Kapitel 9 Im Baumarkt
Text zum Thema Allzu Menschliches
von Wortsucht
Nach einer dreißigminütigen Fahrt in Pauls altem Ford Focus kamen die drei Männer beim Baumarkt an. Wie erhofft war der Parkplatz beinahe leer.
„Na, seht ihr!“, meinte Sepp stolz. „Ich habe doch gleich gesagt, dass es kein Problem gibt, wenn wir früh losfahren!“
„Na ja, da hast du wohl recht“, bestätigte Ludwig mit süffisantem Unterton. „Wir sind wohl auch die einzigen Deppen, die jetzt eine Stunde vor dem Laden warten, bis er endlich öffnet.“
„Wer kann denn schon davon ausgehen, dass die erst um neun aufmachen! Paul, hast du die Liste dabei, was wir alles brauchen?“
„Ja, wie ich das bereits vor der Abfahrt bestätigt habe.“ Paul zog die Liste aus der Jackentasche. „Hier, alles dabei! Ludwig, hast du eigentlich eine Kreissäge? So eine brauchen wir unbedingt, wenn wir das Regal zusammenbauen wollen.“
„Und Schrauben!“, setzte Sepp nach. „Ihr kennt das: Jeder hat zu Hause eine Schublade mit jeder möglichen und unmöglichen Schraube, aber keine fünf gleichen – und schon gar keine passenden!“
„Ich finde ja, Torx müssen es sein, alles andere ist ein Gelumpe. Hast du einen Torx-Schraubendreher, Ludwig?“
Ludwig sah die beiden anderen an. Wovon redeten die bloß?
„So, wie du uns gerade anschaust: nicht“, kürzte Sepp die Antwort ab.
Langsam, aber sicher fuhren weitere Autos auf den Parkplatz des Baumarktes, und die Zahl der Rentner vor dem Eingang erhöhte sich.
„Los, kommt, sonst ist dann schon alles überfüllt!“, mahnte Sepp. Und so stellten sich die drei vor den Ladeneingang und warteten die letzten zehn Minuten vor der Ladenöffnung in Gesellschaft von Gleichaltrigen.
„Man kann ja sagen, was man will, aber die Einkaufswagen kosten immer noch nur einen Euro! Wird also doch nicht alles teurer!“ Ludwig lächelte stolz, dass ihm dieser dumme Spruch eingefallen war und er auch mal wieder mitreden konnte.
Schließlich war es so weit. Die drei Männer konnten den Baumarkt betreten. Schnurstracks ging es in die Holzabteilung. Sepp führte die Truppe an, wie er es als ehemaliger Feuerwehrkommandant gewohnt war. Rasch begannen er und Paul, stapelweise Kanthölzer auf den Einkaufswagen zu schichten.
„So, nun brauchen wir noch Bretter für die Tablare!“ Sepp stakste zwei Reihen weiter und fand auf Anhieb, was er suchte. „Hier, Fichtentablare, die sind super! Aber wir brauchen noch einen zweiten Wagen! Ludwig, hol doch noch einen!“
Ludwig runzelte die Stirn. Den Überblick hatte er längst verloren, und so trottete er zum Eingang zurück, um zu erledigen, was man ihm aufgetragen hatte.
Als er mit dem zweiten Wagen bei Sepp und Paul ankam, hatten diese bereits fünfundzwanzig Bretter ausgesucht und bereitgestellt.
„Denkt ihr nicht, das sind etwas viele?“, fragte Ludwig und war überwältigt von der Menge – schließlich hatte er ja keine Ahnung.
„Niemals!“, widersprach Sepp. „Dafür hast du dann etwas Richtiges! Und wenn ich mir das genau überlege, dann sollten wir noch ein paar größere Bretter kaufen, dann können wir gleich Rückwände und Schranktüren bauen!“
Nun waren Paul und Sepp nicht mehr zu bremsen. Nach einer Stunde standen die drei Männer vor der Kasse des Baumarktes und versuchten, die inzwischen auf sechs angewachsenen Anzahl von Einkaufswagen zu bändigen.
„Wisst ihr, was wir vergessen haben?“ Paul winkte mit der Liste. „Die Handschuhe!“ Und verstohlen fügte er hinzu: „Wegen der Fingerabdrücke!“
Sie deponierten die Wagen vor Kasse 1 und gingen zurück in die Abteilung mit den Arbeitshandschuhen.
Ludwig beteiligte sich erstmals aktiv am Einkauf: „Ich glaube, es sollten Lederhandschuhe sein. Falls wir die Katze tatsächlich finden sollten und sie nicht freiwillig mitkommen mag, dann sollte sie uns nicht kratzen können.“
„Da hast du recht“, bestätigte Paul. „Und was wir bisher nicht auf der Liste hatten: Wir sollten ein Schloss an die Schranktüren machen können. Dazu haben wir noch nicht alles!“
Sepp schlug sich gegen die Stirn. „Ach, wie dumm von uns! Natürlich! Ludwig, hol noch mal einen Einkaufswagen!“
Ludwig griff in die Hosentaschen und stülpte sie nach außen. „Ich habe keinen Euro mehr. Hat jemand von euch noch Kleingeld?“
Hatten sie nicht. Aber schließlich würde auch ein Einkaufskorb genügen für die restlichen Gegenstände. Und mit diesem Auftrag trottete Ludwig erneut zum Eingang und schnappte sich einen Korb vom Stapel.
Als er zurückkam, hatten Sepp und Paul bereits die Hände voll mit Schließzylindern und Beschlägen, zusätzlichen Schrauben und Scharnieren – nicht, dass in den sechs Einkaufswagen nicht schon genügend Schrauben gelegen hätten.
Schließlich ging das Trio zurück zu Kasse 1. Vorbei an den Sonderangeboten und Wochenhits.
„Jungs“, sagte Ludwig und zeigte auf einen Schrank, „habt ihr dieses Angebot gesehen? Ein kompletter Schrank, einen Meter breit, fünf Tablare aus Fichtenholz, jeweils zwei abschließbare Türen. Meint ihr nicht, es wäre einfacher und billiger, so einen Schrank zu kaufen und in meine Garage zu stellen? So wie ich das grob zusammengerechnet habe, kostet unser Baumaterial gleich viel wie zehn dieser Schränke!“
Sepp und Paul sahen sich an. Dann die Schränke. Dann Ludwig.
„Und warum hast du das nicht gleich gesagt?“, empörte sich Sepp. „Wenn du einen Fertigschrank kaufen willst, dann hätten wir uns den ganzen Aufwand ja sparen können!“
Ludwig zuckte mit den Schultern. „Ich habe das Angebot ja auch erst jetzt gesehen. Aber mir scheint das vernünftiger.“
Die nächste halbe Stunde verbrachte das Trio damit, die Einkaufswagen zu entladen und das Baumaterial wieder zurück in die Regale zu bringen. Anschließend beluden sie einen Wagen mit zwei Fertigschränken aus dem Angebot.
Schließlich war es bereits nach zwölf Uhr, als sie vom Parkplatz des Baumarktes auf die Hauptstraße einbogen. Paul am Steuer, Sepp infolge des ganz nach vorne geschobenen Sitzes an die Windschutzscheibe gepresst und Ludwig halb auf den Paketen liegend.
Sie redeten nicht viel. Bis Ludwig nach einer Weile meinte:
„Haben wir jetzt die Handschuhe gekauft – oder auch wieder ins Regal zurückgelegt?“
Anmerkung von Wortsucht:
Das Kapitel 9 aus meinem Roman "Unter dem Radar"