Gedanken wie Morgendunst

Gedicht zum Thema Denken und Fühlen

von  AnneSeltmann


1.  Sonnenaufgang

Noch bevor der Tag seinen Namen kennt,
liegt ein feiner Schleier über der Welt.

Die Dinge stehen geduldig da –
Bäume, Häuser, Wege –
als warteten sie darauf,
wieder erkannt zu werden.

Ich mag diese Stunde,
in der nichts laut ist.
In der selbst Erinnerungen
leiser sprechen.

Der Morgen tastet sich heran,
nicht fordernd,
eher fragend.

Und ich sitze da
mit meinen Gedanken,
die kommen wie Dunst über Felder –
nicht, um alles zu verdecken,
sondern um Tiefe zu schenken.

Die Sonne hebt langsam
die Konturen meines Lebens hervor.
Nicht alles auf einmal.
Nur so viel,
wie ich heute tragen kann.

Und vielleicht
beginnt genau hier
mein Tag.
Mein Weg.
Mein leises, klares Sein.

 

2. Zwischenräume

 

Der Tag ist inzwischen wach,
doch ich bleibe einen Moment
im Dazwischen.

Zwischen gestern und morgen.
Zwischen dem, was ich war,
und dem, was ich werde.

Es sind nicht die großen Entscheidungen,
die mein Leben formen.
Es sind die leisen Gewohnheiten:

wie ich zuhöre.
wie ich zweifle.
wie ich hoffe,
auch wenn niemand es sieht.

Manche Wege in mir
haben keine Schilder.
Ich gehe sie trotzdem.

Manche Fragen
bleiben unbeantwortet –
und werden gerade dadurch
zu Begleitern.

Ich lerne,
dass Klarheit nicht laut sein muss.
Dass Tiefe nicht dunkel ist.
Dass Stärke manchmal
nur bedeutet,
weich zu bleiben.

Und während der Tag weiterzieht,
trage ich meinen Morgendunst in mir –
nicht als Schleier,
sondern als feine Schicht
aus Achtsamkeit.

3. Licht

Am Abend ist das Licht anders.
Es fällt schräger,
ehrlicher vielleicht.

Es zeigt nicht nur Konturen,
sondern auch Spuren.

Und ich sehe:
Alles, was ich durchquert habe –
Freude, Zweifel, Abschied, Aufbruch –
hat mich nicht verhärtet.

Es hat mich
durchlässig gemacht.

Wie Morgennebel,
der sich hebt,
nicht weil er verschwindet,
sondern weil er Teil des Lichts wird.

Ich verstehe langsam:
Mein Leben muss kein Sturm sein,
um Bedeutung zu haben.

Es reicht,
wenn ich wach bleibe
für die feinen Veränderungen.

Wenn ich mich traue,
still zu sein
in einer lauten Welt.

Und als die Sonne untergeht,
weiß ich:

Morgen
wird wieder Dunst über den Feldern liegen.

Und wieder wird Licht kommen.

Und ich
werde da sein.

Leise.
Klar.
Voller Tiefe.

 



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