Abstand halten 3

Tagebuch

von  IngeWrobel

Abstand halten 

Teil 3: Die Fliegen 


Heute war meine Putzfee da. Mir war klar, dass ein Spinnennest, wo auch immer es sich befand, gnadenlos vernichtet würde, denn die Frau ist wirklich gründlich. 

Ich hatte also den möglichen Massenmord an einer Spinnenfamilie delegiert, billigend in Kauf genommen, und musste mir dazu nicht mal selbst die Finger schmutzig machen. War zwar Richter, nicht aber auch Henker. 

Gut so, dachte ich. 

Doch es tauchte ein anderes Problem auf, welches ich freilich erst bemerkte, als meine „Perle“ wieder weg war: 

Durch die weit geöffneten Fenster hatten sich Fliegen vor dem aufkommenden Gewitter in meine Wohnung geflüchtet. 

Mir ist diese Verhaltensweise der Sechsbeiner zwar bekannt, aber der den Regen ankündigende frische Wind war so angenehm, dass ich die Fenster bis zum ersten Tropfen geöffnet lassen wollte. Als Ergebnis hatte ich in jedem Zimmer mindestens eine Fliege zu Besuch. 

Fliegen sind aufdringlich! Die krabbeln nicht erst an Beinen hoch … die fliegen direkt ins Gesicht! Und die spürt man auch auf der Haut und sieht sie als schwarzen dicken Fleck. 


Schon sehr früh, als junger Mensch, las ich „Die Fliegen“ von Jean Paul Sartre. Inzwischen erinnere ich mich nicht mal mehr an den Inhalt des Stückes. Aber ich habe mehr von und über Sartre gelesen – und zwangsläufig dann auch Meldungen über sein Privatleben. 

Da gab es die Beziehung zu Simone de Beauvoir, deren Werke mich noch mehr ansprachen als die von Sartre. 

Was mich total begeisterte, war der respektvolle Umgang dieser beiden Liebenden miteinander. Angeblich „sietzten“ sie sich. Fakt ist, dass jeder seine eigene Wohnung hatte und man sich besuchte. Die Wohnungen lagen nicht weit voneinander entfernt und sicher blieb man auch mal über Nacht beim anderen – aber jeder hatte seine Privatsphäre, in die er sich zurückziehen konnte. 

Das war mein Lebensmodell! So stellte ich mir meine Zukunft vor an der Seite meines zukünftigen Lebenspartners. 

Um es kurz zu machen: Es hat nicht geklappt. „Er“ war zwar auch intelligent, (eine Grundvoraussetzung) aber arm wie eine Kirchenmaus. (Dafür sah er viel besser aus als Sartre.) 


Über den Umweg der Pandemie und andere Umstände lebe ich nun schon seit Wochen in dieser damals ersehnten Freiheit. Eigentlich genieße ich das. Dass ich mit der Spinne und nun mit den Fliegen spreche bedeutet nicht, dass ich sie als Dauergast haben möchte … oder? 


Gestern Abend entdeckte ich im Flur zum Schlafzimmer erneut eine Spinne. Wieder lief das gleiche Prozedere ab wie bei ihrer Vorgängerin. Ich musste auch sie zum Fenster hinaus befördern, denn im Schlafzimmer wollte ich sie auf keinen Fall haben. 

Mit diesem Exemplar sprach ich freundlich, ohne Panik in der Stimme. 

Mir ist klar, dass mir während der Quarantäne die Gesellschaft einer solchen zarten Spinne angenehmer ist, als die überfallartigen Annäherungen der frechen Fliegen, die sich einfach nicht an die Abstandsregeln halten. 


Abstand ist gut … wenn ich selbst bestimmen kann, von wem und zu wem. 



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