Menschen, die sich in Brunnen werfen, und andere Phänomene #2
Text zum Thema Beziehung
von S4SCH4
Reingefallen, die Zweite …
„Ich bin selbst schuld!“, „Es war alles mein Fehler!“ und ähnliche Beteuerungen helfen da, wo eine Beziehung im Brunnen landete, nicht weiter. Solcherlei Entschuldigungen sind schlichtweg zu billig, werden fast schon als Beleidigung aufgefasst und vom (Unter-)Bewusstsein in der Regel scharf gewetzt, damit daraus viele kleine Einschnitte und Einstiche werden.
Denn ich will wissen!
Wissen, warum!
Wissen, wo und wann!
Und überhaupt:
Einsicht ist der erste Weg zur Besserung!
Denn ich müsse die Hintergründe verstehen, um nachhaltig zu sein!
BULLSHIT!
Und weil es so schön war:
BULLSHIT!
Das Opfer einer Beziehungskiste – einer Box, von der man nie wissen kann, was drin ist, so kann es beispielsweise genauso die Büchse der Pandora sein wie ein Koffer aus allerhand Glücksmomenten – ist nach einem Desaster oft auf sich allein gestellt und schaut direkt in ein Unglück, das von Beginn an bereits ein Fluch war oder sich eben zuerst als Segen ankündigte.
In beiden Fällen bleibt die Sache verloren, bisweilen verdammt, und es ist nur schwer, darüber hinwegzukommen.
Das eine kommt vielleicht mit einem „Ich hätte es doch wissen müssen, es war doch absehbar!“ daher, während das andere Aussagen wie „Es war doch alles so schön, warum habe ich es nicht gemerkt!“ usw. usf. nach sich zieht.
Die Liste ist lang und das volle Sortiment an den vorgenannten Wissensdurstfragen wird verpackt mit der Aufschrift: „Echte Reue!“.
Die eingangs erwähnte „unechte Reue“ (leichtgemachte Entschuldigung) gilt immer dann, wenn Erziehungsmaßnahmen nicht erforderlich sind oder die Machtausübung höherer Moralinstanzen gerade nicht zugegen ist und auch innerlich blind oder verhindert scheint.
Die Gründe für diese selbstzerfleischenden W-Fragen zur Beziehung liegen folgerichtig in der Erziehung, der Präventionsgesellschaft und der Macht, die daran glauben will, dass mit Einsicht alles besser wird (wasserpredigende, weinsaufende Wildschweinfresser). Ws ohne Ende in einem Weh ohne Ende?
Daher ist jede Beziehungsmisere immer ein Prüfstein: Für die eigens erfahrene Erziehung, in dem Sinne, dass ich fragen muss: Bin ich das noch, will ich noch derart sicher und hart durch eine regulierende Hand gefistet werden? Etwas, das mich maßregelt und für die Welt einstimmt? Oder habe ich bereits zu viel Konzerte gespielt, als dass ich nun noch meine Klangmarke änderte?
Nicht selten werden damit Erinnerungen an die Kindheit, Jugend, an Eltern usw. freigesetzt, was die Situation im seltensten Fall im Kopf deeskaliert. Sondern die daraus hergeleiteten emotionalen Katalysatoren befeuern das aktuelle Feuer der gebrochenen Beziehung ungemein mehr.
Nicht jeder möchte daraufhin einen Trip in sein Unterbewusstsein unternehmen und alles sehen, streicheln, verarzten; nicht jeder findet sofort jemanden, der solch einen Trip bucht und leitet (Psychotherapeut); und nicht jeder ist ohnehin nicht jeder, sprich: Jeder ist anders und eigentlich auch nicht.
Stehen wir nun vor der Misere: keine einfache Entschuldigung, keine leichte Verarbeitung des Geschehens (ganz im Gegenteil) … hilft nur:
Reingefallen.
Ja, genau: Reingefallen.
Warum?
Ja, was soll auch helfen?
Es hilft nichts, Hilfe nur zu erwarten oder (an) Hilfe zu denken.
Heulen, Schreien, Angst und Scham regulieren den Körper und seinen Geist um einiges besser, als es der Kopf, der Geist oder der Mann im Mond mit allerhand Weisheit je kann. Wer dazu nicht bereit ist, blättere zurück und suche den Teil mit dem „Selbstschuld“.
Vorausgesetzt, diese Emotionen brechen roh und ungefiltert hervor und sind nicht aufgrund der elenden W-Fragen getriggert, ja, damit verbunden und verwachsen, kommt diese körperliche Entschuldigung wohl der günstigen Variante jener Entschuldigung gleich, die am Anfang des Textes als ungenügend verworfen wurde. Die Akzeptanz des Unterbewusstseins ist dabei allerdings gesichert. Warum? Ganz einfach: weil dem dunklen Schlund das Maul gestopft wird, wie man so schön sagt.
Wer also zuvor meinte, seinen Körper aufgrund geistiger Fertigkeiten an die Garderobe hängen zu können, Ambrosia zu speisen und ne ruhige Kugel zu schieben, wird seinen Leib gegen einiges Pfand wiederentdecken müssen.
Denn nichts ist umsonst. Die Natur fordert ihren Preis.
Der zu verwildernde Brunnen benötigt selbst Wasser.
Blut, Schweiß und Tränen!
Und sowieso: einer bezahlt immer, auch wenn es umsonst war.