Vampire
Rezension
von Hans
Vampire
Bevor ich mich an die Arbeit mache, besorge ich das nötige Handwerkszeug; ein Kruzifix, einen daumenbreiten Pfahl mit spitzem Ende und einen Hammer. Im Gemüsefach liegt Knoblauch. Ich schlinge die Zehen um den Fensterrahmen. An der Wand befestige ich einen hohen Spiegel, worin die Untoten sich nicht sehen, und weil sie Unordnung hassen, streue ich noch etwas Abfall und Papierschnipsel auf den Fußboden.
Erst danach widme ich mich der Lektüre des Buchs von Simeon Elias Hüttel: Die Geburt des Vampirs – Zur Geistesgeschichte einer Schreckensvision.
Dass der Tod überwunden werden kann und nur den Durchgang zum ewigen Leben bedeutet, ist ein zentraler Glaubenssatz des Christentums. Von irdischen Sorgen und Leiden erlöst, kommen die Gläubigen in einen dauernden Zustand paradiesischer Glückseligkeit. Diese Wunschvorstellung mag sich dem Kitsch nähern, immerhin gibt sie Hoffnung und Zuversicht auf ein besseres Leben.
Genau da setzt die grauenhafte Vorstellung des Vampirismus an, wenn das Gegenteil des Ersehnten eintritt. Nach ihrem Ableben verwandeln sich die Untoten in gefährliche Monster, die nach dem Blut der Lebenden trachten.
Dieses Blut versorgt sie mit der Vitalität ihrer Opfer, die so zu Komplizen mutieren. Sie treten damit nicht nur in Konkurrenz zu Hilfsorganisationen, wie z.B. das Rote Kreuz, die Blutspendeaktionen organisieren, sondern bedrohen den Fortbestand der Menschheit.
Angstprojektionen terrorisieren seit jeher gläubige Gemüter wie auch die Hexen und Teufel als Kehrseiten der Sehnsucht nach ewigem Weiterleben.
Der gute alte Hegel hätte seine Freude an dieser Dialektik.
Hüttel zeigt – ausgehend von Goethes Ballade „ Die Braut von Korinth“- die Entwicklung des Vampirismus. Dass die Aufklärung damit fremdelt, versteht sich. Schließlich handelt es sich um eine finstere Form des Aberglaubens.
Zeigen in Europa Wiedergänger oft aristokratische Züge, bleiben sie beim amerikanischen Autor H.P. Lovecraft gesichtslos und unfasslich, denn in den USA gibt es zunächst keinen Adel. Dabei finden auch in Neuengland „Grabesöffnungen, verbunden mit regelrechten Vampir-Hysterien...“ (S.123) statt. Auch Filme und Serien, die der Autor im Anhang ( S.139f) auflistet, halten das Andenken an die blutsaugenden Gesellen wach. Im Horrorgenre und – gewerbe behaupten sie sich nicht nur gegen Zombies und ähnliche Kreaturen. Für Halloween, das für viele Jugendliche und Kinder wichtig ist, werden entsprechende Utensilien wie Masken und Reisszähne angeboten.
Das Buch unseres Vampirologen endet: „Die Geschichte des Vampirs ist längst nicht zu Ende erzählt.“ ( S.135)
Stimmt. Die gut lesbaren Kapitel referieren sachlich die Entwicklung des Themas. Mir fehlt ein spekulativer ( oder spektakulärer) Schluss. Welche Rolle spielen Vampire heute in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft?
Ist die postfaktische Epoche nicht ihre große Chance, jetzt, wo die Tatsachen - wenn überhaupt - nur noch eine untergeordnete Rolle spielen?
Klar, das ist nicht seriös und sprengt den Rahmen eines wissenschaftlichen Traktats. Hat der Autor etwa zu früh aufgehört?
Oh, da bewegt sich was, kommt zur Türe herein. Haben meine Vorsichtsmaßnahmen nicht ausgereicht?
zu Klampen Verlag, 1. Auflage 2026, 144 Seiten, Hardcover
ISBN 9783987374654, 18 €