habe er, Kalkar, sich an den Falschen gewandt, ich hätte keinerlei Ahnung, wer diese Kanadierin sei und was sie vorhabe, höre von ihr auch durch ihn zum ersten Mal. Er sah mich nachdenklich an und sagte dann, maliziös lächelnd: „Hast du Lea Wolf nicht bei der Lesung auf Burg Himmelstein die Hände geküsst?“ „Was hat das mit der Kanadierin und ihrem Anwalt zu tun? Ich habe den Händen gehuldigt, die so beeindruckend Ravel gespielt haben.“ „Wir haben Grund zu der Annahme,“ fuhr der Inspektor fort, „dass es sich bei Felicity Green um niemand anderes handelt als um Glückl Wolf, die Mutter von Lea, mit der du befreundet bist.“ „Aber ihre Mutter ist nach einem vergeblichen Versuch, nach Kuba auszureisen, nach Europa zwangsweise zurückgekehrt, und ihre Spur verliert sich in Belgien.“ „Hat Lea gar nichts von ihr? Kein Bild, kein Andenken? Denn es lässt sich nicht völlig ausschließen, dass sich eine Betrügerin an uns bereichern will … Wir werden Mutter und Tochter einander gegenüber stellen müssen.“ „Das dürfte schwierig werden. Lea ist in Israel und hat dort geheiratet.“ „Gut, Herbert, entschuldige. Lass uns eine Partie spielen! Aber ich warne dich vor der Spanischen. Die kann ich besser als du!"