Drei Schluck Wasser vs. Arschlöcher, die unwidersprochen über x herziehen wollen

Lehrgedicht

von  adlibitum

Kolja entstand wie alle Figuren plötzlich, aus einem Schreck heraus und einer Wut. 


Ich war noch nicht lange im Forum, auf eine derartige Kür performativer Widersprüche war ich nicht gefasst. Jeden Tag veröffentlichte ein älterer Mann Texte aus denen der Hass spritzte wie Blut in einem Splatter-Film. Widersprach jemand der Gewalt im Text, die keine Sprachgewalt war, nur Gewaltsprache, klagte dieser alte Autor, der gerade noch wild Waffen, Drogen und Geschlechtsteile umhergeworfen hatte, wie ein unordentliches Kind, dass auf der Suche nach einem Spielzeug alles aus allen Schubladen zieht, darüber ein Mobbingopfer zu sein. Nur weil er die falsche Meinung habe, nur weil er die Wahrheit sage und so weiter. 


Da bäumte sich Kolja mit einem Stakkato aus mir heraus:


Drei Schluck Wasser

Die Verschluckten:


Lean. Bärchenpulli und rosa Cordbuxe bis 15. Mutter Chinesin. „Deine Mutter, sag mal, hat dein Vater die gekauft?“. Eingesperrt im Garderobenschrank. Mit 16 rehabilitiert, Kick-in Testosteron sei Dank. Von da fickte sie um ihr Leben. Ging ums Dasein.

 

Tom. Keine besonderen Merkmale. Mama Krebs. War er sieben als zweite Brust weg. War er stark. Hat er gemacht was nötig. Hat er Nick Pausenbrot gegeben. Hat er für Nick im Supermarkt geklaut. Nicks Spucke sich aus dem Gesicht gewischt. Zuhause Mamas Sorgen weggelacht.

 

 Peppi. Nach dem Hund. Eigentlich Anne-Kathrin. Schielt. Frisst. Mutter retardiert, Totalverweigerin. Hat sich nicht bei „The Swan“ beworben (hätt‘ sie mal).

 

Drei Schluck Wasser. Dackeln für den Lebensrest den anderen hinterher. Hängen wie die

Kletten an jedem freundlichen Wort. Nämlich, wenn du gemobbt wirst:

Bist du allein. Alleinallein. Keine zwei, drei, plus/minus drei halbe Kumpel rufen Hetze aus dem Klassenzimmer nebenan. Hilft kein Deo gegen Angstschweiß. Hast du keine Luft zum Sprechen. Übst du Gesicht ein. Unbewegliches Gesicht. Letzter Rest Respekt vor dir ist Schweigen. Wirst du, was sie dir sagen. Kommst du nicht raus. Beklagst dich nicht. Hier ist nicht, wer du bist. Musst hin. Jeden Tag. Jeden Tag hin. Zuckst du nicht mit einer Wimper, spuckt dir einer ins Gesicht. Zuckst du bald überhaupt nicht mehr.

Verkaufst du dein Gesicht. "Was guckst du?" Hältst du den Kopf in den Beton. Ins Linoleum. Rennst du nicht zum Lehrer. Heulst du dich nicht bei deinen Eltern aus. Die sind ja schuld. Haben dich falsch gemacht. Hast du keine Meinung. Willst du nicht mit deinem Dasein provozieren. Bist du dir selber peinlich. Nennst du dich selbst nicht Opfer. Nimmst du dich nicht wichtig. Willst du dich richtig machen. Was war am Anfang

noch mal falsch? Hast du kein Wort für Hass. Willst du einfach Ruhe.

Am besten gar nicht da sein da sein da sein sein sein.

 

Wirst du Geist.


Ich kenne alle drei im Text beschriebenen Mobbing-Opfer persönlich. Die ersten beiden sind ein guter Freund und eine gute Freundin von mir, wir haben uns als Erwachsene kennengelernt. Die dritte Person ging in meine Klasse. Ich habe das Mobbing erlebt, ich habe nicht mitgemacht, aber ich habe ihr auch nicht geholfen. Ich hielt mich fern von ihr, wie ich mich von den Mobbern fernhielt; ich hatte Angst, es könne auf mich abfärben, wenn ich Partei für sie ergriffe. Doch einmal habe ich etwas gesagt. Als zwei Mädchen an mich hinzulästern versuchten, sie echauffierten sich über Peppis Blümchenbaumwollunterhose, auf die sie einen Blick erhascht hatten, als Peppi sich bückte, um etwas aufzuheben. Ich sagte, dass ich mich nicht dafür interessiere, was andere Leute für Unterhosen trügen. Mehr Unterstützung brachte ich nicht zustande. Aber ich sah sie drei Jahre jeden Tag alleine über den Hof laufen, auf den Boden schauend. Ich erinnere mich an ihre zaghaften Versuche, irgendwie dazuzugehören, mitzulachen. Aber sobald sie in ein Lachen einstimmte, das andere begonnen hatte, verstummten diese und da stand sie und lachte einsam. Ihr Lachen oder ihr Mitlachenwollen hatte etwas Ungehöriges, Schändliches. Und ich sah betreten zur Seite. 


Alle Mobbing-Opfer, die ich kenne, beruflich oder privat, haben eines gemeinsam, das Merkmal von Mobbing schlechthin. Sie wissen nicht, wie und warum sie zur Zielscheibe wurden. Ein Mobbing-Oper läuft nicht mit stolz schwelender Brust und ausgestrecktem Zeigefinger umher und beklagt, dass es für seine Meinung geschasst würde. Der absurde Alltag eines Mobbing-Opfers ist, dass es nicht weiß, warum es auserwählt wurde, was an ihm andere provoziert. Jemand der behauptet, er würde für seine Meinung gemobbt, macht sich unglaubwürdig. 


Koljas Sprache ist abgehackt. Kurze, unvollständige Sätze, die unter höchstem Druck ausgestoßen, gestottert werden, von jemandem, der keine Luft bekommt. Aus der Atemblase des Schweigens heraus, erzählt er fragmentarisch die Geschichten von drei Jugendlichen, kurze, zusammenhanglose Blitze. Er klagt nicht. Er zeigt nicht mit dem Finger. 


Die Täter kommen in Koljas Text nicht vor. Sie sind genauso austauschbar wie die Opfer. Sie sind nicht mehr als willfährige Ausführer einer Gruppendynamik, die ihre Aversionen projizieren. 







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Kommentare zu diesem Text


 Schtzngrrrrm (17.06.26, 18:09)
Ein Mobbing-Oper läuft nicht mit stolz schwelender Brust und ausgestrecktem Zeigefinger umher und beklagt, dass es für seine Meinung geschasst würde. Der absurde Alltag eines Mobbing-Opfers ist, dass es nicht weiß, warum es auserwählt wurde, was an ihm andere provoziert. Jemand der behauptet, er würde für seine Meinung gemobbt, macht sich unglaubwürdig.

SO IST ES, ADLIBITUM. 


Ich kenne alle drei im Text beschriebenen Mobbing-Opfer persönlich.

ICH HOFFE, DU HAST DIE NAMEN GEÄNDERT?

 Saira (17.06.26, 19:06)
Hallo adlibitum,

dein Text hat mich tief getroffen. Nicht nur wegen der beschriebenen Schicksale, sondern weil hier etwas sichtbar wird, das in vielen Debatten über Mobbing verloren geht: die Sprachlosigkeit der Betroffenen.

Diese abgehackten Sätze wirken auf mich wie Atemzüge unter Wasser, wie der Versuch, überhaupt noch Worte hervorzubringen, wenn einem längst die Luft genommen wurde. 

Du stellst dich nicht außerhalb des Geschehens, sondern zeigst, wie Angst und Wegsehen Teil solcher Dynamiken werden können.

Der Satz „Wirst du Geist“ hat sich mir eingebrannt. Weil er in zwei Worten beschreibt, was jahrelange Ausgrenzung mit einem Menschen machen kann: Er ist körperlich noch da, aber innerlich zieht er sich immer weiter aus der Welt zurück.

Ein Text, der weh tut, weil er so nah an der Wirklichkeit bleibt.

Saira
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