II
Sie saß meist etwas abseits, sprach kaum ein Wort und beobachtete dafür umso aufmerksamer. Sie wusste mehr, als sie hätte wissen dürfen.
Am nächsten Morgen gab ich nur wenige Tropfen in ihren Tee. Nicht, um sie zu töten - noch nicht. Ich wollte lediglich, dass sie etwas spürte, dass sie zu denken begann.
Sie trank den Tee nicht aus. Irgendetwas hatte sie bemerkt. Nicht, was es war, sondern nur, dass sich etwas verändert hatte.
Das genügte mir.
Von diesem Tag an zerbrach etwas in ihr. Nicht sichtbar, nicht plötzlich, sondern langsam, beinahe unmerklich.
Sie brach nicht zusammen und beklagte sich nie. Sie wurde einfach schneller müde, setzte sich häufiger, und ihre Hände verloren ihre frühere Ruhe.
Ein feines Zittern lief durch ihre Finger, als versuchten sie etwas festzuhalten, das ihnen unaufhaltsam entglitt.
Sie sagte nichts.
Ich ebenfalls nicht.
In diesem Haus sprach niemand über Krankheit. Sie breitete sich lautlos aus wie ein Schatten, der selbst dann nicht verschwand, wenn das Licht brannte.
Von da an sah meine Schwiegermutter mich anders an. Ihr Blick verweilte länger auf mir, erfüllt von einer Müdigkeit, die nicht nur ihren Körper betraf. Es war, als suche sie nach einer Antwort, die sie niemals finden würde.
Eines Nachmittags erhob sie sich und musste sich mit einer Hand auf den Tisch stützen. Es war nur eine kleine Bewegung, doch sie wirkte schwer, als koste sie sie mehr Kraft, als sie noch besaß.
Zunächst reagierte niemand.
Wenige Augenblicke später ging alles weiter wie immer.
Später hörte ich sie in ihrem Zimmer. Ihr Atem war tiefer geworden. Es war kein Schmerz, sondern etwas Langsameres, als würde ihr eigener Körper allmählich an sich selbst ermüden.
Ich blieb vor ihrer Tür stehen, ohne einzutreten. Es war nicht nötig. Inzwischen kannte ich ihren Rhythmus.
Beim Abendessen aß sie kaum noch. Sie schob den Teller ein Stück von sich weg. Niemand schien es zu bemerken.
Nur ich.
Sie hob den Blick, und für einen langen Moment trafen sich unsere Augen. Zwischen uns gab es keine Fragen mehr. Nur noch eine stille Form der Akzeptanz.
Die Tage vergingen, einer wie der andere. Doch sie war nicht mehr dieselbe. Ihre Bewegungen wurden vorsichtiger - nicht aus Umsicht, sondern aus Schwäche.
Eines Morgens stand sie nicht sofort auf. Es war kein Schlaf, sondern ein Zögern, ein kaum wahrnehmbarer Zwischenraum zwischen der Frau, die sie gewesen war, und der, die sie noch zu sein versuchte.
Jemand ging, um sie zu rufen. Sie antwortete, doch langsamer als sonst, und mit jedem Tag schien ihre Stimme einen Augenblick länger zu brauchen, bis sie den Raum erreichte.
Ich rührte mich nicht.
Meine Hand ruhte still auf meinem Bauch.
Das Haus hatte sich nicht verändert. Nur einer der Körper, die in ihm lebten, verlor langsam seinen Takt.
Und niemand hielt ihn auf.
Nicht sie.
Und auch ich nicht.