DAS HAUS OHNE AUSGANG

Roman

von  Drita

Sie blieb genau dreißig Minuten sitzen.Sie sah mich an.Nicht mehr wie früher.

Ihr Blick durchbohrte mich nicht länger.Er ruhte auf mir, doch er drang nicht mehr zu mir vor.

Er fand keinen Halt.Es begann mit ihren Händen.Ein feines Zittern.

Dann erfasste es ihre Beine.Schließlich ihren ganzen Körper.

Eine Zeit lang hielt sie dagegen.Sie saß aufrecht.Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Ich tat nichts.Sie bemerkte es.Nicht das, was ich getan hatte.Sondern das, was ich nicht tat.

Ich reagierte nicht.Ich wich nicht zurück.Ich senkte den Blick nicht.

Ich entschuldigte mich nicht.

Das brachte sie aus dem Gleichgewicht.

„Was ist mit dir?“, fragte sie schließlich.

Ihre Stimme klang nicht mehr wie zuvor.Sie war nicht mehr scharf.Ein feiner Riss lag in ihr.

„Mit mir?“, antwortete ich.

„Nichts.“

Das Wort blieb länger zwischen uns stehen, als es sollte.

Sie versuchte zu lächeln.Es gelang ihr nicht.

Nur ein trockenes Zucken ihrer Lippen.

Ihre Hand glitt zur leeren Tasse, als suche sie etwas, das nicht mehr da war.

„Sieh mich nicht so an“, sagte sie.

Ich erwiderte ihren Blick unverändert.In ihren Augen lag keine Härte mehr.

Nur Anstrengung.

Der verzweifelte Versuch, etwas festzuhalten, das ihr langsam entglitt.

„Wie denn?“

Sie antwortete nicht sofort.Ihr Atem wurde schwerer.

Zwischen jedem Atemzug lag nun ein kaum merklicher Augenblick mehr.

„Du weißt schon …“, sagte sie schließlich.

„So eben.“

Ich wusste nicht, ob sie selbst verstand, was sie sagte.Vielleicht verstand sie es nicht.

Das machte sie nur noch schwächer.

Ich blieb reglos.

Meine Hand ruhte ruhig auf meinem Oberschenkel.

Ihr Körper hatte keinen Zugang mehr zu meinem.

„Du veränderst dich“, sagte sie.

Es war kein Vorwurf.Nur eine Feststellung.

„Nein“, erwiderte ich.

„Ich werde präzise.“

Sie sah mich lange an.Länger, als nötig gewesen wäre.

Ihre Augen wurden feucht.Doch keine einzige Träne fiel.

Das hätte sie sich niemals erlaubt.

„Du glaubst, du kannst mich besiegen?“

Das Wort besiegen klang schwächer, als sie es beabsichtigt hatte.

Ich ließ die Frage unbeantwortet.Sie blieb zwischen uns hängen.

„Ich glaube nichts“, sagte ich schließlich.

„Es geschieht einfach.“

Genau das konnte sie nicht ertragen.Nicht Gewalt.Nicht Gefahr.

Sondern die völlige Abwesenheit von Anstrengung.

Ich kämpfte nicht gegen sie.Sie kämpfte allein.

Für einen Moment ging ein stärkeres Zittern durch ihren Körper.

Dann ließ es nach.

Nicht, weil es vorbei war.

Sondern weil sie sich für einen Augenblick ergeben hatte.

Sie stützte sich mit einer Hand auf den Tisch.Ihre Finger gehorchten ihr nicht mehr ganz.

„Was hast du mir gegeben?“

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.Fast schien sie nur noch in ihrem Inneren zu existieren.

Ich sah ihr direkt in die Augen.

„Nichts, was du dir nicht selbst genommen hast.“

Sie schloss den Mund.Sie dachte nach.Oder versuchte es.

Doch klares Denken war ihr nicht mehr möglich.Ihr Körper sprach schneller als ihr Verstand.

„Du …“, begann sie.

Mehr brachte sie nicht hervor.Zum ersten Mal hatte sie nichts mehr hinzuzufügen.

Langsam stand ich auf.Nicht, um den Raum zu verlassen.Nur, um meine Haltung zu verändern.

Der Holzboden knarrte leise.Sie zuckte zusammen.

Das genügte mir.Sie hatte verstanden.

Nicht was.

Aber wer.

Und das wog schwerer.

„Nicht …“, flüsterte sie.

Den Satz beendete sie nicht.Es gab nichts mehr, worum sie hätte bitten können.

Zum ersten Mal war sie es nicht mehr, die die Grenzen bestimmte.Nicht mehr sie hielt den Raum unter Kontrolle.

Das Schweigen gehörte ihr nicht länger.

Es gehörte mir.

Ich ließ sie dort sitzen.

Wie sie verzweifelt versuchte, ihren Körper aufrecht zu halten.Sich selbst festzuhalten.

Doch Anstrengung allein genügte nicht mehr.

Als ich das Zimmer verließ, empfand ich nichts.Keinen Triumph.Keine Genugtuung.

Nur eine kalte Klarheit.

Jetzt wusste ich nicht nur, wozu ich fähig war.

Ich wusste auch,

dass mich nichts mehr aufhalten konnte.



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