Unsagbares Leid und eine ungeheure Theorie.
Leiden als eine Kunst das Menschsein zu vermögen!
Als etwas, das Menschen zum Zweck ihres Daseins in der Gegenwart beherrschten.
Und etwas, das sie beherrschte, bevor sie diese Kunst zum Träger eines gesellschaftlichen Krankheitserregers machten, der Leid primär kultiviert und in einen Kampf verwickelt.
Dies im Sinne der Heimat und wo man herkäme und im Sinne einer weiteren Heimat und wo man hinginge. Ferner im Sinne einer vermeintlichen Freiheit dazwischen, die von diesen zwei Enden, einmal der Geburt und einmal vom Tod her, näherkäme und im Endeffekt nur eine Schraubzwinge zu sein scheint.
Leid, der ´gute alte Hund´, der auch mal wild heult und bellt, etwas Archaisches und Ehrliches am Menschen, wurde peu á peu domestiziert und abgerichtet, in einem eigenen Haushalt integriert, teilweise als eine Art neurolinguales System zum an- und abschalten und teilweise als adoptiertes Familienmitglied.
Kurz: Modernes Leiden hat zu funktionieren. Und da, wo es funktioniert, widerstrebt es dem Menschsein und wird rebellisch. Es läuft davon und mit dem Dasein, mit der Gegenwärtigkeit.
Doch der Reihe nach: Das Leiden hat der Mensch, wo er unter Menschen ist oft an anderen Menschen übergeben. „Lass dir helfen! Nimm dieses, nimm jenes!“ Und am Ende hätte man ja eh Selbstschuld. Es findet also ein gewisses Outsourcing statt.
Außerdem: Das Leiden ist beim Christusmenschen nahezu verehrungswürdig, und eben das weckt Begehrlichkeiten, es zu- wie absprechbar zu ´gestalten´. Leid wird ´funktional´ (weil operabel und funktionsfähig on/off) und soll beherrschbar sein.
Solange die Scheinheiligen eine Hoheit über das Leiden eines Menschen hätten, solange wäre dieser Mensch ´einer von ihnen´. Hätten sie diese (Deutungs)hoheit nicht länger, fällt er ihnen aus dem Raster. Der Mensch als Subjekt der Gläubigen, die als seine Gläubiger(?) agierten.
Aus diesem, sich selbst versicherndem Grund, dass jener noch einer von ihnen wäre, und einem weiteren Grund, fügen sich die Gläubigen also ihr Leid zu! Und der weitere Grund ist: die Schuld! Eine, die sie auf sich nähmen um daran zu reifen und um besser zu werden. Denn wer Schuld auf sich nimmt, dem wird vergeben.
Doch damit nicht genug: es gibt noch jenen zum Übertier gereiften (archaischen) Hund, den Ur-Leidensträger, jenen der sich endgültig befreien möchte und sich derart selbst Leid zufügte, stets mit der Frage verbunden: „Warum und wozu“?
Er schlägt in die gleiche Kerbe, wie jene, die ihn benutzen, pervertiert dabei wohl unweigerlich und möchte sich bald vielleicht aufgelöst und vergangen sehen, beziehungsweise: es niemals wiedersehen, dass er von anderen gebraucht wäre als ein niemals endendes Mittel zum Zweck.
Für den Menschen wird die Luft nun wahrlich dünn. Es gibt am Leiden nichts mehr das seine Kunst einst ausmachte, nur noch den (heiligen) Kampf um Leidenshoheit bzw. deren Deutungshoheit, während die Verteidiger des (Un)Glaubens sich formieren und gegeneinander in den Krieg ziehen auf diesem Schlachtfeld Mensch.
Der Mensch, der sich dergestalt einmal (v)erkauft bekommen hätte, sähe sich mit einer Hilflosigkeit konfrontiert, die er nicht einmal bemerkbar machen könnte, denn die Worte fehlen am mangelnden körperlichen Ausdruck und sind ganz einer Hirnchemie unterworfen, die sich Stück für Stück verselbstständigt bis Geist und Körper weit voneinander getrennt sind und ein Ungleichgewicht führten.
Ferner hat sich der Mensch zwischen den beiden Sachen, Geist / Körper, zu entscheiden - und auch nicht (!), denn er umfasst in seiner theoretischen Lebenspraxis (!) ja beides, müsse aber dennoch eine Seite wählen, zumindest für die vorkommenden Augenblicke und vergeht sich zwangsläufig an sich selbst, seiner Umfänglichkeit, womit die höchste Form der Selbstkasteiung erreicht wäre und er sich veräußert.
Das Abhandenkommen der Menschlichkeit derart durch Veräußerung gestaltet, freuen sich die Unmenschen über ein neues Bewusstsein und die geistige Grabstimmung und Grabesstille wandelt gut zu böse und vice versa. Diese neue und undenkbare Ungerechtigkeit ruft erneut die Frage nach einem Gott auf dem Plan und ersiegt schließlich in einer Erkenntnis aus:
Leben wollte der Mensch und nicht einmal den Tod durfte er zur vorgesehenen Zeit finden, vom Leben ganz zu schweigen…
Alle Beteiligten haben ihre Geheimnisse verloren, wollen aber dennoch ihre Rolle weiterspielen und aus dem Kampf wird eine Zerfallserscheinung, ähnlich einer charakterlichen Spaltung, die mit sich selber ringt und nunmehr niemals wieder kampflos leben könne, außer in den Momenten ihrer eigenen Vorteilsnahme und Ganzheitlichkeit, wo die Kraft kanalisiert gegen eingesetzt wäre. So schreitet die Zeit voran, quasi aus fragmentiert perfekt kraftvollen Momenten, die darunter zerfallen und nur wiedererinnert sind.
Und bald zieht sich die lindernde Decke Schlaf über das Antlitz, verspricht die süßesten Träume und alles scheint verloren. Kein Gott und kein Teufel retten die Gegenwart und es scheint gar so, als ob sie alle das Lied der Wandlung sängen, der Umwälzung, des ewig Unfertigen und des niemals Beschlossenen. Der Traum bringt vergessen, sowie erinnern und ein neuer Tag erwacht, an dem man gut und gerne zwanzig Jahre älter oder jünger sein könnte.
Ist es nun eine Gegenwart, die es als Einzige vermag, den Menschen, dessen Leid sich ausgelagert und funktionalisiert hätte, beizustehen?
Das Grau und das Grauen.
Um ´die Gegenwart´ uns einmal gegenwärtig zu machen, holen wir einmal aus und fangen sie schließlich mit einem Schwung ein, denn Selbiges solle sie für uns tun. Wie der Mensch sich und die Welt in Gut und in Böse aufteilt, in dieses und jenes, in Schwarz und in Weiß, während er danach gerne generös davon redet, dass die Grauzonen wichtig wären oder Zwischentöne entscheidend seien und derlei, ist bezeichnend für einen menschlichen Größenwahn einerseits, sowie der Kleinigkeit Mensch(lichkeit), die zunehmend zu verschwinden scheint. Ein graues dazwischen als ein Puffer, für den, aus und mit Gegensätzen geschaffenen Gottbausimulator der Menschen. Alles darin bliebe stets unfertig, unbefriedigend und nicht wirklich urbar, weil er sich in der Gesellschaft selbst so verhält und vielleicht sogar so verhalten muss.
Der Mensch schafft zum Beispiel Maschinen, die Flüsse begradigen und schafft danach Maschinen, die die Folgen der Flussbegradigung eindämmen sollen. Dieses geschieht, während er selbst aus dem Geschehen verschwindet, ja verschwinden muss, da er nicht länger ´Land sähe´.
Entwurzelt schlängelt er zwischen Vorwürfen, Erkenntnis und Einsichten, Gott und Staat herum, träumt von Heimat, entweder der Verlassenen oder der Zukünftigen- und: Hat. Doch. Keinen. Platz.
Er pendelt in den Grauzonen umher, bleibt angewiesen auf das große umfassende Mahlwerk, das wie ein Zahnwerk aus Ober- und Unterkiefer alles was er sagt, denkt und wünscht, ordentlich durchkaut und schließlich als Ergebnis von sich gibt: „8 Punkte, weil mir dein Anspruch nicht geschmeckt hat, sonst wären es volle 10 gewesen.“
Gibt es da fern dieser grauen Masse und des mahlenden Kiefers noch etwas? Ja, und es scheint außerhalb der Gesellschaft befindlich, ungehört und in Bezug auf diese Gesellschaft unerhört. Und das ist es schließlich auch. Es ist das ´nicht-länger-mitmachen´, es ist ein ´nicht-länger-nach-den-Regeln-spielen´ und die Wertung eines punktegebenden Gourmets: „Durchgefallen, darüber kann und will ich nun wirklich nichts sagen. Fürchterlich.“
Doch wie bleibt der Mensch in der grauen Masse, wenn er mitspielt und dem Grauen, dass über die Maße hinausgeht, wo er durchfällt, eben auch gegenwärtig?
Was wir alles nicht sind, wünschten wir zu sein und alles, was wir sind, wünschten wir zu verstehen. Zwischen den Träumen eines nicht-gegenwärtigen und dem mehr oder weniger narzisstischen Verständniswunsch eines vermutlich Gegenwärtigen, muss aber doch noch etwas liegen, oder pendeln wir nur zwischen den Wünschen nach mehr an sich und nach mehr … Verständnis?
Die Gegenwart, als zeitliches Konstrukt, eines, das den Menschen beherbergt, indem diese Gegenwart sowohl ein Gegenüber hätte und auch direkt wahrgenommen, sozusagen gegenständlich sei, ist die einzige Möglichkeit urbare Menschlichkeit zu erkennen.
Ansonsten sind Träume und die Selbstaufgabe, das Einzige, was den Menschen zurück an ein Land beförderten, wo er unweigerlich stranden müsse. Und dieses ewige stranden, aufgrund einer Nicht-Gegenwärtigkeit der Dinge, ließe nur umso mehr wünschen und wünschen verstehen zu wollen, bis das der Mensch sich ganz dem Wasser zuordnet und willentlich ein Ertrunkener bliebe. Ertrunken in der grauen Masse und oder auch verloren in den Gräben zwischen Meeresrücken.
Die Verführung des Augenblickes ist ebenso präsent: Einer Vergegenwärtigung des Geschehens steht in jedem Fall einem Antagonisten gegenüber, der sich der Realität mit scheinbaren Vorsätzen entzieht und, übertrieben in Sprichworte gefasst, entweder aus ´Langeweile schlafen will´, ´eine Nacht darüber schlafen will´ oder etwas ´wie im Schlaf beherrschen will´. Das erzwungene Wachsein (´auf Teufel komm raus´) ist nicht zielführend, sondern gar gefährlich. Vielmehr geht es uns um ein „ausgeschlafen sein“.
Schon Aristoteles wusste, dass ´Schlaf, der kurze Tod sei´ und in Fällen, wo wir vielleicht meinten, den Augenblick zu leben, ist er nah daran uns sterben zu lassen. Nebenbei bemerkt sich treffenderweise und der Vollständigkeit halber, dass Aristoteles Analogie aus dem zweiten Satz besteht, dass: ´Tod, der lange Schlaf sei´. Das Totenbett also, als ein sich anberaumender Schlaf, als ein Gegenteil dem Augenblick gegenüberzustellen, scheint ausdrücklich ein Trugschluss zu sein.
Ganz im Sinne von Goethe, der die Notwendigkeit des Schlafes unterstrich, ist also Schlaf ein wichtiger Bestandteil unserer Gegenwärtigmachung. Dabei ist weder die Menge noch die Regelmäßigkeit ausschlaggebend, als vielmehr die Qualität mitsamt der Körperlichkeit, mit der man dies täte.
Das Sterbenlassende am Augenblick ist etwas, das den getriebenen und gestressten Charakteren in der heutigen Zeit auch in Teilen entgegenkäme, in einem Sinne, dass die Triebe, die das gesellschaftliche (Un)wesen jeden Tag schaffen, gemindert scheinen. Deswegen boomen solche Themen in der modernen Gesellschaft, wobei man sich leicht denken kann, dass sie Teil der grauen Masse werden und oder, gar als gegensätzlichen Kieferknochen zur Hektik und zum Arbeitswahn ausgeprägt seien, womit sie direkt in den Himmel erhoben sind. Daher kann auch gesagt werden: In unserem modernen Himmel sind nicht diejenigen, die gestorben sind, sondern diejenigen, die sterben wollen und es zwangsläufig werden.
Klägliches Resümee
Vom Leiden als Recht und Bestandteil des Menschen hin zum geheiligten Leiden hin zur Leidenslosigkeit hin zur fehlenden Zeit, weil eben der Ausdruck des Lebens körperlich unsagbar erscheint, bis hin zu einem übriggebliebenen und neu-geheiligten Moment, der sich gerne träumt, aber nur gegenwärtig sein darf.
Ist dies nun der lange Fall eines Menschen, der im modernen Gefüge bestehen solle? Die Widersprüche um ihn haben sich derart verdichtet, dass ihm kaum Luft zu atmen bleibt. Die Gegensätzlichkeiten spielen bisweilen auf gemeinsamen Seiten und teilen sich ´den Braten´ anschließend auf.
Auch Gut und Böse sind nicht länger praktisch genug, da es praktikabler scheint, die Dinge von jedermann theoretisch zu beleuchten und ´mindfull´ zu werden.
Eine abschließende Frage ist: Ist Gott durch seinen Sohn Jesus Christus zum Menschen geworden, oder ist der Mensch nicht eher zu einem Gott geworden? Und Gott leidet nicht! Die Rückgewinnung der Menschlichkeit, ist es ein Gewinn? Was ist damit verbunden?