Gespräche mit Terminator

Skizze zum Thema Begegnung

von  Augustus

Ehe ich auf das Treffen mit Terminator eingehe, hier ein paar interessante Beobachtungen meinerseits.

 

Spinnen mochte ich eigentlich nie, aber diese Spezies ist eine völlig faszinierende Art mit ganz unterschiedlichen Charakteren. Seit damals eine gigantische Spinne in meinem Schlafzimmer aufkreuzte – ja, fast so groß wie eine Faust –, erinnere ich mich noch genau an meine damalige panische Gefühlslage. Ein unvergessliches Erlebnis!

 

In der immer weiter aufsteigenden Panik handelt man völlig unüberlegt: Ich versuchte, das „Monster“, das an der Wand saß, mit meinem Hausschuh zu erwischen. Als ich meine Hand zum Schlag bewegte, entwischte sie jedoch hinter das Bücherregal. Da stieg meine Panik nur noch höher, weil ich sie nicht mehr sehen konnte – aber genau wusste, dass sie irgendwo da hinten lauerte. Es war etwa Mitternacht und mein Verstand drehte durch; ich fühlte mich wie in einem Horrorfilm. Zuvor dachte ich immer, solch riesige Spinnen seien nur in Südamerika oder Australien heimisch.

 

Mein Bruder tauchte wegen des Lärms irgendwann auf und rief: „Was ist hier los?“ „Hier ist eine Riesenspinne drin!“, rief ich verzweifelt, während ich mit dem Hausschuh in der Hand umherirrte. „Ja und?“, antwortete er ganz gelassen. „Es ist nur eine Spinne.“ Ich konnte in diesem Moment überhaupt nicht begreifen, wie jemand das so locker nehmen konnte. Die Begegnung endete schließlich damit, dass mein Bruder den Giganten mit einem Glas einfing und draußen im Garten freiließ. Ich sah noch hinterher, wie das haarige Wesen auf acht Beinen davoneilte und im Gebüsch verschwand.

 

Eine solche Peinlichkeit sollte mir nicht noch einmal passieren. Daher beschloss ich bereits am nächsten Tag, einige Bücher über Spinnen zu kaufen und mich mit dieser Spezies vertraut zu machen. Dabei erinnerte ich mich daran, wie neugierig ich als Kind auf Spinnen gewesen war. Damals lief ich noch unbeschwert von Gebüsch zu Gebüsch, um die Farben und Muster auf ihren Körpern zu betrachten – völlig ohne Angst oder Panik.

 

Zunächst beschäftigte ich mich mit ihrer Fähigkeit, Netze zu spinnen. Ich schaute mir draußen regelrecht jedes Webmuster an, das mir über den Weg lief, stand davor und beobachtete die Konstruktionen aus etlichen Maschen. Wie elegant sie gestrickt waren! Mit welcher Hingabe die Spinnen ihre Netze zweckentsprechend gestalteten! Manche Arten bauen absolut symmetrisch, andere wirken völlig chaotisch und rein funktional – und manche sind wahre Künstler. Einmal sah ich einer Spinne direkt beim Netzbau zu; dabei drängte sich mir das Bild von Frauen auf, die im Zug oder Bus sitzen und stricken – mit genau dieser stoischen Ruhe und Fokussierung gehen Spinnen ans Werk.

 

Als Nächstes mussten die Namen her. Ich wollte wissen, wie die einzelnen Arten heißen. Und sobald der Schrecken einen Namen hatte, verlor der Schreckeneinen großen Teil seiner Bedrohlichkeit. Nehmen wir zum Beispiel die Zitterspinnen aus der Familie der Pholcidae. Kleiner Körper, extrem lange Beine. Jeder kennt sie; meistens werden sie aus der Wohnung verjagt, im Staubsauger entsorgt oder einfach erschlagen. Heute fange ich sie im Glas ein und setze sie nach draußen. Oder – wenn es nur eine einzelne ist – lasse ich sie einfach in der Zimmerecke sitzen und beobachte sie ab und zu.

 

Gerade letztens machte ich dabei eine erstaunliche Entdeckung. Ich weiß nicht, wie aus dieser einen Zitterspinne plötzlich zwei wurden, aber als ich nach Hause kam, saß an derselben Stelle plötzlich ein winzig kleines Jungtier. Und wo war die Große hin? Sie war tatsächlich umgezogen! Sie hatte ihre angestammte Ecke verlassen und war an der Zimmerdecke von der Kathete zur Hypotenuse gewandert. Ich staunte nicht schlecht. Warum verlässt die Mutter das „Haus“, um es dem Kind zu überlassen, und zieht selbst weiter? Normalerweise ziehen schließlich immer die Kinder aus. Diese soziale Interaktion verblüffte mich zutiefst. Die kleine Nachwuchsspinne erbt das Revier der Mutter, während diese sich ein neues Quartier sucht.

 

Ein anderer Bursche ist eine Gartenkreuzspinne aus der Familie Araneus diadematus draußen im Garten. Er spinnt riesige Netze, traut sich meist erst in der Dämmerung heraus und hockt dann geduldig im Zentrum. Er ist besonders stattlich, weil sich etliche kleine Fliegen in seinem Netz verfangen und er reichlich Futter findet. Letztens beobachtete ich, wie er eine Fliege wie einen Hähnchenschenkel verspeiste – ständig drehend und wendend. Hübsch finde ich ihn zwar nicht, dieser prall gewölbte Hinterleib erinnert eher an einen Ballon und wirkt fast amüsant. Manchmal denke ich scherzhaft, dass er sich wohl nur deshalb so fest am Netz festkrallt, damit er nicht davonfliegt. Jeden Tag gehe ich an ihm vorbei, schaue ihn an und grüße ihn mitunter sogar. Seitdem ich seinen Namen kenne, seinen Nutzen verstehe, seine Geduld schätze und weiß, dass er sein Netz nie verlassen wird – und somit niemals ungeladen in meiner Wohnung auftaucht –, mag ich ihn richtig. Wir pflegen eine friedliche Koexistenz.Zwei völlig unterschiedliche Wesen, die einander respektieren. Er und ich sind wie gute Nachbarn, die sich freundlich zunicken, ohne die Privatsphäre des anderen zu stören.

 

Nun zum Treffen mit Terminator. Er erzählte mir gestern eine unglaubliche Geschichte mit einer geradezu magischen Wendung. Ihm sei quasi mit Brief und Siegel versichert worden, dass ein Zuhause jenseits dieser irdischen Welt existiere. Dieses Zeugnis war für ihn überwältigend und brannte sich tief in seine Seele ein. Anschließend machte er einen Spaziergang, folgte seiner inneren Sehnsucht und ließ sich von seinen Gefühlen leiten – getragen von der Gewissheit, dass unsere Welt nur eine flüchtige Zwischenstation ist.

 

Ich fuhr derweil nach Hause. An einer Haltestelle, an der ich auf die Anschlussbahn wartete, stieg ein junger Mann aus – vielleicht um die zwanzig – und steuerte direkt auf mich zu. „Willst du die Bibel kennenlernen?“, fragte er mich unvermittelt. „Die Bibel? Was ist das?“, stellte ich mich dumm. „Die Heilige Schrift“, antwortete er. „Ich kann dir zeigen, wie man in den Himmel kommt.“ Ich blickte nach oben und sah die Wolken vor dem tiefen Blau vorbeiziehen. „Was ist denn der Himmel?“, hakte ich nach. „Das ist eine wunderschöne Welt, in die man gelangt, wenn man der Bibel folgt“, erklärte er. „Weißt du wirklich nicht, was die Bibel ist?“ „Nein“, erwiderte ich, „vielleicht ein Buch?“ „Du weißt tatsächlich nicht, was die Bibel ist?“, fragte er völlig entgeistert. „Ich weiß nur, dass es wohl etwas mit der Kirche zu tun hat“, entgegnete ich. „Oh, die Kirche ist nicht die Bibel!“, warf er rasch ein. „Die Kirche geht einen falschen Weg.“ „Stimmt“, meinte ich, „die verzeichnen riesige Mitgliederverluste. Man liest ja ständig von schwarzen Schafen und dass viele Leute den Glauben verlieren und die Kirche nicht noch weiter finanzieren wollen.“ Er nickte bekräftigend: „Die Bibel ist der wahre Weg zum Himmel, nicht die Kirche. Die Bibel hat mir persönlich durch schwere Zeiten geholfen, und diese Erfahrung möchte ich teilen.“ „Du hast also Krisen durchgemacht?“, fragte ich nach. „Ja“, bestätigte er, „und die Bibel gab mir Halt. Darf ich dir zwei Verse vorlesen?“ „Nicht hier und jetzt“, schlug ich vor. „Lass uns lieber an einem anderen Tag ganz in Ruhe in einem Café treffen, dann kannst du mir die Bibel genauer erklären.“

So hatte der junge Kerl, der aus dem Nichts aufgetaucht war und zielstrebig auf mich zuging, scheinbar einen echten Volltreffer gelandet. Ein Detail am Rande war besonders amüsant: Als ich mich erkundigte, warum er ausgerechnet mich aus der riesigen Menschenmenge am Bahnsteig herausgepickt hatte, entgegnete er trocken: „Vielleicht hat Gott mich zu dir geschickt.“

 

Normalerweise wimmle ich solche Leute sofort ab. Meistens treten sie zu zweit oder zu dritt auf; die Zeugen Jehovas stehen mitunter sogar zu sechst stumm am Straßenrand und missionieren allein durch ihre bloße Präsenz – unaufdringlich und subtil, ganz im Gegensatz zu den lautstarken Straßenpredigern, die brüllend ins Mikrofon das unausweichliche Ende der sündigen Welt verkünden.

 

Heute möchte ich mir in einem Antiquariat eine Studienbibel zulegen. Allerdings aus völlig anderen Gründen, als man vermuten würde; weder aus religiöser Überzeugung noch zur Vorbereitung auf ein weiteres Treffen. Vielmehr reizt mich der Gedanke, in diesem globalen System die allerersten „Patches“ und Software-Updates der Menschheitsgeschichte einmal aus nächster Nähe zu analysieren.



Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Zur Zeit online: