WER ICH BIN

Gedicht

von  Drita



Ich bin das harte Brot der Jahrhunderte,
das verbrannte Salz und die Hand, die um Gnade bittet.


In den Augen des Wolfs und des Lammes schlafe ich,
wie ein mit dem Messer zerschnittener Traum unter dem Mond.


Ich bin der Wind, der den Mönchen die Kerzen löscht,
und das Seufzen der Frau an der Schwelle des Hauses,
wenn die Männer aus dem Krieg zurückkehren.


Im Blut von Franz Kafka
bin ich der unheimliche Käfer,
und im Glas von Arthur Rimbaud
der Wein, der blau brennt.


In den verbrannten Bibliotheken
bin ich das Wort, das den Flammen entkommt,
wie das Kind mit dem Brot unter dem Arm
in der zerstörten Stadt.


Ich bin der Kuss der Mutter auf die Stirn
und die kalte Kugel im Fleisch.


Ein zerrissenes Lied der Lauta,
sechs Krähen auf den Stromleitungen,
und der Schatten des Menschen,
der verloren weitergeht.


Ich bin ich.

Vielleicht niemand.


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Kommentare zu diesem Text


 harzgebirgler (01.07.26, 12:09)
:) :)
CHAPEAU VON DER KI & MIR MIT LG!

Dieses Gedicht ist ein faszinierendes, tiefgründiges literarisches Werk. Vor dem Hintergrund der sieben „Ich-bin-Worte“ Jesu und ihres Verweises auf die Vaterschaft Gottes lässt sich dieses Gedicht als eine radikale existentielle Umkehrung und Weiterentwicklung interpretieren.
Während Jesus das „Ich bin“ nutzt, um die göttliche Ordnung, das Heil und die absolute Zuwendung des Vaters zu offenbaren, spiegelt dieses Gedicht das „Ich bin“ der gesamten, gebrochenen Schöpfung wider.

Hier ist eine theologische und literarische Beurteilung in vier zentralen Punkten:

1. Vom göttlichen Heil zur menschlichen Existenz (Die Umkehrung der Bilder)
Das Gedicht greift die Motive Jesu auf, bricht sie jedoch durch das Prisma menschlichen Leids und der Weltgeschichte:

  • Vom Brot des Lebens zum harten Brot: Bei Jesus ist das Brot die ewige Sättigung durch den Vater. Im Gedicht wird es zum „harten Brot der Jahrhunderte“ – ein Symbol für die mühsame, schmerzhafte Existenz und das nackte Überleben („das Kind mit dem Brot unter dem Arm“).

  • Vom guten Hirten zum Wolf und Lamm: Jesus trennt den Hirten von den Wölfen. Das Gedicht löst diese Dualität auf: Das lyrische Ich schläft „in den Augen des Wolfs und des Lammes“. Es ist in beidem präsent – im Täter und im Opfer.

  • Vom Licht der Welt zur Dunkelheit: Jesus bringt Licht. Das Ich im Gedicht ist jedoch „der Wind, der den Mönchen die Kerzen löscht“ – eine Kraft, die das vertraute, sakrale Licht nimmt, um Platz für die nackte Realität oder das „Seufzen der Frau“ zu machen.

  • Vom wahren Weinstock zum brennenden Wein: Bei Jesus spendet der Weinstock gesundes Leben aus der Verbindung zum Vater. Im Gedicht wird er (mit Verweis auf Rimbaud) zu Alkohol, der „blau brennt“ – ein Symbol für Rausch, Poesie, aber auch Selbstzerstörung.

2. Kein Ego-Trip, sondern radikale Empathie
Genau wie bei Jesus ist dieses Gedicht das absolute Gegenteil eines Ego-Trips, allerdings aus einer anderen Richtung:

  • Jesus nimmt sich als Mensch zurück, um transparent für die Liebe und das Wesen des Vaters zu werden.

  • Dieses lyrische Ich nimmt sich zurück, um transparent für das Leiden und die Widersprüche der Welt zu werden.
    Es bläht sich nicht auf, sondern identifiziert sich mit den Schwächsten und Schmerzhaftesten: Es ist die Hand, die um Gnade bittet, der unheimliche Käfer (Kafkas Isolation), das zerrissene Lied und die kalte Kugel im Fleisch. Es ist ein „Ich bin“, das sich durch Mitleiden auflöst.

3. Das überlebende Wort (Die Brücke zum Johannesevangelium)
Die stärkste theologische Parallele zu Johannes (wo Jesus als das fleischgewordene „Wort“ / Logos beschrieben wird) findet sich in der fünften Strophe:

„In den verbrannten Bibliotheken / bin ich das Wort, das den Flammen entkommt...“
Hier berühren sich das Gedicht und die Bibel am intensivsten. Selbst in der totalen Zerstörung („verbrannte Bibliotheken“, „zerstörte Stadt“) gibt es etwas Unzerstörbares. Das Wort überlebt. Während Jesus als das Wort Gottes das Leben bringt, ist das Wort im Gedicht der unbezwingbare Geist des Menschen und der Schöpfung, der trotz aller Katastrophen weiterlebt.

4. Das Finale: „Vielleicht niemand“ vs. „Ich bin der Ich-bin“
Das Ende des Gedichts setzt den radikalsten Kontrapunkt zum biblischen Gottesnamen:

  • Gott offenbart sich Mose als die absolute, ewige Fülle: „Ich bin, der ich bin“ – das Fundament allen Seins.

  • Das Gedicht endet mit: „Ich bin ich. Vielleicht niemand.“
Das ist die existentielle Demut der Moderne. Wenn man versucht, das gesamte Leid, die Kunst, den Krieg, die Liebe („Kuss der Mutter“) und den Tod der Welt in ein einziges „Ich“ zu fassen, bleibt am Ende kein triumphierender Gott übrig, sondern eine tiefe Leere oder Offenheit. Es ist das Eingeständnis, dass der Mensch ohne die göttliche Rückbindung an einen Vater im Angesicht der Weltgeschichte ins „Nichts“ zu gleiten droht – der „Schatten des Menschen, der verloren weitergeht“.

Fazit
Ein großartiges Gedicht. Es nutzt die absolute Sprachgewalt der biblischen „Ich-bin“-Formel nicht, um Gott zu preisen, sondern um die göttliche Dimension des menschlichen Schmerzes und der Schöpfung auszuleuchten. Es zeigt: Wenn Gott in diese Welt kommt (Sohnschaft), dann findet man ihn genau dort – im Schmutz, im Krieg, in der Kunst und in der Einsamkeit.

 downunder (01.07.26, 13:34)
Hallo, bis auf die Stelle mit dem Wind, der den Mönchen die Kerze löscht (Das ist einfach zu dick und zu überdehnt) gefällt mir der Text recht gut.
 Herzliche Grüße

Kommentar geändert am 01.07.2026 um 13:35 Uhr

 EkkehartMittelberg (01.07.26, 17:05)
Hallo Drita,

wer seine eigene Bedeutungslosigkeit erkennt, hat viel Raum für das Bedeutsame.

Liebe Grüße
Ekki
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