Kunst-Ego te absolvo

Text

von  Vaga

Er ist ein Mann von Welt, was für ihn zählt, auch wenn er Kunst auswählt, die ihm gefällt. Gefallen findet er an sich schon lange und so beschließt er, von sich selbst ein Kunstwerk zu erstellen. Sinnvoll findet er seinen nackten Fußabdruck als Solitär: Sohle auf Leinwand, Hautton auf Weiß, im Maßstab eins zu eins. Im Kopf hat er schon den Platz in seinem Heim, in dem es hängen soll, präsentativ für alle, die es betreten. Etwa für seine Nachkommen, die zwar möglicherweise schon vor ihm gehen könnten, aber vor allem auch für jene, die laufend hinter ihm und bei Fuß stehen, um ihm den Vortritt zu lassen. Die Eingangshalle schwebt ihm vor und deren Vorkopfwand als Bildhintergrund. So stäche allen, die er im Haus willkommen hieße, direkt ins Auge, was von ihm zur Eigennutznießung und Selbstwertsteigerung vorgesehen ist. 

Mit dieser Planung im Kopf und stetig wachsender Vorfreude auf sein raffiniertes Kunstvorhaben macht er sich endlich ans Werk. Er taucht seine nackte Fußsohle in die flüssige Farbe eines naturgetreuen Hauttons, verspürt einen Nervenkitzel, der ihm ein geradezu sinnliches Vergnügen bereitet. Am liebsten würde er dieses Farbbaden bis zur Kniekehle und weit darüber hinaus fortsetzen! Jedoch am allerliebsten möchte er jetzt vollenden, was noch nicht vollendet ist. Dazu muss der Fuß raus aus dem Tiegel und auf die weiße Leinwand, die bereitwillig auf dem Boden liegt. Vorsichtig setzt er auf, mit nur leichtem Druck, genauso vorsichtig hebt er ab, damit er nicht die winzigste Spur seiner Authentizität verwischt. Ein paar Tage später lässt er passgenau einen Schattenfugenrahmen aus Lindenholz mit Blattgoldauflage anfertigen, der ihm und seinem Kunstwerk zusätzliche Schmeicheleinheiten verleiht. So scheint ihm nun perfekt vollendet, was nur noch der Präsentation vor aller Augen bedarf. 

Doch zunächst lässt er sein eigenes Kunstwerk, das er vor seinem inneren Auge wie eine Art Lebenswerk betrachtet, allein für sich und Schritt für Schritt auf sich wirken. Je weiter entfernt davon er steht, desto unscheinbarer kommt ihm sein Fuß jetzt vor – und je näher er herantritt, desto mächtiger erscheint er ihm. Auf mittlere Distanz gerückt, kneift er die Augen zusammen, blinzelt und schaut durch einen winzigen Schlitz auf sein Fuß-Ebenbild. Er erkennt jetzt, völlig auf das Wesentliche konzentriert, die Symbolkraft dieses Werkes: Es ist der Fuß, der ihm ermöglicht hat, seinen Weg aus der Armut hin zum Reichtum zu gehen – immer geradeaus, unermüdlich von Erfolg zu Erfolg. Und nun steht er hier, um sich selbst dafür ein Denkmal zu setzen, eingerahmt in echtes Blattgold. Aber er sieht plötzlich noch etwas und erschrickt: Es ist der gleiche Fuß, mit dem er immer und immer wieder auch getreten hat, wenn sich jemand ihm in den Weg stellte. Und jetzt, an Ort und Stelle, hofft er inständig, dass die Menschen, die in Zukunft dieses Bild betrachten werden, genau das nicht sehen.


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Kommentare zu diesem Text


 niemand (12.08.26, 16:58)
@ Vaga

Ich habe selten einen so guten und auf den Punkt treffsicheren Text über einen sich fast schon für ein göttliches Wesen haltenden Kunst-Egomanen gelesen. Was könnte ein solcher Besseres machen, als den Abdruck seines Fußes als Kunstwerk der Welt zu hinterlassen. Dass Du den Fuß gewählt hast,gefällt mir im doppelten Sinne. Erstens ist der Fuß [die Füße] etwas auf dem der Mensch steht, geht, sich fortbewegt und zweitens sprechen wir sogar im ökologischen Sinn vom „auf dem Planeten seinen Fußabdruck zu hinterlassen“, im Guten wie im Schlechten. Ich finde, das trägt im Text doppelt. Dieses Kunstwerk in seinem Hause zu platzieren hätte auch wieder einen doppelten Aussagesinn. Erstens solange der Meister lebt, brächte es ihm Bewunderung und zweitens, sollte er nicht mehr da sein, würde die Aufmerksamkeit erneut auf ihn und seine Verdienste, bei der Testamentseröffnung gelegt. Und vielleicht machte jemand sogar den Vorschlag diese Kostbarkeit in ein Museum zu verlegen, dann wäre es, drittens, nochmals aufgewertet. Herrlich wie Du die Vorbereitung, die Vorfreude des Meisters, bis ins kleinste Detail beschreibst. Das hat etwas Erotisches, das ist Selbstverliebtheit pur, vom Fuß in die Farbe tauchen, bis zur Rahmenanfertigung
[natürlich und selbstverständlich] mit Blattgold-Auflage. Sogar der vorübergehende Zweifel des Meisters ist sehr gut getroffen. Ein kurzes Wanken und dann wird alles nicht nur so zurechtgelegt wie es passt, sondern durch den Zweifel und dessen Beseitigung erhält alles noch mehr Bedeutung.
Dass der Meister am Ende sich noch seiner karrierefördernden Fußtritte besinnt, krönt die Geschichte und spendet dem Künstler sogar ein Körnchen Edelmut [ein kleines] welcher jedoch durch die Hoffnung auf ein nicht Bemerken seiner „Verfehlungen“ dann gleich abhanden kommt. Alles in allem der große Zampano ist und bleibt glücklich und zufrieden und ich bin glücklich einen so guten und gelungenen Text zur Thematik gelesen zu haben. Echt spitze! Mit lieben Grüßen in Deine Richtung, Irene die sich ein Schmunzeln, nein, sogar ein Lachen nicht verkneifen konnte      :D      :P      ;)
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