Die Schützende Hand

Rezension zum Thema Literatur

von  Hans

Wolfgang Schorlau: Die Schützende Hand
Denglers achter Fall

Kriminalromane und - filme nerven. Kein Thema, keine Region, kein Sender – nichts bleibt verschont. Rund um die Uhr Ermittlungen von Kommissaren und Gerichtsmedizinern. Immer exotischere Verbrechen, meistens Morde natürlich,  Milieus und Täter, unerwartet, raffiniert und letztlich doch langweilig, weil belanglos.
Und Schorlau? Schreibt der nicht auch Krimis?
Was ist das Besondere an seinem in Stuttgart lebenden Privatdetektiv?
Eine knappe Antwort fällt schwer.
Georg Denglers „Fälle“ rühren und berühren und betreffen uns in einer Zeit, in der Betroffenheit bis zum Überdruss zelebriert wird.
So ein Geschwafel!
Nächster Versuch: wer die Krimis von Schorlau nicht liest, ist selbst schuld.
Das stimmt!
Die ersten sieben Fälle Denglers sind literarische Kostbarkeiten. Mag auch das Liebesleben Denglers manchmal kitschig erscheinen (klar, ich bin neidisch) und manche Szene gar zu kühn, langweilig wird es selten (oder nie?) und gerade die Sexszenen mit ihm und Olga habe ich begierig verschlungen.
Schluss damit. Wenden „wir“ „uns“ dem neuen Roman zu, es wird „uns“ (hoffentlich) gut tun.
Die Verbrechen des sogenannten NSU strotzen vor Besonderheiten und außergewöhnlichen Umständen. Bis auf den heutigen Tag sind viele Tatsachen und Abläufe nicht geklärt, und vor allem das Verhalten der staatlichen Behörden, die mit der Aufklärung des Falles betraut sind, erscheint rätselhaft und unverständlich.
Zufälle, Pannen und „Schlampereien“ häufen sich derart, dass sogar wohlmeinende und „unvoreingenommene“ Betrachter zumindest irritiert
sind. Zeugen und V-Leute sterben gerade rechtzeitig, bevor sie vor Gericht oder diversen Untersuchungsausschüssen aussagen können.
Die Hauptangeklagte Beate Tschäpe schweigt monatelang beharrlich im Münchner Prozess, der von vielen Beobachtern begleitet und kommentiert wird.
In diesem realen Fall ermittelt Schorlaus Detektiv. Hinzu kommt, dass er  und sein Autor für die Qualität ihrer Recherchen berühmt sind.
Sogar der Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtags zur „ NSU – Affäre“ lud den Schriftsteller als Sachverständigen ein. Ein Krimiautor als Sachverständiger!
Und so liest sich das Buch!
Wie schön wäre es, man könnte belustigt den Kopf schütteln über seine überbordende Fantasie, beruhigt darüber, dass das, wovon er schreibt, sich so niemals ereignen könnte.
Georg Dengler plagen finanzielle Sorgen. Die wenigen Einnahmen, die ihm eifersüchtige Ehemänner für die Überwachung ihrer untreuen Frauen bescheren, reichen nicht für den Lebensunterhalt in der Landeshauptstadt.
Helga Lehnhard, die Vermieterin, erinnert ihn an seine Zahlungsrückstände, als der Postbote einen DIN-A-4 Umschlag mit 15000 € in 50iger Scheinen abgibt. Ein anonymer Wohltäter erlöst ihn aus der finanziellen Notlage und so  bezahlt er zweieinhalb Monatsmieten im voraus.
Der Auftrag, den ihm ein  Anrufer mit verzerrter Stimme telefonisch mitteilt: „ Wer erschoss Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt?“
Wer das wissen will, klärt sich im späteren Verlauf. Das verrate ich  natürlich nicht.
Olga, die Geliebte, rennt davon,  als sie erfährt, worum es beim neuen Fall Georgs geht. Sie hasst es, wenn Täter zu Opfern stilisiert werden, wie das im rechtsradikalen Milieu oft der Fall ist. Das Verhalten und die Aussagen Tschäpes und Wohllebens im Münchner Prozess bestätigen diese Masche eindrucksvoll.
Schließlich überzeugt er sie nicht nur von seinen hehren Absichten, sondern gewinnt sie als wichtige Mithelferin.
Bisher klingt das nicht besonders spannend. Aber es handelt sich ja nur um die Einleitung und ist nicht von Schorlau geschrieben, sondern von mir. Im Lauf der Ermittlungen fallen zahlreiche Widersprüche in der offiziellen Darstellung der Morde auf.
Völlig unfassbar scheint das Verhalten der Feuerwehr und der Polizei, nachdem sie die Leichen der beiden Uwes in derem brennenden Wohnmobil finden. Derartig viele und krasse „Fehler“, die zudem gegen grundlegende Vorschriften verstoßen, verbieten den Glauben an Zufall. Hier wurde systematisch und vorsätzlich gehandelt, um die Wahrheit zu vertuschen. Die offizielle Version des Tathergangs hält einer faktischen Überprüfung nicht stand. Fazit: die Behörden täuschen und belügen die Öffentlichkeit. Und das in einem demokratischen Rechtsstaat!
Im Anhang bringt Schorlau Akten und fügt Fotos bei, damit sich der Leser selbst ein Bild von den Geschehnissen machen kann, soweit das möglich ist.
Natürlich löst auch Dengler den Fall nicht. Zuviel bleibt im Dunkeln.  Aber er entwickelt eine Hypothese, wie die Dinge gelaufen sein könnten, die wesentlich sachgerechter ist als die offizielle Verlautbarung.
Der Leser gerät in den Sog einer dramatischen Handlung und wird selbst zum Zeugen in einem Ermittlungsskandal, wie es in der Geschichte der Republik nur wenige gibt.
Über viele Jahre zog sich das mörderische Treiben der Neonazis hin, und auch die Aufklärung dauert unfassbar lange. Parallel zum Münchner Prozess versuchen Untersuchungsausschüsse des Bundestages und mehrerer Landtage Licht ins Dunkel zu bringen. Bisher vergeblich. Aber auch was stattdessen herauskommt, ist für alle, die an Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Kultur interessiert sind, erschütternd. Jahrelang haben Geheimdienste und kriminelle Rechtsextremisten zusammengearbeitet, wobei die rechte Szene  mit beachtlichen Beträgen der Steuerzahler unterstützt und gefördert wurde. Angeblich war das nötig, um schlimme Straftaten zu verhindern. Was ist daraus geworden?
Fast überflüssig zu erwähnen, dass Wolfgang Schorlau ein überragender Erzähler ist, der nur selten den Verführungen des Genres erliegt, etwa wenn der Reifen des Porsches gerade platzt, bevor Dengler seinen Freund telefonisch warnen kann.
In der deutschsprachigen Literatur ist das vorliegende Buch eines der wichtigen.
Wie gesagt: wer die Krimis von Schorlau nicht liest, ist selbst schuld.


Wolfgang Schorlau: Die schützende Hand, Köln 2015, 382 Seiten, 14,99 €

erschienen in: Am Zeitstrand 24 vom Januar 2016

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