VOM REICH, DAS AUSBLIEB & UND DER KIRCHE, DIE KAM – zum Genre des Tages:
Predigt zum Thema Christliche Themen
von harzgebirgler
Liebe Gemeinde,
wir alle kennen das beruhigende Gefühl, wenn Dinge eine klare Ordnung haben. Wir sitzen heute hier in diesen Kirchenbänken, blicken auf den Altar und denken: Das ist der Glaube. Das war schon immer so. Jesus von Nazareth ging durch Galiläa, rief zwölf Apostel, ernannte Petrus zum ersten Papst und gründete das, was wir heute „die heilige katholische Kirche“ nennen. Ein schönes, glattes Bild.
Doch vor über einhundert Jahren wirkte der französische Theologe Alfred Loisy wie ein Erdbeben auf dieses Idyll. Er schrieb einen Satz, der das Fundament der Institution erschütterte:
„Jesus verkündete das Reich Gottes, und gekommen ist die Kirche.“
Loisy wurde dafür verdammt, mundtot gemacht und ausgeschlossen. Denn die Wahrheit, die er aussprach, tat weh. Und sie tut es heute noch.
Wenn wir heute mit den Werkzeugen der modernen Wissenschaft nach den echten, unverfälschten Worten Jesu suchen – nach seiner Ipsissima Vox –, dann stoßen wir auf eine radikale, fast erschreckende Botschaft. Der historische Jesus war kein Kirchengründer. Er hat keine Diözesen eingerichtet, keine Dogmen verfasst und kein Kirchenrecht diktiert. Er brauchte all das nicht. Warum? Weil er die unbedingte Naherwartung lebte. Jesus war zutiefst davon überzeugt: Gott bricht jetzt ein. Das Reich Gottes steht vor der Tür – nicht in hundert Jahren, sondern morgen, noch zu Leitzeiten seiner Zuhörer. Die Welt, wie wir sie kennen, sollte enden, um Platz zu machen für Gottes radikale Gerechtigkeit.
Aber, liebe Schwestern und Brüder, die Welt ging nicht unter. Das Reich Gottes kam nicht so, wie es die Menschen damals im buchstäblichen, mythologischen Sinne erwarteten. Rudolf Bultmann hat uns im letzten Jahrhundert gezeigt, dass wir diese alten, mythologischen Bilder von Engeln, Dämonen und einem katastrophalen Weltende entmythologisieren müssen. Denn was passierte, als die erste Generation der Jünger starb und Jesus immer noch nicht zurückgekehrt war? Die sogenannte Parusieverzögerung setzte ein. Die große Enttäuschung.
Und genau in diesem Moment der Krise passierte das, was Loisy beschrieb: Es kam die Kirche.
Aus dem Verkündiger Jesus wurde der verkündigte Christus. Die Urgemeinde musste die Botschaft Jesu retten, indem sie sie übersetzte. Aus einer radikalen, endzeitlichen Bewegung wurde eine Institution. Sie bauten Mauern, führten Ämter ein und schrieben Gesetze, um den Glauben durch die Jahrhunderte der Weltgeschichte zu tragen.
Lange Zeit hat unsere Kirche diese historische Realität geleugnet. Sie hat so getan, als sei jedes Detail unserer Institution direkt vom irdischen Jesus gewollt. Doch heute wissen wir, auch durch die Einsichten des Zweiten Vatikanischen Konzils: Die Kirche ist nicht das Reich Gottes. Sie ist bestenfalls dessen Keim, sein unvollkommenes Werkzeug.
Und hier müssen wir heute den Finger in eine tiefe, schmerzhafte Wunde legen. Wenn wir diesen dramatischen Unterschied zwischen Jesu Botschaft und der Institution betrachten, dann blicken wir unweigerlich auf die heutige Realität unserer Kirche. Wir blicken auf die Erschütterungen durch die Missbrauchsfälle, auf das unendliche Leid, das Menschen im Gewand der Kirche angetan wurde, und auf die Vertuschung, die darauf folgte. Wir sehen die beispiellose Welle von Massenaustritten, die die logische und verständliche Folge dieses moralischen Versagens sind. Viele Menschen kehren dieser Institution völlig zurecht den Rücken.
Doch genau hier müssen wir eine fundamentale Unterscheidung treffen. Wir müssen erkennen: Das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe! Und dafür gibt es tiefgreifende theologische Argumente, die wir auch in jedem Gespräch mit Zweiflern und Ausgetretenen mutig vertreten dürfen:
Erstens: Das „Simul iustus et peccator“ der Kirche.
Die Theologie lehrt uns, dass die Kirche zwar eine göttliche Sendung hat, aber vollständig aus fehlbaren Menschen besteht. Sie ist, wie der Kirchenvater Augustinus sagte, eine „Corpus permixtum“ – eine gemischte Gesellschaft aus Heiligen und Sündern. Wenn die menschliche Seite der Kirche versagt, bleibt Gottes Zusage dennoch bestehen. Die Sünde der Amtsträger zerstört nicht die Gültigkeit des Evangeliums.
Zweitens: Das Prinzip der „Ecclesia semper reformanda“.
Die Kirche ist kein starres, unfehlbares Denkmal, sondern muss sich ständig reformieren und an ihrem Ursprung messen lassen. Die Krise der Gegenwart ist theologisch gesehen ein reinigendes Gericht. Sie zwingt uns, die von Menschen gemachten, verkrusteten Machtstrukturen abzubrechen, um den Blick auf das Eigentliche wieder freizulegen.
Drittens: Die Unterscheidung zwischen Kerygma und Institution.
Rudolf Bultmann hat es uns gezeigt: Das Kerygma – die lebendige, existenzverändernde Frohbotschaft Jesu – steht meilenweit über dem klerikalen Verwaltungsapparat. Man kann und darf die Bürokratie der Kirche kritisieren, ja sogar verlassen, und dennoch im tiefsten Kern von Jesu Botschaft ergriffen sein.
Die moralische Bankrotterklärung der Institution Kirche schmälert die Leuchtkraft, die Wahrheit und die Relevanz der ursprünglichen Predigt Jesu um keinen Deut. Im Gegenteil! Je mehr die Institution versagt, desto dringender müssen wir sie an ihrem Ursprung messen. Die Missbrauchsfälle zeigen uns nicht, dass Jesu Botschaft falsch war – sie zeigen uns, wie weit sich die Kirche von dieser Botschaft entfernt hat. Wenn Menschen heute aus der Kirche austreten, treten sie meistens nicht aus dem Glauben an das Reich Gottes aus. Sie treten aus einem System aus, das den Blick auf dieses Reich verstellt hat.
Haben wir das Werkzeug mit dem Ziel verwechselt? Wir haben uns oft in unseren klerikalen Strukturen eingerichtet. Wir streiten über Macht, über Reformen der Institution, über Kirchenrecht und Traditionen. Wir verwalten den Apparat, der eigentlich nur ein Notbehelf war, weil das Reich Gottes auf sich warten ließ.
Jesus rief nicht: „Gründet eine Institution!“ Er rief: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium, denn das Reich Gottes ist nahe!“
Verstehen wir Loisys Satz also nicht als zynische Absage an die Kirche, sondern als prophetische Mahnung. Die Kirche hat nur dann eine Existenzberechtigung, wenn sie sich selbst nicht so wichtig nimmt. Wenn sie durchlässig wird für das, was Jesus eigentlich wollte: Eine Gemeinschaft, die Gottes Liebe im Hier und Jetzt erfahrbar macht, die Wunden heilt, anstatt neue zu schlagen, und die absolute Gerechtigkeit lebt.
Wir brauchen die Kirche als Gefäß, damit die Botschaft Jesu nicht verweht. Aber das Gefäß ist wertlos, wenn es leer oder gar vergiftet ist. Lassen wir uns also aufrütteln vom Geist des Anfangs. Suchen wir hinter den bröckelnden Kirchenmauern wieder nach dem Reich Gottes.
Amen.