In meinem Dorf in Burgund gibt es zwei Frauen, die ich regelmäßig frequentiere, eine etwas ältere, aber immer sehr elegant herausgeputzt, und eine jüngere, eher auf exotischer Folklore stehend. Mit Florence, der älteren, kann ich deutlich mehr anfangen, während Rosalynn mir gegenüber merkwürdig gehemmt wirkt – trotz sehr vieler Begegnungen, die sich meistens am frühen Morgen ergeben, spontan, ohne Voranmeldung.
Florence dagegen hat fixe Zeiten und ist nur mit einem Rendez-Vous auf Anfrage zu kriegen. Obwohl ich Florence eher selten besuche, können wir ganz gut miteinander. Sie ist unkompliziert, lacht gerne, kennt meine Wünsche und kommt auch stets schnell zur Sache. Ich bin ja auch nicht kompliziert. Immer das gleiche Prozedere: „La brosse“, wie die Franzosen das nennen. Nein, Waschen entfällt. Sechs Millimeter Maschinenschnitt. Mehr ist an meinem schütteren Haupt nicht nötig. Und Florence lässt die Maschine sausen, kaum dass ich in ihrem weinroten Frisörsessel Platz genommen habe. Länger dauert es dann, wenn wir uns austauschen über die Tagespolitik und den letzten Dorttratsch. Für mich immer ein schönes Gefühl, sozusagen wie ein Einheimischer behandelt zu werden. Leider wachsen meine Haare recht langsam – da komme ich höchstens alle sechs Wochen mal zu Florence.
Ganz anders die Kontakte mit Rosalynn. Meistens bin ich morgens bei ihr der erste Kunde. Denn sie macht die Bäckerei um Punkt sieben auf, und ich bin Frühaufsteher. Obwohl wir dann fast immer allein sind vor den frisch befüllten Auslagen, kommt kein Gespräch zustande. Ich habe schon gesagt, dass es immer so toll riecht im Laden, war voll des Lobes für die Croissants, entschuldigte mich, wenn ich das Geld nicht passend hatte – Rosalynn ließ mich konsequent abblitzen. Kein Wort zu viel, gerade mal ein minimalistisches „Au revoir!“ Wahrscheinlich ist es ihr erster Job, sinnierte ich. Erst seit zwei Jahren im Dorf – da braucht es vielleicht auch noch Zeit. Nicht jeder ist auch bereit, mit all den unterschiedlichen Kunden blumige Worte zu wechseln. Dabei ist Rosalynn ausgesprochen hübsch, und wenn sie es zu einem Lächeln bringt, geradezu bezaubernd. Aber Rosalynn „gesprächig“ – da wäre sie wie in einem anderen Film. Nein, für mich Alltags-Besucher gibt es nur „triste mine“. Was mich tröstet: Andere Kunden aus meinem Dorf erleben es genauso. Rosalynn grenzt sich eisern ab, auch Frauen kriegen keinen Deut mehr an Offenheit.
Als ich jetzt Florence auf diesen merkwürdigen Kundenumgang ansprach, stieß ich sofort auf Zustimmung. „Sie ist total unsicher, sie hat Angst!“ versuchte die Frisörin das zu erklären. Und deswegen verberge sie sich quasi hinter diesen knappen Formeln und ihrer Maske. Eine Reaktion auf Rassismus sei es jedenfalls nicht. „Denn dass sie schwarz ist, war im Dorf nie ein Thema!“