Aus dem Leben einer Frikadelle

Text zum Thema Lebensweg

von  tueichler

Kurz, der Gedanke an meine Zeugung ist mit dem Tod verbunden. Mit dem Tod des Rindviehs, das sein Muskelfleisch meiner Frikadellenwerdung als Opfer darbrachte. Nicht, dass mich dies in irgendeiner Weise besonders berührte, wo doch das liebe Vieh in genau diesem Vorgang seine ‚Vollendung‘ fand – ein Wort das man gewöhnlich von Pastoren, seltener von Köchen oder Metzgern hört. Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht! Und, wenn etwas zugrunde geht, ist's wert, dass Neues draus entsteht. Pantharei.

 

Die früheste Erinnerung habe ich an enorm viel Reibung und ein Pressen, dass es mir wohl erlaubt, meine Frikadellenwerdung mit Eurer Geburt zu vergleichen. Auch, wenn ich üblicherweise aus 16-48 Geburtskanälen stamme und nicht, wie bei Euch wohl üblich, aus einem einzigen. Allerdings, und das ist der Unterschied zu Euch, bin ich keineswegs in meiner äußeren Form vollendet.
Nein, ich bin direkt nach der Geburt Viele und von den Vielen sind es nur wenige, aus denen ich werde. Ähnlich geht es mir allerdings wie Euch, wenn ich daran denke, was es ist, das mich für mein Dasein prägt. Vereinigung, Formung, Zustandsänderung, um nur einiges zu nennen.

 

Vereinigung. Kurz nach meiner Werdung verbinde ich mich mit dem ungeborenen, dem unvollständigen, das nie die Chance hatte ein Selbst zu werden, dem Ei. Ebenso, und das ist bemerkenswert und unterscheidet mich nun doch von Euch – oder vielleicht doch nicht so sehr, nehme ich viel pflanzliche Masse auf, um fülliger und größer zu werden, heranzuwachsen. Ich pubertiere praktisch, bin jedoch, und da gleichen wir uns gelegentlich, noch ziemlich geschmacklos. Die Frikadelle!
Nun kommt, für mich völlig unvorbereitet, der Koch und macht mich scharf, was gleichzeitig das Ende meiner Pubertät bedeutet. Er formt mich, berührt mich, massiert mich und, das passiert oft, legt mich beiseite und lässt mich warten. Da fragt keiner, wie ich mich fühle, während ich in einer x-beliebigen Küche liege und merke, dass ich immer mehr aufquelle und die Leichtigkeit der Jugend vergeht.

 

Nach einiger Zeit dann, ich habe bereits meine Schwestern ähnliche Schicksalen erleben sehen, kommt es zum Äußersten. Ich werde vom Koch doch noch so richtig heiß gemacht. Ich bräune und verströme den Duft, der Verlangen weckt, noch nicht wissend, dass mein Tod kurz bevorsteht. Die Glücklichen, die nach dem Geburtserlebnis Wurst wurden und nun einige Zeit vor sich haben, in der sie bewundert werden, viel Publikum sehen und vielleicht eine kleine Reise antreten dürfen. Mir ist dies Schicksal nicht beschieden.

 

Das Letzte, woran ich mich erinnere ist, dass kalter Stahl mir in die Eingeweide fährt und mich in Stücke reißt, auf dass ich in irgendeinem Schlund von gierigen Zähnen zermalmt werde und in den fürchterlichen Abgrund ohne Wiederkehr verschwinde. Man sagt, am Ende käme etwas Weißes, helles.

 

Wahrscheinlich ist es Keramik.




Anmerkung von tueichler:

gestern gabs Klopse

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Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (05.02.26, 12:52)
Eine hoch-philosophische Abhandlung, werter Tueichler  und eine Liebeserklärung zugleich. Womit wir schon beim Thema wären: Warum erwähnst du, herzloser Gesell', nicht den zärtlichen Klaps, den die fertig gefertigte Frikadelle in der Regel (!) final von ihrem Formvollender erhält, bevor sie ins siedenden Öl geworfen wird?

Der Höllen gibt es viele. - Liebesentzug ist eine davon.  :P

Kommentar geändert am 05.02.2026 um 12:53 Uhr
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