Die alte Buche

Erzählung

von  Quoth

Endlich lässt man mich zu Wort kommen, obgleich ich hier schon so lange stehe und ganz genau weiß, wer alles bei Karla Janssen Unterricht genommen hat, und auch der Geruch nach angebrannten Bratkartoffeln hat mich schon verwöhnt, und den Türkischen Marsch habe ich bestimmt hundertmal mit demselben Fehler gehört. Aber nun soll die Säge an mich gelegt werden, weil ich zu viel Schatten auf das Haus werfe, das Mauerwerk werde feucht, es röche nach Schimmel, Salpeter blühe aus, ja, von Mauerfraß redet der Propst, der das Haus kaufen will. Karla ist ins Altersheim gezogen, sie kam allein nicht mehr zurecht. Da hilft es mir nicht, dass ich als Denkmal unter Naturschutz gestellt wurde – im Kampf zwischen Ideal und Profit, wer gewinnt da wohl immer? Und dabei hat Karla das Haus ihrer Schülerin Lea vermacht, aber der Propst hat diese letztwillige Verfügung angefochten: Karla sei nicht mehr im Besitz ihrer geistigen Zurechnungs- und Geschäftsfähigkeit gewesen, als sie sie verfasste, und da sie keine Erben habe, falle das Haus an den Fiskus, der es nur zu gern an einen verdienten Himmelsteiner verkaufe, der kürzlich sogar Ehrenbürger der Stadt geworden sei. An ihm sei es zu entscheiden, ob er das Haus an seine Adoptivtochter Gudrun weitergebe, die sich seit der Entdeckung ihrer Herkunft Lea nenne, Deutschland aber den Rücken gekehrt habe und nach Israel ausgewandert sei. Shlomo Grünfeld war es, der mich in dänischer Zeit pflanzte, als Himmelstein frei für und nicht von Juden war, seine Tochter Salka heiratete Siegfried Wolf, und seitdem hat das Haus und meine Knorrigkeit immer einem Wolf gehört. Einen großen Schatten werfe ich schon lange, aber von Mauerfraß und Salpeter war nie die Rede. Lebewohl, lieber Westwind, der du so sanft und verschwenderisch deine Schauer über Himmelstein treibst, deine Böen haben mich immer beflügelt zu den schönsten Träumen vom Baumhimmelparkwaldforst, wo unsereins so alt werden darf, bis er von allein umfällt wie meine Herrin Karla Janssen, die sich zum Schluss nur noch fortbewegte, indem sie sich von einer Wand abstieß, schnell zur gegenüberliegenden trippelte und an ihr Halt suchte-



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Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (12.08.22, 23:21)
Wenn Bäume sprechen könnten hätten sie wahrlich viel zu erzählen.
Sehr schöne Erzählung.

Liebe Grüße
Alma Marie

 Quoth meinte dazu am 13.08.22 um 11:37:
Dank Dir, liebe AlmaMarie! Versuche, hier noch etwas abzurunden. Die Mädels kommen auch noch dran! Gruß Quoth
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