Während die Welt stillstand

Gedicht zum Thema Denken und Fühlen

von  AnneSeltmann


wir tanzen  barfuß
auf dem dielenholz

 

das telefonlicht
ein kleiner mond
am boden

 

die vorhänge
atmen langsam

 

und die nacht
steht bereits
im zimmer

 

du drückst auf play

 

doch erst einmal
geschieht nichts

 

nur dieses
komm näher

 

deine finger
zwischen schulter
und erinnerung

 

du drehst mich
vorsichtig

 

als wäre der raum
aus wasser

 

wir lernen
die stille neu

 

haut
atem
dieses zögern
vor jeder berührung

 

du lachst leise
als ich den schritt verliere

und plötzlich
trägt mich dein körper
durch den takt

 

eine hand
auf meinem herz

 

durch stoff hindurch

 

als könnte man liebe
ertasten
wie eine verborgene schrift

 

später

 

nur noch unser atmen

und dieses langsame kreisen

 

während draußen
die welt

 

für einen augenblick
vergisst
weiterzulaufen



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Kommentare zu diesem Text


 Saira (12.05.26, 12:22)
Liebe Anne,

dein Gedicht ist eines dieser seltenen Gedichte, die nicht laut sein müssen, um tief unter die Haut zu gehen. Schon die ersten Zeilen tragen eine unglaubliche Nähe in sich. Dieses barfüßige Tanzen auf dem Dielenholz, das Telefonlicht wie „ein kleiner Mond am Boden“, die langsam atmenden Vorhänge. 

Deine Sprache ist ruhig, weich und voller Zwischentöne. Gerade dadurch entsteht diese starke Intimität. Zeilen wie

deine finger
zwischen schulter
und erinnerung
oder

als könnte man liebe
ertasten
wie eine verborgene schrift
sind unglaublich schön, weil sie Berührung nicht nur körperlich zeigen, sondern emotional und erinnernd zugleich.
 
Auch das Bild vom Raum „aus Wasser“ finde ich wundervoll. Es verleiht allem etwas Schwebendes, fast Zeitloses. Überhaupt scheint in deinem Gedicht die Zeit langsam ihre Bedeutung zu verlieren. Die Außenwelt tritt immer weiter zurück, bis am Ende tatsächlich nur noch dieses gemeinsame Atmen bleibt.
Und genau das macht die letzte Zeile so stark:

während draußen
die welt
für einen augenblick
vergisst
weiterzulaufen
Ein wunderschönes, atmosphärisch dichtes Gedicht voller Zärtlichkeit und feiner Beobachtungen. Es liest sich wie ein langsamer Tanz zwischen Gefühl und Erinnerung.

Liebe Grüße
Sigrun
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