Nonsens 31 - der Bruder
Skizze zum Thema Gabe
von Augustus
Was so ganz und gänzlich zu kurz kam, ist die Offenbarung, dass unser Freund, den wir bisher so eifrig in seinem Leben begleitet haben, dass er noch einen Bruder hat, der nicht minder an Talenten gesegnet ist als unser Freund selbst. Des Bruders Schicksal verlief aber anders – als das unseres Freundes und er hatte gewisse Charaktermerkmale, die von denen unseres Freundes abwichen. Der Bruder war finanziell ständig klamm und er lebte auf über seine Verhältnisse auf großem Fu, er war gewieft wie ein Fuchs und besaß zwei Seelen in einer Brust, die nicht unterschiedlicher sein konnten. Er besaß einerseits ein mathematisches Genie und andererseits ein schönes Äußere, sodass er ungezwungen und reizend mit den weiblichen Spezies kokettieren konnte. Um sich über Wasser zu halten, lieh er sich immer Geld von seinen etlichen Liebschaften. Kein vernünftiger Mensch mit gesundem Verstand, verstand wie so ein Leben – wie die des Bruders – überhaupt möglich war in einer Gesellschaft voller Arbeitssklaven. Der Bruder war völlig unsichtbar für die Behörden, er war weder bei Krankenkassen bekannt noch beim Arbeitsamt oder Sozialamt. Sein mathematisches Genie ließ ihn nie im Stich. In den Spielkasinos trieb er sich rum, wenn er sein letztes Geld gegen das Glückspiel einsetzte.
Das mathematische Genie bescherte ihm den Gewinn und verzehnfachte ihn – der Bruder ging, ohne der inneren Gier nach „mehr“ anheimzufallen aus dem Casino und traf sich mit einer Geliebten danach, die er beschenkte. So ähnlich beschritt er seinen Lebensunterhalt, mal mehr mal weniger, ohne an den nächsten Tag zu denken. Beeindruckend war – dass dieses mathematische Genie in bald zur Physik hinführte; denn so wie unser Freund las der Bruder ebenfalls etliche Bücher. Gute Bücher waren der absolute Luxus, weil sie extrem viel Zeit sie zu lesen kosteten, die sonst ein Sklavenarbeiter mit Arbeiten gegen Geld eintauschen würde. Zeitlang beglückte er eine junge süße Studentin auf einer privaten Eliteuni, deren Eltern reich waren. Wie es ihm da gut ging, weiß der Leser sicherlich sich vorzustellen. Allein sein wankelmütiger Charakter, der nie über Dauer sich an eine Person binden konnte, führte zur Trennung der beiden schönen Menschen. Bis heute trauert die mittlerweile in die Regierung aufgestiegene ehemalige Geliebte nach ihm.
Nun, er dagegen war im Grunde mit der abstrakte Welt der Mathematik verbunden und betrat Welten jenseits gewöhnlicher Denkweisen. In diesen Welten, die er betrat, bogen sich Linien, krümmten sich Diagonalen, Kreise halbierten sich, die Zeit stauchte sich, Dreiecke verformten sich, Radien der Kreise kollabierten, Gleichungen fügten sich elegant wie Zahnräder ineinander – und all diesen erwuchs eine Poesie, die durch kein Geld der Welt könnte erkauft werden. Einmal schrieb er die maxwell‘schenGleichunngen zum Elektromagnetismus auf den Schultern einer Geliebten, die im Bett gerade neben ihm lag. Zitierte Newton oder Einstein, während die beliebige Geliebte weder den einen noch den anderen kannte. Er besaß keine Ausbildung, brach die Schule ab und war ein Vagabund – ein Nomade – in einer durchstrukturierten Gesellschaft, die ohne Anträge und Genehmigungen nicht überleben konnte. Seinem Charm fielen etliche Studentinnen (oftmals aus den naturwissenschaftlichen Bereichen) zu Füßen, die oftmals in seinem Bett landeten, weil er Gleichungen zitierte und die komplexen Aufgaben auf einem Bierdeckel löste, als sie in der Kneipe sich kennenlernten. Es kam mal vor, dass drei der vielen Geliebten gleichzeitig an seiner Tür klopften und sich gegenseitig über den Bruder ärgerten, wo bald ihr anfänglicher Wunsch ihn zu sehen in Wut umsprang, betrogen worden zu sein. Sechs Fäuste klopften gegen seine Tür, Flüche schallten durch den Korridor. Er allein saß gegenüber in einem Café und schlürfte einen süßen Mokka und grübelte darüber nach, wie Sterne implodieren und zu schwarzen Löchern werden – und sah gewisse Ähnlichkeiten zu den drei jungen Frauen, die gerade gleichfalls vor Zorn implodierten und zu schwarzen Löchern geronnen. Es war Zeit die Stadt zu wechseln, dachte er sich, den man möchte meinen, es liefen mittlerweile so viele weibliche Geschöpfe herum, die er im Bett hatte, dass er nun überall auf der Straße einer begegnen müsste. Beiden diese Peinlichkeiten zu ersparen, wog er an wegzuziehen. Die Wahrscheinlichkeit, so rechnete er es aus, dass er jeden Tag auf eine seiner Ex-Geliebten trifft, liegt bei 90%, wenn er sich in der Stadt bewegt. Zu viel! Einerseits war er ein notorischer Liebhaber, andererseits einer, der die Einsamkeit liebte, wenn er sie brauchte für seine mathematischen Arbeiten. Von 500 Telefonnummern in seinem Handy wusste er, er brauche nur eine anzurufen und er wird vergnügliche Bettstunden haben – und Geld. Er blieb doch in der Stadt, gleichwohl er sich einige von den Geliebten zum Feind gemacht hatte, er wechselte nur die Wohnung und zog woanders innerhalb der Stadt.Die, die ihn mittlerweile hassten, hasste ihn allerdings aus Liebe.
In nur einem Monat konnte er die Amplitude des weiblichen Herzens und damit ihre Vorstellung von Liebe so ins unermessliche steigern, dass jeder Mann nach ihm nur eine gerade Linie im Herzen der Geliebten verursachte. Dieser Abfall der Amplitude der Gefühle auf die gerade Linie war das stabile und sichere Leben was sich die meisten wünschten und sehnten – aber ein Genie denkt, fühlt und tickt anders – die gerade Linie – wie auf einem Pulsoximeter – bedeutete in Wahrheit einen Notfall, wenn nicht sogar den Tod im Leben.