Gehirnjogging kurz vor scheintot

Reportage zum Thema Vorurteile

von  eiskimo

Es war doch nur Spaß, sagte ich mir. Oder genauer gesagt: Neugier, auch ein bisschen Langeweile. Da habe ich doch gestern tatsächlich zu so einem Bändchen gegriffen – nein kein Buch, keine anspruchsvolle Literatur – viel dünner, plakativ aufgemacht in Gelb, Rot und Blau, und dann auch noch in EXTRA GROSSER SCHRIFT …. eine Spezialausgabe, exklusiv aus dem Bastei-Verlag: RÄTSEL !!

Auf dem Cover eine hübsche Brünette, die mir mit Blendaxlächeln entgegenstrahlte, den Daumen keck auf Optimismus hoch gestellt. Und umrahmt war sie mit weißen und schwarzen Kästchen, einige davon mit Zahlen garniert.

Bis gestern galt: Ich habe mir noch nie ein Rätselheft gekauft geschweige mich darin versucht. Silbenwürmer, Zahlensuchspiele, Kreuzwort-Puzzles, Sudoku – alles für mich unbekannte Konstrukte. Klar, Kreuzworträtsel waren mir schon begegnet, auch Kniffeleien oder Denksportaufgaben. Aber was sollte ich mit Schüttelrätseln oder Triolen?

Es klingt vielleicht arrogant, aber das alles lief für mich unter Beschäftigungstherapie, Gehirnjogging kurz vor scheintot.

Und jetzt hatte ich mich in so ein Heftchen voller gemischter Hirnakrobatik hinein verirrt. „Für die Frühlingszeit“ stand vorne dick drauf, und „Gut zu lesen!“  Klar, als Senior mit ersten zerebralen Aussetzern und begrenzter Auffassungsgabe bekam ich da etwas sehr gut Aufbereitetes, zielgruppeorientiert!  

War das jetzt mein fataler Einstieg in diese Zielgruppe Ü80? Sagte ich Einstieg? Nein Abstieg…  

Sagte ich damit schon Tschüss zu all den anspruchsvollen Lektüren,  zu jeglichen zusammen hängenden Texten in Klein gedruckt? Nein!

Mit jugendlichem Schwung und entsprechender Überheblichkeit stürzte ich mich gleich mal in ein „Zahlenrätsel“.  Da waren Zahlen durch Buchstaben zu ersetzen, und die Zuordnung galt  für 14 Zahlenreihen, denen jeweils 10 Buchstaben entsprachen. Als Tipp bekam man zum Beispiel in Zeile 1 „Kurort im Salzbzurger Land“ und der Zahlencode lautete 16, 15, 11, 2, 13, 1, 9, 18, 8, und 19.

Ich habe natürlich null Idee gehabt, welcher Ort mit 10 Buchstaben das sein sollte. Wird man in hohem Alter also derart überfordert,  fragte ich mich.

Da nächste Zeile suchte nach einem „Singvogel, Würger“ – auch da musste ich wieder passen. Und Mattscheibe auch bei Zeile 3 „die Bewegung der Erdkruste betreffend“.   Nicht meine Art von Intelligenz, tröstete ich mich.

In Zeile 6  aber hieß das gesuchte Wort „Mangel an Zerstreuung“. Ha, durchzuckte es mich. Das konnte nur das sein, was mich zu dieser ganzen Grübelei hin manövriert hatte, nämlich die „Langeweile“!

Rechnerisch passte das. Und dass es auch buchstäblich zutraf, bestätigte mir dann die Zeile 7, die nämlich die „zärtliche Anrede für Beleibte“ wissen wollte.  „Dickerchen“,  notierte ich da.

Bingo! Nun hatte ich den Beweis: Die 18 ist das E, die 19 das N, die 8 das I …   Mit E-I-N  war dann „Hofgastein“ auch leicht zu ermitteln, zumal ich ja auch das H, das G  und das A  zuordnen konnte.

Die 11 anderen Aufgaben wurden dann zusehends leichter, und ich hatte sogar … Spaß dabei.

Toll die Belohnung am Ende, als ein Zitat des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) lesbar wurde, nämlich mit den ersten und sechsten Buchstaben, jeweils von oben nach unten gelesen: Handeln, das ist, wozu wir da sind.

Dem mochte ich gerne beipflichten, und da ich gerade etwas gelernt hatte, war mir egal, ob diese Erkenntnis in Groß- oder Kleindruck firmierte.



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