Conímbriga

Gedicht

von  Tula

Müde Pinien und Staub. Die Hütte am Weg macht auf Mitleid.
„Stets an den Seilen entlang“ ermahnt mich ein Alter entkräftet.
Drei Schritte weiter empfängt sie mich wie ein entfleischter Kadaver:
Hilflos, als flehender Stein, im Klagegesang der Zikaden.

Hier stand der Tempel der Stadt: drei Säulen, des Kaisers Vermächtnis,
zeugen von einstigem Glanz. Wie die Statue, kopflos, in Stücke
schlugen sie Sonne und Wind und der Regen, die herzlosen Sieger
ließen dem Führer der Hautevolee nicht einmal die Nase.

Hinter dem Forum der Wust, wie Schachteln, das waren mal Läden.
Schließt du die Augen, dann ahnst du den Trubel im Dämmer der Gassen:
Düfte von Salbei und Zimt, im Streit mit dem Schweiß einer Toga.
„Stoffe mit Purpur gefärbt, aus Tyros!“ beteuert ein Händler.

Raus aus Getümmel und Lärm. Die Brunnen dort laden zur Muße.
Lausch' doch dem Plätschern! Das Spiel belebt dir die Bilder am Boden:
Jagende Reiter, das zappelnde Schwein in der Hand eines Hirten.
Perseus, der göttliche Sohn, serviert dir das Haupt der Gorgone.

Jetzt zum Cantaber ins Haus, zum großen Bankett – Saturnalien!
Diener in hastigem Lauf befrachten die Tische wie Kähne:
Austern aus Tarent, Kastanien aus Spanien, „lukanischer Eber!“
preist man ein riesiges Schwein. Und Wein fließt, der beste – Falerner.

Schließlich suchst du am Hang der Siedlung die Kühle der Thermen;
schreitest noch einmal vorbei an Tavernen, an Kellern und Kammern.
Sicher schrieb hier einst ein reifender Dichter die ersten Satiren.
Staub nun auch diese. Du siehst nur die Echse im Schatten verschwinden.



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Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (02.08.26, 07:23)
Nach gefühlten 100 Texten: 1 Gedicht! Dafür danke ich dir von Herzen, Tula!  :)

Du beschreibst auf sehr poetische Weise den Niedergang eines Imperiums. - Im Grunde kräht kein Hahn danach: selbst die eingebürgerte Echse streift die ewigen Steine nur im Vollbesitz gefühlter Langeweile.

Das Weltkulturerbe bröckelt und Staub legt sich auf deine Schuhe.

Du weißt um das Ende von allem. Und wusstest es immer.

Man grüßt

 Tula meinte dazu am 02.08.26 um 19:31:
Lieber 8er
Man könnte darüber grübeln, wer irgendwann einmal über unseren Niedergang dichten wird  :( wobei mich das Thema Vergänglichkeit seit meinem 60. neulich besonders beschäftigt  :ermm:

Oder vielleicht dachte ich mir auch, dass man im Sommerurlaubsmonat August mal ein bisschen Werbung für die zweite Heimat machen könnte. Vielleicht schaut ja jemand vorbei  8-)

In diesem Sinne, unvergängliche Grüße
Tula

 willemswelt (02.08.26, 08:39)
stark-bin gerne deiner Wanderung durch die lebendige mediterane Geschichte gefolgt-LG Willem

 EkkehartMittelberg antwortete darauf am 02.08.26 um 08:48:
Da lässt der Charme mich von Verfall erzittern.

LG
Ekki

 Tula schrieb daraufhin am 02.08.26 um 19:34:
Lieber Willem und lieber Ekki
Danke euch! "Charme" ist für diese Ruine gewiss nicht unpassend. Schon wenn man bedenkt, dass der größere Teil erst noch ausgegraben werden muss.

LG Tula

 Quoth (02.08.26, 09:06)
Beste Reenactment-Poesie zur Antike, und, erstaunlich, auch Säulen aus Ziegelstein vermögen klassisch zu tragen und Würde auszustrahlen! Wenn ich nicht aus Altersgründen das Reisen weitgehend aufgegeben hätte, ich würde, statt des allzu bekannten Pompeji, gern mal  Conimbríga besuchen! Vielen Dank, Tula!

 Tula äußerte darauf am 02.08.26 um 19:40:
Lieber Quoth
So spektakulär wie Pompeji ist die Ruine nicht. Aber das hat auch seinen Reiz, weil sie eben nur spärlich besucht wird und gerade deshalb in der Stille zum Sinnieren über das Leben in der Stadt damals einlädt.  Ich war vor wenigen Jahren dort, an einem tatsächlich glutheißen Tag, und das beflügelte dann meine Phantasie ...

LG Tula

 downunder (02.08.26, 10:37)
Ein grandioser Text eines der besten Schreiber, der mir jemals untergekommen ist: Präzise Sprache ohne Metaphernballast mit einem herrlich lakonischem Schluss.

Kommentar geändert am 02.08.2026 um 10:38 Uhr

 AchterZwerg ergänzte dazu am 02.08.26 um 10:59:
So isses!  :)

 downunder meinte dazu am 02.08.26 um 11:53:
Jo,meine liebe Heidrun....... :D

 Tula meinte dazu am 02.08.26 um 19:45:
Lieber downunder
So ein Versuch, in Hexametern zu schreiben, wird den Kriterien moderner Lyrik natürlich nicht gerecht  8-) Es sollte natürlich die Atmosphäre der Stätte und Phantasie dazu  in Bildern herüberbringen. So freue ich mich sehr, dass es dir und anderen gefällt.

Dankend lieben Gruß
Tula

 harzgebirgler (02.08.26, 10:46)
:) :)
die desertifizierung schreitet fort
entsprechend nietzsches einst'gem 'wüsten'-wort.

lg
harzgebirgler

 Tula meinte dazu am 02.08.26 um 19:48:
Lieber Harzer
Die Ruine mit für die Epoche typischen Bäumen und anderen Pflanzen zu beleben, ist eine gute Idee. Ganz ohne Wald drum herum steht sie nicht da, da täuschen die Bilder etwas.

Dankend lieben Gruß
Tula

 GastIltis (02.08.26, 20:22)
Hallo Tula,

wärest du nicht selbst ein Wanderer durch Zeiten und Welten
und suchtest du nicht dein Heil und dein Glück fern von Zuhaus,
man könnte seine Freude nicht verhehlen, dir zu folgen,
um Raum, Zeit, Vergangenheit, Gegenwart nicht nur unter einen Hut,

nein, in das Hirn, die müden Beine, die trockene Kehle oder den hungrigen
ach so lüsternen Magen zu bekommen. Deinem Ruhm, die Dichtkunst
zu verbreiten, zu ehren, mit Bildern und Glanz zu versehen, wären wir,
ich spreche für mich, indessen weiterhin schutzlos ausgesetzt.

Sei herzlich gegrüßt von Gil.

 Tula meinte dazu am 03.08.26 um 23:03:
Lieber Gil
Sicher! der lüsterne Magen, der beste der Strolche,
welche mich halten, die Weine des Südens zu ehren,
Stockfisch, Sardinen und schließlich pasteis de nata ...
Was will man sonst? Es sei ab und an ein deutsches Bierches.

LG Tula

 TassoTuwas (03.08.26, 10:13)
Moin Tula,
der Hauch der Antike lässt uns immer wieder staunen.

Hätte ich es vor Jahren gelesen, wäre ich auf der Fahrt von Fatima nach Nazeré rechts abgebogen!

LG TT

 Tula meinte dazu am 03.08.26 um 23:04:
Lieber Tasso
Es ist nie zu spät für eine weitere poetische Reise  8-)

Dankend lieben Gruß
Tula
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