DAS RÜCKWÄRTSLIED

Roman

von  Drita


- Brief an Mekdes, Äthiopien

Liebe Mekdes,

heute Morgen habe ich wieder Nachtblumen gepflanzt. Ich tue das oft, obwohl ich weiß, dass sie meine Wunden nicht heilen werden. Vielleicht pflanze ich sie nur, damit etwas in dieser Welt den Mut hat, im Dunkeln zu blühen.

Dabei musste ich an dich denken.

Nicht, weil ich weiß, wer du bist. Ich kenne weder dein Gesicht noch deine Hände. Aber ich stelle mir vor, dass auch du gelernt hast, mit einer Zeit zu leben, die nicht vergeht. Es gibt Erinnerungen, die sich nicht in Jahren messen lassen. Sie wohnen in den Knochen und werden älter als wir.

Meine Mutter sagte einmal, das Gift einer Schlange könne den Körper verlassen, wenn man das Lied rückwärts singt. Ich habe ihr geglaubt. Später begriff ich, dass manche Gifte bleiben. Nicht, weil sie stärker sind als wir, sondern weil sie sich in das verwandeln, was wir Erinnerung nennen.

Ich habe gelesen, dass in deinem Land Bäume stehen, die Generationen überdauern. Vielleicht haben sie Frauen kommen und gehen sehen, Mütter und Töchter, deren Geschichten niemand aufgeschrieben hat. Ich frage mich manchmal, ob Bäume sich an unsere Namen erinnern oder nur an unser Schweigen.

Seit dem Krieg suche ich nach Menschen, die verstehen, dass Überleben nicht an dem Tag beginnt, an dem die Gewalt endet. Es beginnt viel später. Vielleicht nie ganz.

Wenn du eines Tages unter einem alten Baum sitzt und der Wind seine Äste bewegt, dann hoffe ich, dass er dir auch ein paar Worte meines Rückwärtsliedes bringt. Nicht als Trost. Trost ist oft zu klein für das, was Frauen tragen.

Nur als Zeichen, dass irgendwo eine andere Frau lebt, die gelernt hat, mit demselben unsichtbaren Gift weiterzuatmen.

In herzlicher Verbundenheit,



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