Vom freiwilligen Untergehen
Satire zum Thema Sport
von AnselmusFederkiel

Wegen des schönen Wetters wollte ich vor einigen Tagen an einem Weiher die Sommerfrische genießen. Da wurde ich Zeuge einer wundersamen neuen Beschäftigung, mit welcher der moderne Mensch sich die Muße vertreibt.
Man nennt sie „Sporttauchen".
Sporttauchen ist, nüchtern betrachtet, ein erklärungsbedürftiges Vergnügen. Der Fisch erledigt die Sache seit Jahrmillionen ohne besondere Vorbereitung. Der Mensch dagegen benötigt Maske, Flossen, Athemregler, Jacket, Tauchcomputer, Anzug, Flasche und allerlei weiteres Geräth.
Bis das Automobile vollständig entladen ist, könnte man meinen, Atlantis sei gefunden worden und harre nun seiner wissenschaftlichen Erschließung.
Da ich das Treiben mit einiger Aufmerksamkeit betrachtete, kam ich mit einem der Herren ins Gespräch, welcher sich bereitwillig erbot, mir die tieferen Geheimnisse seiner Beschäftigung zu erläutern. Ich darf vorwegnehmen, daß die Erläuterungen manches verständlicher machten, die Sache selbst jedoch nicht unbedingt.
Das erklärte Ziel des ganzen Aufwandes besteht nämlich darin, unter Wasser athmen und sich möglichst schwerelos bewegen zu können.
Die Herstellung der Schwerelosigkeit beginnt dabei auffallend schwer. Je nach Ausrüstung wird noch eine gewisse Menge Blei hinzugefügt, damit der Taucher zuverlässig untergeht. Ist das gelungen, gibt er wieder Luft in sein Jacket, damit er nicht weiter untergeht.
Man beschwert sich also, um anschließend schweben zu können.
Für den Außenstehenden besitzt dies einen gewissen philosophischen Reiz. Für den Taucher ist es vollkommen logisch.
Auch die Flasche spielt bei dieser Beschäftigung eine bedeutende Rolle. Baby und Taucher verbindet die regelmäßige Abhängigkeit von einer solchen. Über deren Befüllung bestehen allerdings unterschiedliche Auffassungen. Der erfahrene Taucher kennt darüber hinaus noch eine dritte Variante, welche vorzugsweise erst nach dem Tauchgange geöffnet wird.
Ist alles angelegt, beginnt der Weg zum Wasser.
Eine Gruppe vollständig ausgerüsteter Taucher bewegt sich an Land mit jener eigenthümlichen Würde fort, die man sonst vor allem von Pinguinen kennt. Und wie diese ist sie bis zum Erreichen des Wassers durchaus mitteilsam. Die Flossen werden vernünftigerweise erst im Wasser angezogen; der Gang ist bereits vorher charakteristisch genug.
Ich sah ihnen nach, bis sie einer nach dem anderen im Weiher verschwanden.
Unter Wasser, so erklärte mir mein Gewährsmann, werde es dann erheblich ruhiger.
Ein Mensch, der an Land über einen beachtlichen Wortschatz verfügt, beschränkt seine Kommunikation plötzlich auf einige Handzeichen, Kopfnicken, Schulterzucken und große, leicht froschhaft wirkende Augen hinter der Maske.
Merkwürdigerweise scheint die Verständigung darunter kaum zu leiden.
Ich halte dies für eine Entdeckung, die gesellschaftlich noch nicht hinreichend gewürdigt wurde. Manches Gespräch an Land ließe sich vermutlich beträchtlich verkürzen, wenn den Beteiligten nur noch fünf vorher vereinbarte Handzeichen zur Verfügung stünden.
Dann ist da die Sicht.
Man hat geplant, gepackt, geschleppt, aufgebaut, geprüft, sich angekleidet und schließlich mehrere tausend Euro Technik im Weiher eingeweicht.
Dort beträgt die Sicht zwei Meter.
Irgendwo im grünlichen Dämmer erscheint für einige Sekunden ein Barsch.
Später hört man das Urtheil:
„Schöner Tauchgang.“
Und seinem Antlitz nach zu schließen, war es tatsächlich einer.
Im weiteren Gespräche stellte sich heraus, daß Taucher keineswegs gleich Taucher ist.
Der gemächliche Gelegenheitstaucher sucht weder Rekorde noch Ruhm. Er taucht hinab, sieht nach, was sich dort befindet, und kehrt bei ausreichender Zufriedenheit wieder zurück. Ihm genügen zwei Meter Sicht, ein Barsch von untadeligem Benehmen und die Aussicht auf ein späteres Dekobier.
Was unter einem Dekompressionsbier zu verstehen sei, bedurfte keiner längeren Erläuterung.
Mein Gewährsmann ließ jedoch erkennen, daß diese friedliche Genügsamkeit den taucherischen Ehrgeiz noch lange nicht erschöpft.
Der Tiefenjäger beispielsweise findet seine Freude dort, wo es dunkel wird und die Tiefenanzeige seines Tauchcomputers anschließend eine beeindruckende Zahl verkündet. Die besondere Kunst des Tiefentauchens besteht darin, möglichst rasch sehr tief zu gelangen und anschließend mit großer Sorgfalt und beträchtlicher Ausdauer sehr lange nicht wieder ganz nach oben zu dürfen.
Dazu kommen unter Umständen verschiedene, sorgfältig berechnete Gasgemische, die mir bereits beim bloßen Anhören ihrer Zusammensetzung das Bedürfniß nach frischer Luft vermittelten.
Gesellen sich zum Doppelgerät noch Stage-Flasche, Kompaß, Schreibtafel und Tauchermesser, nimmt der Taucher allmählich das Erscheinungsbild eines mittelalterlichen Ritters an, dessen Knappe es mit der Ausrüstung seines Herrn etwas zu gut gemeint hat.
Das Messer, versicherte mir mein Gewährsmann, diene dabei eher der Sicherheit als der Abwehr übellaunigen, bösartig gesinnten Wassergethiers.
Am Ende steht der Tiefenjäger wieder an Land, betrachtet seinen Computer und stellt mit stolz geschwellter Brust fest, daß er der Titanic zwar noch nicht aufs Deck gefallen ist, sich ihr aber wenigstens mit großer Entschlossenheit genähert hat.
Eine andere besondere Spezies ist der Trockentaucher.
Während der Tiefenjäger seine besonderen Herausforderungen in größerer Tiefe sucht, beginnen die Sorgen des Trockentauchers erheblich früher – beim Frühstück.
Noch bevor später Tiefe, Kurs und Luftvorrath besprochen werden, stellt sich eine nicht ganz unwichtige Frage:
Ist die zweite Tasse Kaffee wirklich sinnvoll?
Der Trockentauchanzug hat dabei eine ebenso schlichte wie ehrgeizige Aufgabe: Er hält das Wasser draußen und den Taucher trocken. Für Flüssigkeiten, die sich bereits innerhalb des Tauchers befinden, kann der Hersteller naturgemäß keine entsprechende Zusicherung geben.
Zur Verbesserung der Wärmeisolation leitet man mitunter noch ein weiteres Gas in den Anzug. Nicht etwa ein körpereigenes, sondern – der Würde des Verfahrens entsprechend – ein Edelgas.
Alternativ trägt man einen warmen Unterzieher, in welchem selbst gestandene Taucher aussehen, als seien sie unmittelbar einer Weichspülerwerbung für Teddybären entstiegen.
Und irgendwann muß jeder Tauchgang auch wieder enden.
Eine Art „magna cum laude" der Taucherei erwirbt sich, wer nach einer gewissen Zeit unter Wasser möglichst dort wieder auftaucht, wo er ursprünglich hineingegangen ist. Dabei ist ein Navigationsvermögen gefragt, wie man es sonst eher den Unterseebootfahrern vergangener Tage zugeschrieben hätte.
Ich blieb noch eine Weile am Weiher sitzen und sah dem Treiben zu.
Menschen schleppten Flaschen, Blei und allerlei Geräth ans Wasser, verschwanden für eine Stunde unter seiner Oberfläche und kamen anschließend augenscheinlich vergnügter wieder heraus, als sie hineingegangen waren.
Der Aufwand erschien mir nun nicht mehr ganz so räthselhaft wie zu Beginn.
Immerhin verbringt man eine Stunde an einem Orte, an welchem kein Telephon klingelt, keine Nachricht eintrifft und niemand erwartet, daß man unverzüglich zu irgend etwas Stellung nimmt.
Dafür trägt der Taucher einige Kilogramm Blei.
Es gibt schlechtere Geschäfte.
Anmerkung von AnselmusFederkiel:
Bild: unter Mithilfe eines automatischen Vernunftapparates erstellt