Über Wichtigkeiten

Satire

von  Reliwette


Reden wir über Wichtiges und Unwichtiges, dann sind wir ganz nahe an der Vorstellung von Wert, den eine Sache oder Handlung hat – oder nicht. Zweifellos schließt sich bei einer solchen Betrachtung die subjektive Bewertung an – oder sie bleibt aus. Der Rest ist Gleichmut!

Sobald ein Ding seinen Glanz einbüßt, verliert die diebische Elster ihr Interesse. Was will uns der Dichter damit sagen?

Die Welt und ihre Erscheinungen sind ein potentielles Sammelsurium an Glänzigem, an Dingen, denen wir nachstellen, bis sie uns gehören.

Je nach Häufigkeit des Gebrauches oder der Anwendungen verlieren sie mit der Zeit ihren Reiz und nähern sich der Gewohnheit an. Dann muss etwas Neues her, um die Langeweile zu überbrücken oder das Interesse des Nachbarn zu wecken.

Dinge, derer wir überdrüssig geworden sind, verteidigen wir nicht mehr. Sie gelangen in den Sperrmüll oder in den Kompost, machen Platz für neue Wichtigkeiten, mit denen wir zum Beispiel auch vor anderen Menschen glänzen können.

Die Menschen bauen ein achthundert Meter hohes Gebäude und freuen sich, dass es nicht umfällt. Bravo! So hoch kann keine Elster fliegen!

Ich habe mir kürzlich bei KraussMaffei einen Leopard–Panzer bestellt, doch sie wollen nicht liefern, die bei den Krausses und Maffeis. Eine Unverschämtheit ist das!

Auch das bestellte U-Boot von einer deutschen Werft wurde nicht geliefert. Sie meinen, ich sei als Elster nicht groß genug. Dafür erschien der militärische Abschirmdienst an meiner Wohnungstür und bat um Einlass.

In Sichtweite parkte ein weißes Ambulanzfahrzeug mit Blaulicht.

Wie gesagt: Wichtigkeiten, die zu Unwichtigkeiten werden, je nach ihrer Bedeutung für den Einzelnen unter Berücksichtigung des öffentlichen Interesses.

Die Brache hinter unseren Häusern dämmerte jahrzehntelang unberücksichtigt vor sich hin, bis sie einem Sandkuhlenunternehmer ins erfassende Auge stach, worauf sie zur glänzenden Begehrlichkeit wurde, weil der Preis für den Quadratmeter Boden sich im unteren Rahmen bewegte. Die Elstern wurden verscheucht. Sie hatten nicht mitbieten können., die zahlreichen Krähen aus der Umgebung übrigens auch nicht.

Auch dieser Aspekt soll Erwähnung finden.

Doch zurück zur Bewertung: Ist die letzte Rate für das alte Auto endlich getilgt, hat das Fahrzeug an Begehrlichkeit verloren. Es quietschen nicht nur die Türen, der Rost hält die Karre zusammen.

Den beleuchteten Luxusspiegel im Bad habe ich gegen ein blindes Einzelstück ausgetauscht. Die Falten in meinem Gesicht wurden immer zahlreicher und vor allem tiefer. Der Leitsatz hat sich geändert: An ihren Kerben werdet ihr sie erkennen. Das Ersatzteillager hat sich auf den Korpus ausgedehnt. Das Auto parkt wieder im Freien. Ich brauche die Garage!

Wichtigkeiten unterliegen dem Zeitverfall: Sie verfallen mit der Zeit, die sie umgibt. Man sollte diese Dinge einfach nur aussitzen. Bekannte Politiker haben dieses Prinzip erkannt und bis heute angewendet. Das Gerede ebbt nach und nach ab. Nach Jahren weiß niemand mehr, worüber gestritten und weshalb ausgesessen wurde!

Gerade erst einen Krieg verloren. Er kostete über 60 Millionen Tote – und schon wird wieder aufgerüstet, bis die Nähte platzen. Die Elstern sind längst über alle Berge. Sie kriegen den Leopard II nicht in ihre Nester. Sie versuchen es erst gar nicht. Sie sind uns überlegen! Ich blicke neidvoll zu ihnen hoch, wenn sie mit dem Krähenvolk um die Wette fliegen, mitten hinein ins Abendrot! Tolle Sache!



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Kommentare zu diesem Text


 Saira (22.04.26, 12:23)
Moin Reli,

ich habe deinen Text gelesen und mich dabei ein wenig ertappt gefühlt – wie man so dasitzt und nickt, während man innerlich schon den nächsten glänzenden Gegenstand anvisiert. 

Nee … so bin ich natürlich nicht.
Na gut … ab und zu vielleicht. 

Diese Sache mit den Wichtigkeiten ist ja wunderbar entlarvend. Kaum hat etwas seinen Zweck erfüllt oder seinen Glanz verloren, wird es entsorgt und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, die fast schon wieder beeindruckt. Man möchte dem Sperrmüll eigentlich einen Orden verleihen für seine Geduld.

Die Elster als Leitfigur gefällt mir besonders. Ein ehrliches Tier. Nimmt, was glänzt, lässt liegen, was stumpf geworden ist. Kein moralisches Theater, keine Begründungspflicht. Im Vergleich dazu wirkt der Mensch fast ein wenig überambitioniert in seinem Bedürfnis, jedem Gegenstand noch eine Bedeutung anzudichten, bevor er ihn wegwirft.

Und dann diese kleinen Verschiebungen ins Groteske – Panzer, U-Boote, militärischer Besuch – als wäre der Sprung vom Gartenschrott zur Aufrüstung gar keiner mehr. Nur eine Frage der Größenordnung, nicht der Logik.

Am Ende bleibt bei mir weniger ein Lachen als ein leises Unbehagen.

Weil man merkt, wie austauschbar diese Wichtigkeiten sind und wie bereitwillig wir ihnen hinterherlaufen, solange sie nur glänzen.
Die Elstern wirken dagegen fast … konsequent.

Und das ist vielleicht das eigentlich Beunruhigende.

Herzliche Grüße
Saira
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