Aus dem Leben - Gespräche mit einem jungen Missionar

Skizze zum Thema Glaube

von  Augustus

Mit etwa zehnminütiger Verspätung betrat er das Café, in dem wir uns an diesem Nachmittag treffen wollten. Er entschuldigte sich und erklärte, dass er das Café erst suchen musste. Ich erwiderte: „Für dieses Problem hätte es eine elegante Lösung gegeben, die jedem aufmerksamen Menschen eingefallen wäre.“ Er schaute mich an und sagte: „Ich verstehe nicht ganz.“ „Ganz einfach“, antwortete ich. „Wenn man nicht weiß, auf welchem Stockwerk und wo genau das Café liegt – ich hatte es ihm vor zwei Tagen geschrieben –, fragt man am Eingang einfach die Person am Informationsstand und lässt es sich erklären.“ „Ah, das stimmt“, gab er zu.

„Herzlich willkommen im Turm zu Babel!“, sagte ich schmunzelnd daraufhin. Auch das verstand er so nicht. 

„Das Kaufhaus hat vier Stockwerke und ragt so hoch in den Himmel wie kaum ein anderes Gebäude hier“, erklärte ich. „Ah, verstehe“, meinte er.

Er packte seine Bibel in schwarzem Leder aus; meine lag bereits auf dem Tisch (eine Eberswalder Bibel mit Kommentaren). Gleich wollte er loslegen und darin blättern, ehe ich ihn unterbrach. 

„Warte“, sagte ich, „mich würde vorher interessieren, wie du überhaupt zur Bibel gekommen bist. Erzähl doch erst einmal etwas darüber.“ 

Um es kurz zu machen: Er erzählte, dass er sich früher nie um Religion gekümmert habe. Es habe ihn schlicht nicht interessiert; vielleicht sei er an Weihnachten mal mit der Familie in die Kirche gegangen, doch sonst spielte der Glaube in seinem Leben keine Rolle. Als ihn jedoch eines Tages jemand auf der Straße ansprach und ihm erklärte, dass die Bibel wahr sei und den Weg ins Paradies weise, sei er neugierig geworden. 

Seitdem er regelmäßig Bibelunterricht nehme und die Auslegungen seiner Lehrer befolge, habe er einen Zustand erreicht, den er ohne Zögern als glücklich bezeichnen könne. Diese Wahrheit wolle er nun mit anderen teilen und ihnen die Bibel näherbringen. Hochtrabende Worte, dachte ich mir.

„Also gut“, sagte ich und nahm einen Löffel von meinem Eis, „wo fangen wir an?“ 

 

Er zog ein leeres Blatt hervor und zeichnete eine Skizze: „Die Bibel ist wahr“ als Oberbegriff, verbunden durch zwei Linien mit den Begriffen „Wissenschaft“ und „Prophezeiung“. Er schlug das Buch Hiob auf und bat mich, einen Vers vorzulesen. Ich ließ mich darauf ein und las ihn vor. Um uns herum schauten einige Gäste neugierig herüber, als ich den Vers mit leichtem Humor vortrug. Es ging um die Stelle, in der Hiob beschreibt, dass Gott die Erde über dem Nichts aufhängt. Leidenschaftlich rief der junge Missionar: „Schau dir die Worte an: ‚aufhängen‘ und ‚Nichts‘! Woran hängt die Erde im Nichts? Was ist dieses Nichts, an dem etwas aufgehängt werden kann?“ 

„Genau – die Gravitation!“, antwortete er sich selbst. „Die erst viel später von Newton beschrieben wurde!“ Ich war beinahe versucht, ihn nach den newtonschen Axiomen zu fragen, entschied mich jedoch dazu, weiterhin den Laien zu spielen. 

„Aber woher wusste Hiob das vor Jahrtausenden?“, fuhr er fort. „Gott sprach zu ihm! Weil Hiob es selbst unmöglich wissen konnte, muss die Bibel wahr sein.“ Dann zeichnete er eine Zeitleiste, trug unter dem Begriff „Wissenschaft“ den Namen Newton sowie das Jahr der Entdeckung ein – verschwieg jedoch den Titel von Newtons Hauptwerk Philosophiae Naturalis Principia Mathematica. „Hast du hierzu Fragen, stelle sie ruhig – ich beantworte sie dir.“, wollte er wissen. 

„Nein“, antwortete ich, nahm einen Schluck von meinem Cappuccino und ergänzte: „Lass uns zu den Prophezeiungen übergehen.“ 

„Gern“, sagte er lächelnd.

Er bat mich, drei Verse aus dem Buch Daniel vorzulesen. Hierbei ging um den Traum von einem Ziegenbock mit einem markanten Horn zwischen den Augen, der einen Widder niederstreckt. Als der Bock auf dem Gipfel seiner Macht steht, bricht das Horn ab, und an seiner Stelle wachsen vier Hörner in alle vier Himmelsrichtungen. 

Ich ließ meinem geschichtlichen Wissen freien Lauf und legte den Traum dar – und traf den Kerndes Traumes. Es handelte sich um Alexander den Großen, dessen plötzlicher Tod auf dem Höhepunkt seiner Macht zur Teilung des Reiches unter seinen vier Generälen führte. 

„Aber Daniel lebte 170 Jahre vor diesem Ereignis!“, rief der Missionar aus, sichtlich bemüht, mich zu beeindrucken. 

„Statistisch gesehen“, entgegnete ich, „würde ein Affe mit einer Schreibmaschine bei unendlich viel Zeit irgendwann Shakespeares Werke tippen. Genauso könnte man unzählige Behauptungen aufstellen, von denen rein statistisch irgendwann in ferner Zukunft eine zutrifft.“ 

Er stutzte kurz. 

„Aber hier liegen ja nur 170 Jahre dazwischen – ein überschaubarer Zeitraum, der keine Ewigkeit voraussetzt“, sagte ich, um ihn zu beruhigen. 

„Ganz genau“, gab er zurück. Er notierte daraufhin die vier Diadochen unter Daniels Prophezeiung.

Schließlich schlug er eine andere Bibelstelle auf und las selbst zwei Verse vor. Darin ging es um den Himmel, einen Ort, an dem Pilger und Suchende frei von Leid und in vollkommenem, ewigem Frieden leben. 

„Kennst du Immanuel Kant?“, fragte ich ihn. „Nein, wer ist das?“ „Ein bedeutender Philosoph. Er verfasste eine Schrift namens Zum ewigen Frieden. Man könnte sie so deuten, dass ewiger Friede auf Erden erst dann eintritt, wenn kein Mensch mehr lebt – jeder also tot ist und schweigt“, sagte ich schmunzelnd. „Ach so“, wunderte er sich. „Nein, nein, so ist das hier nicht gemeint. Man lebt ja weiter – nur eben im Himmel.“

Die größte Überraschung hob er sich für den Schluss auf. Der junge Missionar erklärte, dass es neben Gott auch eine gleichberechtigte, weibliche Göttin gebe, und zeigte mir zwei Verse, die dies belegen sollten. Das war mir neu – dass ausgerechnet eine monotheistische Schrifttradition derart interpretiert wird. Aber warum nicht? Den Feminismus dürfte es freuen.

 

Denn Juristen gehen ähnlich vor. Sie verknüpfen einzelne Paragrafen aus unterschiedlichen Gesetzestexten zu einer Argumentationskette, um einen plausiblen Vorteil für ihre Mandantschaft herauszuholen. Ganz ähnlich machen es Missionare mit der Bibel. Sie picken sich gezielt Verse aus Propheten- und Aposteltexten heraus, konstruieren daraus ein stimmiges Bild von Gottes Absichten und versuchen so, Unentschlossene für ihren Glauben zu gewinnen.

 

Nach etwa einer Stunde verabschiedete er sich, weil er den nächsten Schüler unterrichten musste. Ich dachte mir nur noch folgenden witzigen Gedanken, der mich wie warmes Feuer erwärmte: Gestern war er noch ein ahnungsloser Passant und heute ist er schon ein selbsternannter Reiseleiter ins Paradies, der die Bibel mit der Begeisterung eines Heimwerkers las, der zum ersten Mal eine Bohrmaschine in der Hand hält.



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