münster am späten nachmittag im sommer

Gedicht

von  Redux

auf dem rollwagen

vor der leihbücherei

die zerfledderten bücher

dieser stadt

auf den geschundenen rücken

die einlaminierten orangenen aufdrucke

mit registrierungsnummern

die wie wundpflaster

im feierabendverkehr leuchten

durch die ein schwarm

lachender junger studentinnen

auf fahrrädern die kreuzung quert

der fahrtwind hebt ab und an

die luftigen röcke

wie bunte schmetterlinge

die niemals zu fangen wären

nicht in diesem leben



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Kommentare zu diesem Text


 AnneSeltmann (18.06.26, 13:54)
Hallo Redux!

Mich berührt an diesem Gedicht vor allem der Kontrast zwischen den abgegriffenen Büchern und der Leichtigkeit der Studentinnen auf ihren Fahrrädern.
Da stehen die Geschichten einer Stadt auf einem Rollwagen, gezeichnet von vielen Händen und vielen Jahren. Gleichzeitig fährt das Leben lachend und unbeschwert vorbei.
Besonders gefällt mir das Bild der orangefarbenen Etiketten, die wie Wundpflaster leuchten. Darin steckt etwas Tröstliches: Die Bücher tragen ihre Spuren, werden aber nicht aufgegeben.
Und dann der Schluss. Die vom Fahrtwind bewegten Röcke werden zu Schmetterlingen – schön, flüchtig und nicht festzuhalten. Für mich erzählt das Gedicht von diesen kostbaren Augenblicken, die man nur kurz berühren, aber niemals besitzen kann.


Liebe Grüße

Anne
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