Kalenderblatt II

Kalendergeschichte zum Thema Stolz

von  IngeWrobel

 

Die Mitarbeiterin am Schalter der Hauptpost schaut mich kurz an, ohne dass ihr Gesicht eine Emotion erkennen lässt. Dann richtet sie ihr Augenmerk (welch schönes altes Wort für einen Blick!) auf das Sparbuch. Stumm und ohne erkennbare Emotion lauscht sie meinen erklärenden Worten. Ihr verrate ich mein Geheimnis: Auf dieses Postsparkonto zahlte ich meine Autorengelder ein, also den Inhalt meines Spendentöpfchens bei Lesungen und die Einnahme von Buchverkäufen.

Nun gibt es diese Sparkonten nicht mehr, die Post hat sie einfach aufgelöst. Das Guthaben wurde auf mein Bank-Girokonto überwiesen.

Das Interesse der Buchkäufer und das Dankeschön der Zuhörer fließt nun in meine Haushaltskasse. Nun bin ich nur noch Hausfrau und Rentnerin.

Das aufbauende Gefühl und der Beweis, dass ich mit meinem Schreiben und Lesen als Autorin Menschen erfreuen konnte, existiert nicht mehr.  

Die Postangestellte am Schalter schenkt mir ein verstehendes Lächeln, das wohl tröstend gemeint ist.

Immerhin.



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Kommentare zu diesem Text


 harzgebirgler (08.04.26, 14:18)
:) :)
der kunst, die man gern brotlos nennt
frönt manch skribentin und skribent.  :D

schmunzelgrüße
henning

 IngeWrobel meinte dazu am 13.04.26 um 18:59:
Lieber Henning, 

ich freue mich ganz besonders über Dein Lesen, Empfehlen und Kommentieren dieses unspektakulären Textes. 
Solches Einfühlen verdient von mir nicht nur ein DANKE!, sondern auch 
EIN GANZ LIEBES LÄCHELN  :kissing: 
Inge

 harzgebirgler antwortete darauf am 14.04.26 um 13:55:
:) :) :D :D

 TassoTuwas (13.04.26, 19:43)
Liebe Inge,

als ich vor Jahren am Bankschalter stand, auf dem mein Sparbuch lag, hab ich dem guten Mann auch gesagt: "Da kommen die Einnahmen aus meiner Schriftstellerei drauf", worauf sein Blick eine ganze Weile zwischen mir und dem Sparbuch hin und her wanderte, und schließlich sagte er: "Wenn Sie das nächste Mal kommen, bringen sie ein Buch mit, ich kauf es ihnen ab!"

Herzliche Grüße
TT

 harzgebirgler schrieb daraufhin am 14.04.26 um 13:56:

 IngeWrobel äußerte darauf am 16.04.26 um 00:32:
Lieber TT, 

vor über 20 Jahren ging es mir genauso wie Dir. 
Da bedienten mich nicht die Automaten in dem Vorraum der Filiale, sondern ich ging in den Kassenraum zu Mitarbeitern, die ich namentlich kannte und die mich kannten. 
Da gab es eine Kassiererin, die jedes meiner Bücher nach Erscheinen kaufte. Leider ging sie bald in Ruhestand, und ich hatte mein neues Buch umsonst dabei. 

Durch E-Book und Smartphone taugt ein gebundenes Buch nichtmal mehr als Urlaubslektüre. *heul* 

Da blieb nur noch die Verkaufsmöglichkeit bei Lesungen. Aber nach Corona gibt es für mich quasi keine Lesungen mehr in meinem Umfeld. 

Ja, das ist das Schicksal von uns Hobby-Dichtern, gell? 

Ich wünsche Dir eine schöne Woche 
und grüße Dich herzlich 
Inge aus Eutingen  8-)
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